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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 295 | Migration von Süd nach Süd Editorial Themenschwerpunkt

Editorial Themenschwerpunkt

Süd-Süd-Migration

Migration wird häufig ausschließlich als Phänomen der Arbeitsmigration aus dem Süden in den Norden wahrgenommen. Über die Bedeutung der Migration von Süd nach Süd ist wenig bekannt. Dabei machen sich rund zwei Drittel von den weltweit 191 Millionen MigrantInnen nicht auf den Weg in den Norden oder Westen, sondern verlegen ihren Wohnsitz meist in ein benachbartes Land im Süden. Die Anzahl der BinnenmigrantInnen ist noch größer: Allein in China gab es letztes Jahr 120 Millionen WanderarbeiterInnen, die oft Tausende von Kilometern zurücklegten. Die Regierung rechnet damit, dass ihre Zahl in den nächsten zwanzig Jahren auf rund 300 Millionen ansteigen wird.

Ebenso vernachlässigt wird in der europäischen Debatte die Frage nach den MigrantInnen, die in ihr Herkunftsland zurückkehren. Im Falle der Niederlande beispielsweise verließen während der vergangenen vierzig Jahre knapp 38 Prozent aller MigrantInnen das Land wieder. Diese Zahlen machen zwar zum einen deutlich, dass europäische Staaten durch mehr (Abschiebung) oder weniger (Ausreisebeihilfen) Zwang zur Rückkehr auffordern. Zum anderen zeigen sie aber auch, dass viele MigrantInnen temporäre Aufenthalte in den unterschiedlichen Ländern dieser Erde vorziehen. Viele pendeln regelmäßig zwischen ihrer alten und ihrer neuen Heimat oder kehren wieder ganz in ihre Ursprungsländer zurück.

 

Inzwischen hat sich auch in Europa herumgesprochen, dass Migration ein wesentlicher internationaler Wirtschaftsfaktor ist. MigrantInnen werden nicht mehr nur als »Ansturm der Armen« (SPIEGEL 26/2006) dämonisiert, sondern aus ökonomischer Perspektive zunehmend zum »wertvollen Gut« erklärt. Ihre Wirtschaftsleistung und ihr Beitrag zum Bevölkerungswachstum wird – zumindest mit Blick auf die Hochqualifizierten – auch in europäischen Ländern gelobt. Und die Geldtransfers vieler MigrantInnen in ihre Herkunftsländer sind ein florierender Sektor der Weltwirtschaft; allein im Jahr 2004 flossen rund 150 Milliarden Dollar über die internationalen Banken. Die Rücküberweisungen machen das Dreifache der weltweit gezahlten Entwicklungshilfe aus und stellen somit eine immense Geldspritze für die Herkunftsländer dar. Die Western Union Bank hat die damit verbundenen Dienstleistungen als viel versprechendes Marktsegment entdeckt und richtet ihre Werbung direkt an MigrantInnen.

Nicht zuletzt vor diesem wirtschaftlichen Hintergrund gehen immer mehr Migrationsdebatten in eine neue Richtung: Menschen soll weltweit ermöglicht werden, auf Grund freier persönlicher Entscheidungen auszuwandern – und nicht allein deshalb, weil sie dazu gezwungen sind. So ist auf diplomatischer Ebene zunehmend von der Legalisierung der Migration die Rede, in die sowohl ökonomisch als auch politisch investiert werden soll.

Ist damit nun ein Schritt in Richtung »Autonomie der Migration« getan, wie sie linke Aktionsgruppen, MigrantInnen und MigrationsexpertInnen seit einigen Jahren fordern? Oder sind die Migrationsdebatten auf höchster Ebene als Anpassung an die Anforderungen des globalen Arbeitsmarkts zu werten, der Migration braucht, um zu funktionieren?

 

Ein Blick auf die Weltkommission für Internationale Migration (GCIM) zeigt, dass eher letzteres zutrifft. Die Kommission will die effektive Steuerung der Migration auf nationaler, regionaler und globaler Ebene fördern. Ihr aktueller Bericht ist Grundlage für einen »High-Level-Dialogue on International Migration and Development«, der im September 2006 im Rahmen einer UN-Vollversammlung geführt wird. Eine ständige globale Instanz soll zukünftig erzwungene Migration weltweit verhindern und so Armut langfristig bekämpfen, so der Plan der UN. Hier beißt sich die Katze wieder in den Schwanz. Entgegen den positiv klingenden Aussagen wie »Migration ohne Zwang« und »auf Grund freier Wahl« ist das Ziel der Vereinten Nationen die Armutsbekämpfung mittels neoliberaler Konzepte und der langfristigen Rückkehr der MigrantInnen in ihre Herkunftsländer. KritikerInnen werfen der GCIM zudem vor, dass sie mehr an einem »globalen Bild« der Migration interessiert sei als an den notwendigen Differenzierungen in unterschiedlichen Migrationskontexten.

Der Blick auf die Süd-Süd-Migration kann auch das in Europa verbreitete Bild der Migration verändern: Zum einen können MigrantInnen als mehr oder weniger autonome AkteurInnen verstanden werden, die ihre ökonomischen und kulturellen Freiräume kreativ, wenngleich meist unter prekären Bedingungen gestalten. Zum anderen darf diese Sichtweise aber nicht verdrängen, dass MigrantInnen Leidtragende der repressiven Ausgrenzungspolitik in vielen Ländern – auch im Süden – sind. Migration wird weiterhin ein Motor der globalen neoliberalen Wirtschaft sein, indem sie einen Pool von entrechteten Billigarbeitskräften schafft.

 

die redaktion

 

295 | Migration von Süd nach Süd
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