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Editorial

Im Herzen der Finsternis

Es war mal wieder eine Sternstunde professioneller Sprachakrobaten, ergo der Berufspolitiker, Kommentatoren und Experten, als es darum ging, den Einsatz der Bundeswehr in der DR Kongo erst rhetorisch durchzuführen, um ihn dann auf Sparflamme abzuwickeln. »Wir werden uns als Bundesrepublik einer Verantwortung in Europa nicht entziehen«, sagte Verteidigungsminister Jung, »wir bestehen aber darauf, dass es eine gemeinsame Verantwortung Europas ist.« Bundeskanzlerin Merkel schränkte umgehend ein, der Präsident des Kongo müsse zunächst deutlich machen, dass die Mission willkommen sei. Die Bundeswehr bräuchte eine zeitliche Befristung und eine räumliche Zuordnung. Wenn man in den Kongo hineingehe, müsse klar sein, dass man klare Strategien habe, wie man das Land wieder verlassen könne.

 

 

Mitte März haben sich die europäischen Regierungen weitgehend mit der UN darauf geeinigt, dass die momentan schon im Kongo stationierten Blauhelm-Truppen durch europäische Soldaten ergänzt werden. Sie sollen die dortigen Wahlen im Juni überwachen. Allerdings räumt der politische Direktor der Uno-Friedensmission im Kongo, Albrecht Conze, ein: »Wir sind eine Peace-keeping-army von 6 Uhr in der Früh bis 6 Uhr abends«, denn nachts könne man nicht für Sicherheit sorgen. Das werde sich auch nicht ändern, wenn Anfang Juni wie geplant 500 EU-Soldaten in Kinshasa eintreffen. Es gehe, so Conze, um die Sicherheit der Hauptstadt, um den Schutz des Flughafens und wichtiger Gebäude, insbesondere aber um den der Wahlkommission. Die europäischen Truppen werden nicht viel mehr bewegen können, als Diplomaten und andere Ausländer zu schützen und möglicherweise auszufliegen.

 

Der Kritik, mit einem solcherart konzipierten Einsatz möglicherweise ähnliche Entwicklungen zu provozieren wie vor zwölf Jahren in Ruanda, begegnen die Verantwortlichen mit immer gleichen Erklärungen: Die ländlichen Gebiete seien ohnehin nicht zu kontrollieren, dort herrsche »Anarchie«. Tatsächlich ist die Situation unübersichtlich und vor allem von Gewalt dominiert. Im ländlichen Kongo gibt es keine funktionierenden zentralstaatlichen Strukturen. Bei den Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern diverser Warlords sterben täglich viele Menschen.

 

Offensichtlich ist es aber nicht die Lage der Bevölkerung, die Gegner wie Befürworter des Kongo-Einsatzes interessiert, es geht einzig und allein um Punkte für den deutschen Sitz im UN-Weltsicherheitsrat. Die einen sehen die Notwendigkeit eines »Engagements«, die anderen halten den Gang nach Afrika für überflüssig: »Auf dem Balkan und in Afghanistan hat Deutschland längst bewiesen, dass es zu seiner internationalen Verantwortung steht. Ein deutscher Kriegseinsatz im Kongo wäre völlig verfehlt«, so stellvertretend für viele andere die Lausitzer Zeitung. Nicht antimilitaristische Einsicht ist es also, die zur Ablehnung des Kongo-Einsatzes führt, sondern eine politische Kosten-Nutzen-Rechnung, in der Afrika nicht viel zählt.

Auffällig ist auch der blanke Rassismus, der aus vielen ablehnenden Kommentaren – und vor allem aus den Karikaturen – zum Kongo-Einsatz spricht: Europäische Soldaten, die in den dunklen Wald müssen, die vor einem Krokodil mit weit aufgerissenem Maul stehen, die über einem Fluss voller Krokodile stehen. Der Feind, das ist keine reguläre Armee, sondern das sind »marodierende Banden«. Für Rupert Neudeck, Mitbegründer und Vorsitzender des internationalen Friedenskorps Grünhelme, ist der Kongo »eine Räuberhöhle«. Der SPIEGEL sieht gar »Kannibalen«, die deutschen Soldaten entgegentreten könnten; man begebe sich im Kongo in das »Herz der Finsternis«, heißt es Bezug nehmend auf Joseph Conrads gleichnamiges Buch aus den 1920er Jahren.

 

 

Diese finstere (Bilder-)Sprache unterscheidet sich kaum von jener, die zu Zeiten Conrads gängig war. Damit drängt sich eine erschreckende Erkenntnis auf: Nicht nur die Befürworter des Einsatzes in der DR Kongo argumentieren in kolonialrassistischer Tradition, sondern gerade auch die Gegner. Zur Ablehnung des Einsatzes deutscher Soldaten in der DR Kongo gibt es dennoch keine Alternative, meint

die redaktion

 

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