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Bücher zu Migration, Illegalität und prekärer Arbeit

Bridget Anderson: Doing the Dirty Work. Migrantinnen in der bezahlten Hausarbeit in Europa. Assoziation A, Berlin 2006, 272 S., 14 Euro, 25,30 SFr Paula Fox: Luisa. Roman. C.H. Beck, München 2005, 443 S., 22,90 Euro Corinna Milborn / Reiner Riedler: Gestürmte Festung Europa. Einwanderung zwischen Stacheldraht und Ghetto - Das Schwarzbuch. Styria, Wien-Graz-Klagenfurt 2006, 248 S., 19,90 Euro

Schattenmenschen

Die Worte "Ben Younnech", schreibt Corinna Milborn, sprechen die Flüchtlinge von Ceuta nur mit Scheu aus, "sie klingen dann fast mythisch, nach Hölle und nach Heimat." Ben Younnech - so heißen die Wälder direkt hinter dem Grenzzaun, in denen sie sich verstecken und über einen langen Zeitraum hinweg ihren "Alltag" bewältigen müssen. Milborn, Politikwissenschaftlerin und Journalistin, führt in ihrem Buch Gestürmte Festung Europa Gespräche mit Schleppern, begleitet Flüchtlinge auf der Suche nach "Arbeit", d.h. nach einer Transportmöglichkeit nach Europa, trifft Menschen in Auffanglagern und Illegalisierte, die zwischen Müllhalde und Felsküste in einer Kiste leben. Und sie spricht mit Grenzwächtern wie Offizier Coronado, der von dem Sinn seiner Arbeit an den Zäunen von Ceuta fest überzeugt ist. "Schließlich sind wir ein Stöpsel für die ganze afrikanische Elends-Badewanne. Wenn wir auslassen, wird Europa überschwemmt."

Milborn hat in ihrem Schwarzbuch Reportagen aus Spanien, Paris, London und den Niederlanden zusammengetragen, die das Problem der Ghettoisierung ebenso ansprechen wie die europäische Integrationspolitik. Sie führt ein Tagebuch der Toten, die in der "Todesfalle Mittelmeer" ihr Leben ließen, sie erzählt vom Leid der MigrantInnen, von ganz persönlichen Geschichten, aber auch von den geringen Möglichkeiten der Autonomie. Der Fotograf Reiner Riedle gibt dem Leben auf der Flucht und in den Ghettos ein Gesicht. Eindringlich zeigt er die katastrophalen Verhältnisse auf, in denen Menschen zu leben gezwungen sind, ohne dabei voyeuristisch zu sein. Seine Bilder sprechen nicht nur von Elend, sondern auch von Chancen und Glücksmomenten innerhalb der Migrationsgeschichte.

Das Schwarzbuch hält die Balance zwischen Reportage und Analyse, wobei besonders die Darstellung des Schicksals der "Schattenmenschen" gelungen ist, wenn es etwa um die Situation der Illegalisierten in der Landwirtschaft in Spanien oder der Hausangestellten in Deutschland geht. "Dass immer mehr Illegale die Billig-Jobs der Bau- und Gastronomiebranche erledigen oder in Haushalten arbeiten, hat einen einfachen Grund: Es gibt seit einigen Jahren kaum eine legale Möglichkeit, in Europa zu arbeiten."

In Deutschland gibt es 40.000 Arbeitsverträge für Hausarbeit - zugleich aber fünf Millionen Haushalte, die eine Hausarbeiterin beschäftigen. Diese Form der prekarisierten Arbeit für Migrantinnen nimmt sich Bridget Anderson in Doing the Dirty Work genauer vor. Die Herausgeberinnen haben das Werk aus dem Englischen vor allem deshalb übersetzt, weil Anderson "das spezielle und beschissene Arbeitsverhältnis von migrantischen Hausarbeiterinnen nicht geschmeidiger machen will, sondern mit seiner sexistischen und rassistischen Ausbeutungs- und Herrschaftsstruktur grundsätzlich in Frage stellt und sich mit scheinbar einfachen Lösungen nicht zufrieden gibt." Sie hängen die Messlatte hoch, soll das Buch doch neue Standards in der Diskussion setzen. 251 Seiten später sind die LeserInnen tatsächlich klüger und informierter, denn Anderson blickt auf Widerstand und Selbstorganisation, stellt NGOs vor und klagt die Abhängigkeitsverhältnisse von Frauen in der bezahlten Hausarbeit an.

Bridget Anderson interessiert vor allem das Paradoxon in der europäischen Diskussion, wenn zum einen ein "Versorgungsnotstand der Mittelschichtfrauen" beklagt wird, die Entlastung durch Hausarbeiterinnen suchen, zum anderen jedoch die "Not der migrantischen Hausarbeiterinnen instrumentalisiert" wird. Der Arbeitsmarkt Privathaushalt ist in vielen europäischen Ländern ein großer Hoffnungsträger gegen Frauenarbeitslosigkeit. Bezahlte Hausarbeit stellt deshalb auf theoretischer wie auf praktischer Ebene eine echte Herausforderung dar - an den Feminismus und die Politik ebenso wie an migrantische Communities und an Frauenorganisationen. Das Buch basiert auf empirischen Studien, die 1995 und 1996 in Athen, Barcelona, Bologna, Berlin und Paris durchgeführt wurden. Die Stärke des Buches liegt nicht nur in den zahlreichen Beispielen, sondern vor allem in der Analyse der "Sklaverei der Hausarbeit" und dem damit verbundenen Verkauf der Persönlichkeit. Laut Anderson tritt die migrantische Hausarbeiterin in eine "analytische Leerstelle zwischen Körper als Persönlichkeit und Körper als Eigentum". Die Trennung öffentlich und privat könne nicht mehr vorgenommen werden, denn die Hausarbeiterin verkaufe sowohl ihre Arbeitskraft als auch ihre Persönlichkeit.

Der Roman Luisa von Paula Fox beschreibt dieses Dilemma auf detaillierte Art und Weise. Fox erzählt die Geschichte von Luisa de la Cueva, die als Tochter eines reichen Plantagenbesitzers und einer Küchenhilfe auf der kleinen Karibikinsel San Pedro aufwächst und in die Armenviertel New Yorks auswandert. Dort arbeitet sie - wie ihre Mutter - als Hausangestellte. Eine andere Berufswahl scheint ihr undenkbar. Das Porträt einer Hausarbeiterin, das Paula Fox hier entwirft, ist eindringlich und nachvollziehbar. Luisa ist auf ihre Arbeitgeberinnen fixiert. Sobald sie einen persönlichen Kontakt zu ihnen aufbaut und sie von diesem enttäuscht wird oder dieser endet, kann sie mit ihrer Rolle als Hausarbeiterin nicht mehr umgehen. Ihr fehlt die Distanz: Die Arbeitgeberin ist die Brücke zwischen Öffentlichem und Privatem, Luisas ganze Identität ist durch die Arbeitgeberin definiert.

Ein weiteres Problem in der bezahlten Hausarbeit ist, dass die geleistete Arbeit nicht der Hausarbeiterin, sondern der Managerin des Hauses Ansehen verschafft. Auch Luisa muss diese Erfahrung machen, sie wird zur stillen Beobachterin fremden Lebens, findet zunächst darin ihre Freiheit, um schlussendlich jedoch das häusliche Unterdrückungsverhältnis im Anderson'schen Sinne am eigenen Leib zu erfahren.

Rosaly Magg

296 | nach dem Krieg im Nahen Osten
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