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Kien Nghi Ha: Hype um Hybridität

Kultureller Differenzkonsum und postmoderne Verwertungstechniken im Spätkapitalismus (Cultural Studies 11, hrsg. von Rainer Winter), [transcript] Bielefeld 2005, 132 S., 15,80 Euro.

"Werden Sie hybrid!"

"Hybride Zukunft" betitelte die taz vor einiger Zeit nicht etwa einen Artikel über den Wandel kultureller Identitäten im Zeichen der Globalisierung, sondern über die Internationale Automobilausstellung. Die Überschrift hätte ebenso gut zu einem Artikel über neue Marketingstrategien, Kreativitätstraining für junge UnternehmerInnen oder eben kulturwissenschaftliche Globalisierungsdebatten gepasst.

In den Kulturwissenschaften und der theoretisch orientierten Linken vor allem durch die postkoloniale Theorie als Chiffre für "unreine", nicht festschreibbare Identitäten bekannt geworden, ähnelt die Karriere des Schlagwortes Hybridität fast der eines "kulturindustriell protegierten Popstars". So sieht es jedenfalls der Politikwissenschaftler Kien Nghi Ha, und er hat daher in seinem Buch Hype um Hybridität eine kritische Bestandsaufnahme dieses Aufstiegs unternommen. Dabei nimmt er eine dezidiert kapitalismuskritische Perspektive ein, die Hybridität nicht nur als "kulturelle Logik oder neue Technik", sondern als "Warenform" und "postmoderne Verwertungstechnik im Spätkapitalismus" versteht.
Zunächst verfolgt er in sehr gedrängter Darstellung den Bedeutungswandel und die Konjunkturen des Hybriditätsbegriffes in den philosophischen Diskursen seit der Antike. Im 19. Jahrhundert erlebte er im Kolonialdiskurs sowie über die kulturellen und wissenschaftlichen Dimensionen des modernen Rassismus eine Renaissance. Angetrieben durch die gleichzeitig von Furcht und Begehren bestimmten Imaginationen des "Anderen" wurde nun der "Bastard" oder "Mischling" als neuer "innerer Intimfeind" markiert. Nicht "die Andersartigkeit, sondern die kulturelle und physische Ähnlichkeit des Hybriden" führte zu seiner Pathologisierung. Wie Kien Nghi Ha an Texten von Herder bis von Hoffmannstal aufzeigt, vermischten sich in diesem modernen Verständnis von Hybridität philosophisch-naturwissenschaftliche Diskurse mit Sozialdarwinismus und Biologismus sowie antike Mythologien mit neuzeitlichen Dämonisierungsängsten.

Erst vor diesem historischen Hintergrund wird für Kien Nghi Ha die Karriere des Hybriditätskonzeptes in den Geistes- und Sozialwissenschaften dechiffrierbar. Die Ursprünge der positiven Umwertung von Hybridität sucht er nicht erst im "cultural turn" der Postmoderne, sondern in Naturwissenschaft und Technik. Der Autor zeigt überzeugend, wie Hybridisierung ausgehend von den Biowissenschaften über landwirtschaftliche Hybridzüchtungen und Gentechnologie zum geschätzten Innovations- und Produktivitätspotential mutierte. Die damit verbundene normative Aufladung wird durch die Aufforderung "Werden Sie hybrid!" als Titel eines SPIEGEL-Online-Artikels über Geschäftsstrategien gegen die Zeitungskrise sinnfällig illustriert.

Kien Nghi Ha bezieht sich bei seiner zwischen poststrukturalistischer Diskurstheorie und Neomarxismus mäandernden Argumentation auf einzelne Elemente der Kritischen Theorie wie Adornos Kulturindustrie-Thesen, ohne jedoch deren negativen Totalitätsbegriff zu teilen. Er grenzt sich hier von Adorno ab und betont "die Ambivalenz und Vieldeutigkeit kultureller Praktiken" in den "umkämpften Hybridisierungen". Trotz aller Kritik an deren kulturindustrieller Vereinnahmung will Kien Nghi Ha ein widerständiges Potential von Hybridität retten. Im letzten Teil des Buches versucht er unter Rückgriff auf das Multitude-Konzept von Negri/ Hardt den globalisierungskritischen Aktivismus als hybride Identitätspolitik zu theoretisieren und "Selbst-Kanakisierung als strategische Diskurspolitik" stark zu machen. Kien Nghi Ha wendet sich zwar gegen "die weitverbreitete Sichtweise, dass Hybridität (...) per se progressiv und ‚authentisch' ist" und warnt, dass "Hybridität auch eine repressive Identitätspolitik der Selbstethnisierung sein" kann. Mit einer eingehenderen kritischen Befragung solcher Bewegungspolitik auf ihre ideologischen und politischen Konsequenzen hält er sich dennoch auffallend zurück.

Am stärksten ist das Buch, wo sich der Autor die deutsche Rezeption des postkolonialen Hybriditätsdiskurses kritisch vornimmt. Er weist nach, wie der im anglo-amerikanischen Diskurs politisch ohnehin schon umstrittene Hybriditätsbegriff von Homi Bhabha in der deutschen Rezeption noch um den letzten kritischen Stachel gebracht und auf "kulturelle Vermischung" verkürzt wird. Ausgeblendet wird dabei regelmäßig die koloniale Vergangenheit Deutschlands ebenso wie die Folgen der Tatsache, dass hierzulande die "sozialdarwinistischen Rassenhygieniker mit ihren Pathologisierungsdiskursen gegen ‚Rassenmischlinge und -bastarde' insbesondere während des Nationalsozialismus eine bisher unerreichte Geltungsmacht erlangen" konnten. Solchermaßen enthistorisiert werde Hybridität nicht nur im akademischen Mainstream vor allem als "harmonische kulturelle Begegnung konstruiert" und dabei kulturalistische Klischees erneut "ethnisierend und exotisierend" festgeschrieben.

Kien Nghi Ha weist darauf hin, dass diese "Sichtweise (...) statische und abgrenzbare Kulturen" voraussetzt. Als "offensichtlichstes Beispiel" einer "exotistischen Arbeitsteilung im Kulturraum" bezeichnet er den Berliner "Karneval der Kulturen", bei dem die Einbindung von MigrantInnen "eine kulturelle Repräsentation ermöglicht, die den Stadtraum theatralisiert und zu einer unwirklichen Welt des interkulturellen Happenings verwandelt." Diese "Exotisierung und Festivalisierung" befördere darüber hinaus eine nationale Repräsentation, welche "die deutsche Hauptstadt als Weltbühne bejubelt und durch die Inszenierung migrantischer Vielfalt als temporäre Zone der Kulturvermischung aufwertet."

Der kritische Blick auf den Hybriditäts-Hype im akademischen und kulturindustriellen Mainstream der "Berliner Republik" macht Kien Nghi Has Buch zu einem must für die Postkolonialismus-Diskussion. Vieles wird zwar nur angerissen oder fällt fast gänzlich unter den Tisch, wozu leider auch die im Postkolonialismus gerade im Zusammenhang mit dem Hybriditätsbegriff intensiv geführte Genderdebatte gehört. Doch Kien Nghi Ha beansprucht auch gar nicht mehr, als "die um sich greifende Euphorie um Hybridität zu hinterfragen und Ansatzpunkte für eine kritische Wahrnehmung zu entwickeln." Das ist ihm zweifellos gelungen.


Udo Wolter

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