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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 294 | Zwangsarbeit & Sklaverei Volker Perthes: Orientalische Promenaden

Volker Perthes: Orientalische Promenaden

Der Nahe und Mittlere Osten im Umbruch. 400 Seiten, geb., Siedler, München 2006. 24,95 Euro. Christopher de Bellaigue: Im Rosengarten der Märtyrer. Ein Portrait des Iran. 341 Seiten, geb., C.H. Beck, München 2006. 24,90 Euro.

Promenaden und Rosengärten

Wer flaniert nicht gerne durch einen arabischen Markt, schaut dem bunten Treiben und Gefeilsche zu, atmet die Gerüche der Gewürze ein und trinkt bei einer Wasserpfeife einen Tee mit Kardamon und viel Zucker? Orientalische Promenaden versprechen Exotik. In dem gleichnamigen Buch von Volker Perthes sucht man nach solchen Klischees allerdings vergebens. Dem Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin geht es um Krisen und Konflikte, um Debatten und Demokratiedefizite, zuweilen auch um Gewalt. Er hat sich in Ägypten, Israel und Palästina, Saudi-Arabien, dem kurdischen Teil des Irak und dem Iran umgeschaut und analysiert die Umbrüche in einer Region, die die Aufmerksamkeit nicht nur der Tourismusbranche fortwährend
für sich in Anspruch nimmt.

Perthes versteht es, Stimmen und Stimmungen auf der Straße einzufangen und mit Analysen von Gesellschaft und Politik zu kombinieren. Er vermittelt darüber hinaus Einblicke in den Alltag der Menschen - in der Familie, am Arbeitsplatz, an der Universität. So kommen in seinem Buch neben gesellschaftlichen Eliten ganz einfache Menschen zu Wort.

Beeindruckend ist Perthes' Porträt von Ägypten - des Molochs Kairo, in dem der Müll und das Leben regieren, und der politischen Kultur, die geprägt ist von der pharaonischen (also nicht-islamischen oder -arabischen) Tradition: Das Volk beobachte, was an der Spitze geschieht, erwarte aber, dass letztlich "Pharao" Mubarak allein die weisen Entscheidungen treffe. Gleichzeitig ist das Land am Nil nicht nur das Mutterland des islamischen Fundamentalismus, sondern, so Perthes, auch ein Land, in dem dieser Fundamentalismus zum einen weniger streng und ausschließlich als anderswo und zum anderen militärisch und politisch gescheitert sei. Der Autor nennt das alles "pluralistischer Autoritarismus".
Erhellend sind auch die Innenansichten aus dem antiamerikanischen Frontstaat der USA, Saudi-Arabien, in dem die Fahrt über hunderte Kilometer von Autobahnen in der Wüste ein Verständnis für die Strenge und Schmucklosigkeit des hier beheimateten Glaubens vermittelt. Oder die Visite in Kirkuk, einem Mikrokosmos des am Rande des Bürgerkrieges stehenden Irak, wo es nicht nur Öl, sondern zahlreiche Nationalitäten gibt, die die Stadt als die Ihre betrachten.

Insgesamt hält sich Perthes mit Ratschlägen à la "Was muss der Westen tun, damit...?" zurück. Das ist nicht von Nachteil, zumal der Autor damit keineswegs verschwindet. Seine Absicht ist klar erkennbar: Ihm liegt daran, die These vom "Kampf der Kulturen" zu unterminieren, indem er über Konflikte innerhalb einer Kultur berichtet. Antidemokratische, antiwestliche und antisemitische Stimmen unterschlägt er nicht, aber er warnt davor, diese überzubewerten. Angesichts der gegenwärtigen Hysterie um alles, was irgendwie mit dem Islam zu tun hat, ist Perthes' nüchterner Blick ein Gewinn.
Perthes hat ein überaus kenntnisreiches Buch geschrieben. In Deutschland gibt es kaum einen zweiten Politikwissenschaftler, der mit den vor allem arabischen Gesellschaften so vertraut ist und der so klar und scharfsinnig deren Entwicklungen aufzeichnen kann. Auf Dauer allerdings ermüden seine Spaziergänge - weniger Begegnungen wären manchmal mehr gewesen. Perthes hat eher den Charme und den Blick eines Schiedsrichters - immer korrekt, immer um Ausgleich bemüht, immer vernünftig, sehr europäisch eben.

Jedenfalls versprüht er nicht Witz und Esprit wie Christopher de Bellaigue in seinem gleichzeitig erschienenen Reisebericht aus dem Iran, Rosengarten der Märtyrer. Der Londoner Journalist, der 1979, zum Zeitpunkt der islamischen Revolution im Iran, gerade mal acht Jahre alt war und später selbst mit seiner iranischen Frau zehn Jahre in Teheran gelebt hat, nimmt uns mit auf eine eindrückliche Reise. Was er vorfindet, ist eine Gesellschaft, die von einer missratenen Revolution und einem brutalen Krieg - dem ersten Golfkrieg - bis heute gezeichnet ist.

Über Gespräche mit Veteranen, über Monumente und Baudenkmäler, aber auch über alltägliche Nebensächlichkeiten wie den Straßenverkehr oder die Südteheraner Unterwelt verdeutlicht de Bellaigue das Nachleben des Krieges. Die Momentaufnahmen der gegenwärtigen iranischen Gesellschaft werden kombiniert mit kompakten und kompetenten Abhandlungen über die Geschichte des Landes - die permanente ausländische Einflussnahme, die Tradition der orientalischen Despotie, die gesellschaftliche und politische Institution der Geistlichkeit und natürlich die Revolution und der Krieg gegen den Irak.
"Im Rosengarten der Märtyrer" ist ein ungewöhnliches Buch. Man begegnet lebendigen Menschen, nicht Karikaturen, Modellen oder Ideen von Menschen. Mit Empathie und Respekt beschreibt der Autor seine Gegenüber, mit kritischer Aufmerksamkeit schildert er gescheiterte Lebenswege und Lebenslügen. De Bellaigue ist kein besorgter Stirnrunzler, er ist weder Orientschwärmer noch Islamverächter. Er verzichtet nie auf ein eigenes Urteil, wohl aber darauf, seine LeserInnen mit politischen Botschaften zu quälen.

Die Geschichte dieser fehlgeleiteten Revolution und des zerstörerischen Krieges ist keine Opfergeschichte, aber eine, die verständlich macht, warum der Iran sich immer in der Rolle des Betrogenen gefällt, warum er AusländerInnen und Frauen mit Misstrauen begegnet, warum er überall Konspirationen wittert. Das Gefühl, einer Welt von FeindInnen gegenüber zu stehen, begann in den Tagen Alis und Hosseins, es hielt sich in den Jahren der europäischen Vorherrschaft, es erneuerte sich mit der Gründung Israels und dem Aufstieg Amerikas, es setzte sich fort nach der verratenen Revolution, vor allem aber: es wird im "Rosengarten der Märtyrer" beständig kultiviert. Aus diesem Hang zum Martyrium erwächst die selbstmörderische wie mörderische Bösartigkeit, die Männer dazu veranlasst, für ihre Überzeugungen zu töten und zu sterben. Und er legt einen Schleier der Trauer über das Land.
Die Menschen im Iran lächeln deshalb wenig, berichtet de Bellaigue. Sein Buch hingegen strotzt vor Witz und Esprit. "Ich weiß nicht, warum alle so schnell fahren", kommentiert eine Reisebegleiterin den Fahrstil des Taxichauffeurs. "Wenn sie da ankommen, wo sie hinwollen, tun sie ja doch nichts anderes, als Tee trinken." Der Fahrer revanchiert sich und klopft beim Abschied dem Autor väterlich auf die Schulter: "Was auch immer Sie tun, heiraten Sie keine Iranerin." De Bellaigue hat es längst getan. Ein Ergebnis dieser Liaison ist dieses wunderbare Buch.

Jörg Später

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