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Editorial

Freunde zu Gast in der Welt

Als gesamtideeller Christ ist ES streng und wacht über die Moral, und doch kann ES feiern, was das Zeug hält. ES ist in zahlreichen Disziplinen Bestes unter seinesgleichen; und doch ist ES ein wenig schüchtern und lässt sich gerne bitten. ES erstickt im Verkehrschaos, ES ist stolz auf seine Kultur und in diesem Sommer schwitzt ES ohne Ende. ES verführt erwachsene Menschen dazu, mal mit gestreiften Fähnchen und Wimpeln kreischend und jubelnd und tanzend durch die Straßen zu hüpfen, mal ergriffen mit dem Hand am Herzen ein Lied zu singen, das zu zwei Dritteln verboten ist. ES ist mitten unter uns; und doch können wir ES nicht sehen.

Wie Richard Wagner bereits Mitte des 19. Jahrhunderts feststellte, ist ES auch weitestgehend sinnbefreit. »Hier kam es zum Bewusstsein und erhielt seinen bestimmten Ausdruck, was deutsch sei, nämlich: die Sache, die man treibt, um ihrer selbst und der Freude an ihr willen treiben.« In diesen Tagen und Wochen treibt ES es besonders wild und leidenschaftlich. ES hat sich ins Bewusstsein der Deutschen gefressen, wie ES es in den letzten fünfzig, sechzig Jahren nicht geschafft hat.

 

Längst sind es nicht mehr nur kleine Minderheiten von NationalistInnen und Fußball-Hooligans, die sich IHM zugehörig fühlen. Ganz normale Menschen haben ES zum WIR verinnerlicht. Als die BILD-Zeitung im vergangenen Jahr verkündete, WIR seien nun Papst, klang das noch so übertrieben, dass man es für witzig und selbstironisch halten konnte. Heute aber ist in Sabine Christiansens Talkrunden (»Deutschland hofft«), beim Wetterbericht (»Deutschland schwitzt«) und selbst in der Tagesschau (»Deutschland jubelt«) ganz selbstverständlich von IHM die Rede, als sei ES ein Subjekt mit Emotionen, Drüsen und Glücksgefühlen.

PsychologInnen, PolitikerInnen und FeuilletonistInnen behaupten unisono: Was sich da in der Anbetung von IHM äußere, sei kein aggressiver ewiggestriger Nationalismus, sondern eher ein harmloser, ‚ganz normaler’ Patriotismus, wie er auch anderswo in Erscheinung trete. Es möge zwar ein bisschen einfallslos sein, sich über sein Deutsch-Sein und über die Tore seiner »Landsmänner« in einem Fußballspiel zu freuen. Unmittelbar gefährlich sei es aber nicht. Es habe schließlich keine Angriffe auf Dunkelhäutige gegeben und auch keine Massenschlägereien. Die deutschen Fans hätten ihr Image vom grölenden, aggressiven und nationalistischen Dumpfkopf verwandelt in das eines fröhlichen, kunterbunten, patriotischen, fast schon brasilianischen Dauerlächlers. Im Falle einer Niederlage verdrücke er – und in wachsendem Ausmaße auch sie – still und friedlich eine Träne, anders als früher. Und so wussten deutsche Medien zu berichten, dass selbst notorische Anti-Deutsche wie BritInnen und SchweizerInnen Sympathien für ES zeigten.

 

Ob es ein Zufall ist, dass WIR uns auch anderswo charmanter und freundlicher, zuvorkommender, fast ein bisschen zurückhaltend geben? Einsatz der Bundeswehr im Kongo? Wenn man UNS braucht, stehen wir bereit! Mehr Verantwortung in Afghanistan? Wenn WIR darum gebeten werden, können WIR kaum nein sagen. Einsatz im libanesisch-israelischen Grenzgebiet? WIR drängen UNS nicht auf, aber wenn man UNS drängt, dann bringen WIR auch Jüdinnen und Juden ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude... Es klingt wie die Fortsetzung der Fußball-WM mit anderen Mitteln. Erst die Welt zu Gast bei Freunden, dann Freunde zu Gast in der Welt.

 

Die deutsche Party geht weiter, befürchtet

die redaktion

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