Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 292 | Linke in Lateinamerika Detlev Claussen: Béla Guttmann

Detlev Claussen: Béla Guttmann

Weltgeschichte des Fußballs in einer Person, Berenberg Verlag, 2006. 140 Seiten, 19 Euro, 33,60 SFr.

Weltgeschichte des Fußballs: Auszüge aus Detlev Claussens Buch über Béla Guttmann

Die Fußball-Weltmeisterschaft wirft ihre Schatten voraus. Der Markt ist schon jetzt übervoll mit vorausschauenden und rückblickenden Büchern, mit Bildbänden und Hörbüchern. Dennoch überrascht, dass sich nun auch der Adorno-Schüler Detlev Claussen jenes Themas annimmt, das das Land mit einer schwarz-rot-goldenen Welle zu ertränken droht.
Detlev Claussen lässt die aktuellen Ereignisse jedoch außen vor. Dem Autor geht es um die Weltgeschichte des Fußballs, die er in einer Person zu bündeln versucht: Béla Guttmann, ein ungarischer Jude, der zunächst als Spieler mit der jüdischen Hakoah in Österreich in den 1920er Jahren Furore machte und dann als Trainer Weltruf erlangte. Es geht um Systeme und Stile, um Kommerzialisierung und Kulturkontakte, um die Globalisierung des Fußballs inmitten einer Weltgeschichte, die das Spiel nicht unberührt gelassen hat.
Claussen schildert, wie nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Fußballmigration, insbesondere den Einkauf südamerikanischer Spieler nach Europa, ein Fußballweltmarkt entsteht. Das "Moving with the ball" erfolgte im Zuge der Professionalisierung des Fußballs, und im Zuge dieser Professionalisierung entwickelten sich neue Spielkulturen, wie jene von Benfica Lissabon. Hier berührten sich dank Guttmann Brasilien und Europa:

Nach dem Spiel war Eusébio zu ihm gekommen, um das Trikot zu tauschen. Puskas willigte ein. Viele Medien interpretierten diese Geste symbolisch: Der alte Meister tritt ab, der neue Himmelsstürmer übernimmt. Ein Epochenwechsel schien sich in dieser Geste auszudrücken. Die konventionelle Interpretation verfehlt allerdings die Bedeutung dieses entscheidenden Augenblicks. Der wiederholte Erfolg Benficas über die beiden spanischen Großklubs, FC Barcelona 1961 und Real Madrid 1962, signalisierte tatsächlich eine Veränderung im Weltfußball. In Barcelona und Madrid war es Fußballpatriarchen gelungen, Weltstars aus Lateinamerika und vornehmlich aus Ungarn zu einer kreativen Vereinigung zusammenzubringen. In ihrem Zusammenwirken berührten sich fußballerische Traditionen zweier Kontinente. Doch der Einbau des modernen brasilianischen Elements war noch nicht gelungen: Noch 1959 war Didi, der brasilianische Mittelfeldstar der beiden vorangegangenen Weltmeisterschaften, bei Real Madrid gescheitert. Neben di Stefano fand er keinen Platz. In Lissabon, wo mit Béla Guttmann der rechte Mann zur rechten Zeit am rechten Ort stand, berührten sich Brasilien und Europa buchstäblich. Guttmann konnte die brasilianischen Stilelemente, die er selbst in São Paulo mit entwickelt hatte, in den europäischen Fußball integrieren. Und er konnte mit seinen jungen Spielern, die sich an brasilianischen fußballerischen Idealen orientierten, eine ganz neue Mannschaft kreieren. Auf das harmonische Zusammenleben einzelner Stars war er nicht angewiesen. Eusébio und seine Freunde hatten ihre erste eigene Straßenmannschaft in Lourenço Marques Os brasileiros genannt. Später bekannte er: 'Zwei Herzen schlagen in meiner Brust: ein brasilianisches und ein portugiesisches.' Die von Guttmann aufgebaute Benficamannschaft verkörperte diese Synthese, die erst durch die Professionalisierung des Fußballs in der gesamten Welt möglich wurde. Der Fußball als Beruf brachte den jungen schwarzen Straßenfußballer aus einer kolonialen Provinzhauptstadt mit einem ungarischjüdischen Trainer zusammen, der notgedrungen im bewegten zwanzigsten Jahrhundert die ganze Welt kennengelernt hatte. Mit Geduld und Ironie versuchte er seinen Erfolg zu erklären: 'In meiner langen Laufbahn habe ich viele Länder bereist und in einigen auch gearbeitet. Wenn ich irgendwo im Fußball etwas Gutes sah, das habe ich sofort gestohlen und für mich behalten. Nach einer Weile mixte ich mir einen Cocktail von diesen gestohlenen Delikatessen.' Sein bester Drink hieß Benfica. (S. 121-122)

Das Schlüsselspiel des Buches findet am 2. Mai 1962 in Amsterdam statt: Benfica Lissabon besiegt in einem legendären Europacupfinale Real Madrid um di Stefano und Puskas mit 5:3. An der Außenlinie des Teams um den aufstrebenden Eusébio steht Guttmann. Mit seinem Namen ist der ungarische Wunderfußball zu Beginn der 50er Jahre verbunden wie die europäischen Triumphe von Benfica. Das offensive 4-2-4-Sytem, mit dem Brasilien 1958 die Weltmeisterschaft gewann, trug die Guttmannsche Handschrift, der kurz vor den Titelkämpfen in Schweden den Sao Paolo FC betreut hatte.

Auf diese Qualität konnte er auch im Finale von Amsterdam gegen Real Madrid bauen, das zum sportlichen Gipfel seiner Trainerkarriere werden sollte. In der Halbzeit stand es 2:3, nachdem Benfica bereits einen 2:0-Vorsprung der Spanier ausgeglichen hatte und dann doch noch ein drittes Puskas-Tor hatte hinnehmen müssen. Guttmann aber hatte seinen Spielern gesagt, selbst wenn sie zwei Tore zurückliegen würden, könnten sie es schaffen. (...) Nun kam die große Zeit von Eusébio, der alles vorführen konnte, was den Benficafußball von Guttmann ausmachte: Die Nutzung von Länge und Breite des Platzes, den Variantenreichtum der Angriffszüge und das unermüdliche Pressing gegenüber einem technisch versierten Gegner. Der Druck im Strafraum Reals wurde übermächtig, Eusébio konnte schließlich nur durch ein Foul gestoppt werden. Den fälligen Elfmeter verwandelte der gerade Zwanzigjährige selbst. Nun schwand die Siegeszuversicht bei den mit übergroßem Selbstvertrauen gestarteten Spaniern, und das wiederum verstärkte die Gewißheit der jungen portugiesischen Mannschaft, an diesem Tag als Sieger vom Platz zu gehen. Noch einmal bäumte sich di Stefano zu einem Alleingang auf, aber er scheiterte am Weltklassetorwart Pereira. In der 77. Minute entschied Eusébio das Spiel. Statt wie erwartet direkt draufzuknallen, hatte Coluna ihm einen Freistoß 20 Meter vor dem Tor quergelegt: Freie Schußbahn für Eusébio. Real konnte nur noch zuschauen, wie der Ball ins Netz zischte.
(S. 117-120)

292 | Linke in Lateinamerika
Cover Vergrößern