Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 295 | Migration von Süd nach Süd Olivier Roy: Der islamische Weg nach Weste

Olivier Roy: Der islamische Weg nach Weste

Globalisierung, Entwurzelung und Radikalisierung. Pantheon Verlag, München 2006. 368 Seiten, 12,90 Euro (D), 13,30 Euro (A), 23,50 SFr.

Der Westen und sein Islam

Kann sich der Islam reformieren? Ist er mit der Demokratie, dem Säkularismus, dem Westen überhaupt vereinbar? Diese Fragen werden in der öffentlichen Debatte über den Islam nach dem 11. September 2001 immer wieder gestellt. Olivier Roy, Forschungsdirektor am Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) in Paris, hält sie in seinem Buch Der islamische Weg nach Westen schlicht für verfehlt. Denn eine Modernisierung des Islam, präziser eine Verwestlichung, habe im Zuge der Globalisierung von Migration, freiem Markt und allgemeinem Bildungssystem längst stattgefunden.

Verwestlichung heiße dabei nicht zwangsläufig Reform und Säkularisierung analog der christlichen Reformation. Eine säkularisierte und liberale Auffassung des Islam sei bloß eine Möglichkeit von Religiosität unter Muslimen. Eine andere, nicht weniger verwestlichte, ist in Roys Augen der Neofundamentalismus: das Bemühen, die Gesellschaft zu "re-islamieren" und eine religiöse Wiedergeburt zu initiieren (nicht zu verwechseln also mit dem politischen Islamismus).
Worauf gründet sich dieser auf den ersten Blick erstaunliche Befund? Wie kann man einen Neofundamentalismus, dessen Frucht unter anderem Al-Qaida ist und der die vermeintlich materialistische und degenerierte westliche Gesellschaft ablehnt, selbst als verwestlicht bezeichnen? Roys Schlüsselbegriffe heißen "Dekulturation" und "Entterritorialisierung" des Islam. Dekulturation beschreibt eine Entwicklung kultureller Entwurzelung und Privatisierung des Glaubens, wie sie für muslimische Minderheiten in Europa kennzeichnend sein soll. Entterritorialisierung bedeutet die Loslösung von den Kulturen und Krisen des Nahen Ostens und eine Veränderung der Beziehung zur Religion. Die Verwestlichung des Islam findet also insofern statt, dass vor allem unter den Muslimen und Muslima in Europa, und hier insbesondere unter den Jugendlichen, ein allen kulturellen und nationalen Besonderheiten entkleideter Islam neu gedacht worden ist.

In dieser Konstruktion einer virtuellen Umma wird der Islam zu einem individuellen Identitätsentwurf und einem persönlichen Glauben. Dies bildet auch den gemeinsamen Nenner zwischen SäkularistInnen und NeofundamentalistInnen: Der Islam wird als bloße Religion gesehen und nicht als Kultur. Halal zum Beispiel ist eine Art, ein Tier zu schlachten, und nicht eine Art, es zu kochen oder zuzubereiten. Es ist nicht mit einer bestimmten Kultur verbunden und lässt sich deshalb auch perfekt mit dem modernen globalen Fast Food vereinbaren. Bei Roy geht es also nie um Religion als Dogma, sondern immer um Religiosität als historisch-gesellschaftliche Aneignung von Religion.

Roys Blick ist der des Religionssoziologen und nicht der des philologischen Islamwissenschaftlers, wie er in Deutschland oft vorherrscht. In Frankreich hatte Maxime Rodinson schon Ende der 1960er Jahre einen Paradigmenwechsel in der westlichen Islamforschung eingeleitet, als er in seinem Buch "Islam und Kapitalismus" argumentierte, dass das Ausbleiben einer dynamisch-kapitalistischen Entwicklung im islamischen Orient nicht mit dem Islam selbst erklärt werden könne. Er wies die Lehre vom homo islamicus als Ideologie zurück und forderte, sich fortan bei der Betrachtung der islamischen Welt der Analyse von Sozialstrukturen zu widmen.
Auch Roy kann den kulturalistischen Annäherungen an den Islam wenig abgewinnen. Ihn erinnert der Neofundamentalismus weniger an Mohammed und das Mittelalter als an Evangelikale in den USA und an die Neue Linke der 1970er Jahre in Europa. Die Parallelen, die er herausarbeitet, sind erhellend, aber auch bezeichnend: Roy interessiert immer mehr die Form als der Inhalt, also die Muster von Religiosität und Radikalität mehr als die politischen Ideen ihrer ProtagonistInnen. Der Begriff Verwestlichung ist bei Roy somit der politischen Inhalte beraubt, er bezeichnet lediglich gesellschaftliche Verhaltensmuster.

Roy bedient sich dabei einer redundant vorgetragenen Argumentation (einen Plot hat das Buch nicht - in jedem Kapitel wird jeweils die gesamte Argumentation ausgebreitet): Je mehr der Islam als Lösung beschworen werde, desto deutlicher sei dies ein Zeichen für den Siegeszug der Säkularisierung; der Ruf nach Gemeinschaft bedeute, dass die Individualisierung erfolgreich war; je mehr das Bedürfnis nach Tradition in den öffentlichen Raum getragen werde, desto deutlicher zeige dies an, dass die Modernisierung sich bereits durchgesetzt hat. Der Schein trüge, das Gegenteil des Offensichtlichen sei der Fall. Das ist möglich, aber keineswegs zwingend.
Insgesamt besticht Roy mit scharfsichtigen Beobachtungen, die das Neuartige einer Bewegung wahrnehmen. Er fordert den stereotypen und denkfaulen Islamdiskurs heraus: Die virtuelle Umma stützt sich weder auf ein Territorium oder eine Kultur noch auf eine soziale Basis. Sie ist das, was die Menschheit für den Kosmopoliten, die Nation für den Nationalisten und das Proletariat für den Kommunisten ist. Sie ist eine vorgestellte Gemeinschaft, mit der den Anforderungen der Moderne begegnet wird. Mit klassischen Modernisierungstheorien, die mit Gegenüberstellungen von traditionell und modern operieren, kann man einen globalisierten Islam nicht begreifen. Roy empfiehlt daher eine politische Integration der Muslime und Muslima analog der Christdemokratie - oder besser noch: dem Wandel der Grünen von einer linksradikalen Protest- zur staatstragenden Regierungspartei - und eine gesellschaftliche Integration durch Anerkennung der Muslime und Muslima auf einer pluralistischen Basis.

Jörg Später

295 | Migration von Süd nach Süd
Cover Vergrößern