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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 291 | (Post-)Koloniale Reisebilder María Do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan: Postkoloniale Theorie

María Do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan: Postkoloniale Theorie

Eine kritische Einführung. transcript, Bielefeld 2005. 162 Seiten, 16,80 Euro.

Freiheit für den Widerspruch

Während die Postcolonial Studies im englischsprachigen Raum spätestens seit den 1980er Jahren einen unverzichtbaren Bestandteil des sozial- und kulturwissenschaftlichen Kanons bilden, ist die postkoloniale Kritik und Theoriebildung in Deutschland bis vor kurzem nicht wahrgenommen oder gar abgelehnt worden. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass sich viele WissenschaftlerInnen und PolitikerInnen hartnäckig weigern anzuerkennen, dass Deutschland ein Land mit kolonialer Vergangenheit ist. Doch auch die Linke in Deutschland hat die theoretischen Ansätze aus dem Umfeld der Postcolonial Studies als Instrumentarium zur Kritik von Rassismus, Imperialismus, Multikulturalität, repressiver Migrationspolitik oder deutscher Leitkulturdebatte vielfach mit dem Argument "postmoderner Beliebigkeit" abgelehnt. Erst seit Ende der 1990er Jahre werden auch hierzulande postkoloniale Theorien breiter rezipiert und für Deutschland kontextualisiert (etwa Kien Nghi Ha: "Ethnizität und Migration", 1999, und "Hype um Hybridität", 2005, sowie Encarnación Gutiérrez Rodriguez und Hito Steyerl: "Spricht die Subalterne Deutsch - Postkoloniale Kritik und Migration", 2004).

Nun haben María Do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan mit ihrem Buch Postkoloniale Theorie - eine kritische Einführung erstmals in deutscher Sprache einen systematisch angelegten Überblick der Geschichte und Methodologie sowie der zentralen Begriffe, Theoreme und VertreterInnen der Postcolonial Studies veröffentlicht. Die beiden Autorinnen merken allerdings bereits im Vorwort an, dass ihr Anspruch, eine kritische Einführung vorzulegen, gerade jetzt, "wo im deutschsprachigen Kontext von einer merklichen Rezeption postkolonialer Theorie gesprochen werden kann", zwar möglicherweise jenen das Wort reden könne, die hierzulande nach wie vor eine Auseinandersetzung mit postkolonialen Theorien ablehnen, "noch ehe sie sich einen Platz im kritischen Diskurs sichern konnte." Überwogen habe schließlich jedoch die Überzeugung, dass "die Anstöße, die aus der Richtung postkolonialer Theorie kommen", nicht nur "wissenschaftlich fruchtbar", sondern "auch politisch wichtig und notwendig sind".

So ist der Band sowohl wissenschaftlich wie auch als politische Intervention sehr gelungen. Die historische Periodisierung und Klärung von zentralen Begriffen wie "Kolonialismus", "Imperialismus" und "Postkolonialismus" sowie die erkenntnistheoretische Rekonstruktion der postkolonialen Theoriebildung von Frantz Fanons antikolonialem Befreiungskampf, über Benedict Andersons Konzept der "imagined community", Grundlage jeder fundamentalen Kritik am "national bias" von Politik, Kultur und Wissenschaft, bis zu Paul Gilroys transnationalem Konzept des "Black Atlantic" werden ebenso kurz wie dicht abgehandelt. Viel Raum nehmen hingegen die kritischen Betrachtungen des Denkens und der Werke des "Triumvirats" postkolonialer Theoriebildung ein: Edward Said und sein Begriff des Orientalismus, Gayatri Chakravorty Spivaks Konzept der Subalternität und ihr ebenso sperriger wie radikaler Dekonstruktivismus sowie Homi Bhabhas Idee der Hybridität.

Um den Beliebigkeitsvorwurf zu entkräften, prüft ein zusammenführendes Kapital die Möglichkeiten und Grenzen postkolonialer Theorie für linke politische Praktiken: politische Identitäten und Allianzen, Antirassismus, migrantischer Aktivismus, Gender- und Sexualitätspolitiken. Leider geht die starke Fokussierung auf Said, Spivak und Bhabha etwas auf Kosten aktueller Debatten beispielsweise um Whiteness oder um Migration, Kultur und Raum im Zeichen der Globalisierung. So bleibt der derzeit ebenso stark rezipierte wie umstrittene Arjun Appadurai mit seinen Konzepten der Postnationalität und der globalen ethnischen Räume gänzlich unerwähnt. Aber wie die Autorinnen selbst sagen, verstehen sie ihr Buch als einen Anstoß für Ein- und Widersprüche. Denn: "Wie jede kritische Theorie lebt auch die postkoloniale Theorie von der Debatte".

Stefanie Kron

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