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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 294 | Zwangsarbeit & Sklaverei Elmar Altvater: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen

Elmar Altvater: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen

Eine radikale Kapitalismuskritik. Verlag Westfälisches Dampfboot. Münster 2006, 240 Seiten, 19,90 Euro.

Die etwas andere Weltwirtschaftsanalyse

Die akademischen VertreterInnen der Jugendrevolte Ende der 1960er Jahre gehen in Rente. Vor wenigen Monaten hat auch Elmar Altvater seine Abschiedsvorlesung an der FU Berlin gehalten. Dennoch: Altvater ist aktueller denn je. Er ist kein Marxist, der zurück zum "wahren Marx" will, sondern er wollte und will im Gegenteil seinen zentralen Theoretiker aus den Verkrustungen befreien, zu denen viele seiner GegnerInnen, aber auch seine JüngerInnen beigetragen haben.

Bereits 1987 hat Altvater in "Sachzwang Weltmarkt" am Fallbeispiel Brasilien die Kritik der politischen Ökonomie mit Themen wie Weltwirtschaft, sozialer Frage und ökologischen Grenzen verknüpft. Zentrale Beispiele damals waren die Verschuldungskrise der Entwicklungsländer und die Inwertsetzung der Amazonasregion "Grande Carajas". In den 1990er Jahren war "Grenzen der Globalisierung" ein theoretisches Standardwerk der so genannten GlobalisierungsgegnerInnen. Jetzt hat Altvater mit Das Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen ein zorniges und gleichsam fundiertes Buch in den politischen Raum gestellt.

Altvater ruft in Erinnerung, dass erst Marx "unter dem Kapital ein spezifisches soziales Verhältnis zwischen Kapitalisten und denjenigen, die für sie arbeiten und dabei ausgebeutet werden, um einen Überschuss, einen Mehrwert, einen Profit zu erzeugen" (S. 34) versteht. Marx geht mit dem Begriff Kapitalismus sehr zögerlich um. In seinen Analysen komme er kaum vor, nur wenn es um Alternativen jenseits unserer Gesellschaftsform gehe. "Marx hatte gegen die im Begriff Kapitalismus möglicherweise angelegten Tendenzen einer Verdinglichung von Sprache und Bewusstsein Vorbehalte, wie sie gegen alle Ismen, das sind Namen, nicht Begriffe, angebracht sind" (S. 37). Viele MarxistInnen sahen das später leider etwas anders.
Altvater führt die LeserInnen durch eine knapp 150jährige Wirtschaftsgeschichte. Der Überblick ist subjektiv, aber nie langweilig. Es geht um die Auseinandersetzung mit linken KlassikerInnen wie Rosa Luxemburg, die das Ende des Kapitalismus voraussagte, oder Antonio Gramsci, der anhand linker Bewegungen und Parteien beschrieb, wie sie sich in der Konsensproduktion verfingen. Aber auch bürgerliche Ökonomen des 20.Jahrhunderts wie Max Weber oder Karl von Polany werden in die Analysen mit einbezogen.

Der Titel "Das Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen" kann in die falsche Richtung lenken. Denn Altvater ist überzeugt, dass der Kapitalismus nicht an seinen inneren Widersprüchen zugrunde geht. Der zentrale Anstoß werde von außen kommen. Zum Beispiel durch das Versiegen der fossilen Energiequellen. Der Übergang von der fossilen hin zu regenerativen Energien könne über drei Wege beschritten werden: über "den der Effizienzrevolution, den der Suffizienzrevolution und den einer neuen Allianz von Natur und Gesellschaft" (S. 211). Der erste Weg führt für Altvater weiter in die Sackgasse, der zweite verbleibt in den Fallstricken der kapitalistischen Vergesellschaftung und nur der dritte Weg bietet seiner Ansicht nach eine Chance, die "Erde aus der Zwangsjacke des geschlossenen fossilen Energiesystems zu befreien und wieder zu einem offenen Energiesystem zu machen, das vor allem die Strahlenenergie der Sonne verarbeitet" (S. 213).

Altvaters Alternative zur bestehenden Wirtschaftsweise ist eine solidarische Ökonomie. Diese beschreibt er theoretisch fundiert, wobei er auch taktisch-praktische Überlegungen anstellt. Wer Theorie und Praxis mal wieder gegen den Strich gebürstet sehen will, ist mit Altvater bestens bedient.

Georg Lutz

294 | Zwangsarbeit & Sklaverei
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