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Editorial Dossier

Zwangsarbeit und Sklaverei heute

Zwangsarbeit und Sklaverei werden gemeinhin historisch verortet. Entsprechend gering ist das öffentliche Wissen darüber, dass es aktuell weltweit viele Millionen Menschen gibt, die als SklavInnen oder in sklavereiähnlichen Verhältnissen leben und arbeiten müssen. Zwar erkennt die International Labour Organisation (ILO) in einem 2005 vorgelegten Bericht »ermutigende Anzeichen« für ein wachsendes internationales Engagement in diesem Bereich, dennoch besteht weiterhin ein hoher Aufklärungs-, Diskussions- und Handlungsbedarf.

Neben traditionellen Formen der Sklaverei wie der Leibeigenschaft oder der Schuldknechtschaft haben sich moderne Formen entwickelt; die Grenzen zwischen SklavInnenarbeit im engen Sinne und anderen Formen extremer Ausbeutung sind dabei fließend. Zu den verschiedenen Personengruppen und Erscheinungsformen  zählen KindersoldatInnen in mehreren Ländern Afrikas, Zwangsprostituierte aus Osteuropa in Westeuropa, Menschenhandel im Sudan, über Generationen vererbte Schuldknechtschaft auf indischen Teeplantagen oder auf abgelegene nordbrasilianische Fazendas gelockte LandarbeiterInnen.

Doch auch direkt in den Ländern Westeuropas existieren Zwangsarbeitsverhältnisse, beispielsweise in Form von Zwangsprostitution oder im Haushalt. Allerdings bleiben diese zumeist unsichtbar und sind kaum ins öffentliche Bewusstsein gedrungen. Häufig fehlt es den Betroffenen an Möglichkeiten, aus diesen Verhältnissen auszubrechen und um Hilfe zu suchen, da sie als Migrantinnen ohne legalen Aufenthaltsstatus ihren AusbeuterInnen mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert sind. Hier muss gefragt werden, wie die rechtliche und soziale Situation von betroffenen Migrantinnen verbessert werden kann.

Die KonsumentInnen in jenen Ländern, die sich für frei von extremer Ausbeutung halten, sind auch über den Weltmarkt mit der Problematik verwickelt. So wird beispielsweise in der Textilindustrie, dem Kaffee- und Kakaoanbau, der Edelsteinverarbeitung, der Lederindustrie oder der Teppichherstellung weltweit auch unter den Bedingungen von extremer Ausbeutung und Sklaverei produziert. Hier ergeben sich über Kampagnen und gezieltes Verbrauchsverhalten Möglichkeiten direkter Einflussnahme der KonsumentInnen.

Angesichts der zunehmend unsicheren Arbeitswelt stellt sich die Frage, wo die Grenze zwischen extremen Formen von Ausbeutung durch Lohnarbeit einerseits und Zwangsarbeit bzw. Sklaverei andererseits zu ziehen ist. »Sklavenhändler, hast du Arbeit für mich? Sklavenhändler, ich tu alles für Dich« sangen Ton Steine Scherben 1971 und zielten damit auf die ganz ‚normale’ Ausbeutung. Aber Sklaverei und Zwangsarbeit liegen erst vor, wenn Menschen umfassend der Verfügungsgewalt durch andere unterworfen sind. Die sich weltweit öffnende Schere zwischen Arm und Reich vergrößert dabei das Reservoir schutzloser Menschen für die neue Sklaverei.

 

In der Einleitung dieser Broschüre geht es nach einem kurzen historischen Abriss zunächst darum, was heute eigentlich unter Zwangsarbeit und Sklaverei zu verstehen ist. Mit der International Labour Organization und der International Organization of Migration stellen wir Organisationen vor, die den Kampf gegen die Zwangsarbeit in ihre Agenda aufgenommen haben. In mehreren Länderartikeln befassen wir uns mit Kriegsökonomie und Zwangsarbeit im Sudan, der Versklavung von LandarbeiterInnen in Brasilien und Zwangsheirat in Indien. Mit frauenspezifischen Aspekten beschäftigt sich auch die Kontroverse über die Zwangsverheiratung türkischer Migrantinnen in Deutschland. Außerdem führten wir ein Gespräch mit Michaela Ludwig, die im Auftrag von terre des hommes eine Studie über KindersoldatInnen erarbeitet hat. Im Serviceteil bieten wir einen Überblick über weiterführende Internetadressen, Literatur und aktuelle Kampagnen.

Die Zwangsarbeit im NS-Terrorregime greifen wir in diesem Dossier nicht auf. Dieser nur wenige Jahrzehnte zurückliegende größte zwangsweise Arbeitseinsatz mit der größten Deportation seit Ende des Sklavenhandels, der im Unterschied zu anderen Formen auch die planmäßige »Vernichtung durch Arbeit« enthielt, verlässt den Rahmen unserer Untersuchung. Wir möchten hier aber auf den Verein www.kontakte-kontakty.de hinweisen, der ehemalige NS-ZwangsarbeiterInnen in Osteuropa unterstützt, die bis heute keinerlei Entschädigung erhalten haben.

 

die redaktion

 

294 | Zwangsarbeit & Sklaverei
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