Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 297 | Planspiel Bevölkerungspolitik Suanne Schultz: Hegemonie - Gouvernementalität - Biomacht

Suanne Schultz: Hegemonie - Gouvernementalität - Biomacht

Reproduktive Risiken und die Transformation internationaler Bevölkerungspolitik. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2006, 388 S. 34,90 Euro.

Rezension: Postmoderne Verhütungsmethoden

Ein Jahr nach der UN-Weltbevölkerungskonferenz 1994 in Kairo initiierte die peruanische Regierung unter dem damaligen Präsidenten Alberto Fujimori das "Nationale Programm für reproduktive Gesundheit und Familienplanung 1996-2000". In der Folge wurden insbesondere in ländlichen Gebieten und städtischen Armenvierteln rund 300.000 Frauen und 20.000 Männer mit Hilfe von "Anreizen", indirekten oder direkten Druckmitteln, sterilisiert. Mindestens 17 Frauen starben an den Eingriffen. Erst nach internationalen Protesten stellte die Regierung das Programm 1998 ein. Verschiedene Gremien des peruanischen Parlaments fordern bis heute die Eröffnung eines Verfahrens wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die meisten feministischen, frauen- und gesundheitspolitischen NGOs auf peruanischer und internationaler Ebene hingegen schwiegen oder stimmten auf ambivalente Weise dem Sterilisationsprogramm zu, das Fujimori als Möglichkeit einer "selbstverantwortlichen Mutterschaft" bezeichnete.

Susanne Schultz setzt in ihrem neuen Buch Hegemonie - Gouvernementalität - Biomacht am Schweigen dieser Akteurinnen an. Sie fragt, wie die Zurückhaltung feministischer NGOs bei der drastischen Verletzung reproduktiver Rechte zu erklären ist, "gegen die sie sich jahrzehntelang engagiert hatten." Entstanden ist ein komplexes Standardwerk zur Transformation und Kritik internationaler Bevölkerungspolitik. Die Autorin bringt nicht nur ein ehemals zentrales Aktionsfeld feministischer und linker Politik wieder auf die Tagesordnung. Vielmehr fordert sie einerseits die auf das Individuum zielenden genderpolitischen Entwicklungsparadigmen der 1990er Jahre - empowerment, Rechte und (reproduktive) Gesundheit - mit provokanten Thesen heraus. Sie werden empirisch untermauert und richten sich vor allem an frauenpolitische NGOs. So behandelt der zweite Teil des Buches exemplarisch das Konfliktfeld Müttersterblichkeit, das den selbst erklärenden Untertitel "Vom Recht auf Geburtenhilfe bis zur Pathologisierung von Schwangerschaften" trägt. Im ersten Teil der Untersuchung unterzieht Susanne Schultz andererseits auf die Makroebene fokussierende neomarxistische und staatskritische Ansätze wie die Regulationstheorie einer feministisch-poststrukturalistisch inspirierten Revision und zeigt deren Ausblendungen auf dem Gebiet der Geschlechterpolitik.
Das auf der UN-Weltbevölkerungskonferenz 1994 unter Einbindung von Frauengesundheits-NGOs verabschiedete Aktionsprogramm markiert in Schultz' Analyse einen Wendepunkt internationaler Bevölkerungspolitik. Hier setzt die Analyse der eingangs thematisierten Gleichzeitigkeit von staatlichen Politiken, die reproduktive Rechte verletzen, und Diskursen, die reproduktive Selbstbestimmung proklamieren, an: "Das Kairoer Aktionsprogramm formuliert ganz konkret das Ziel, das Bevölkerungswachstum auf unter 7,5 Milliarden Menschen bis zum Jahr 2015 zu begrenzen (...) Das Verhältnis zwischen dieser Zielsetzung und dem ebenfalls angestrebten Ziel der individuellen Entscheidungsfreiheit von Frauen über die Zahl ihrer Kinder problematisieren Kritikerinnen als ‚ideologische Schizophrenie'".

Im Verlauf des Buches wird nicht nur deutlich, dass diese Schizophrenie lediglich eine scheinbare ist, sondern vor allem, dass der "Fall Peru" zwar ein besonders drastisches Beispiel darstellt, aber eingebettet ist in einen neuen "postmodernen" hegemonialen Bevölkerungsdiskurs. Er ist, so die zentrale These der Autorin, von einem antinatalistischen bias in der Formulierung und Durchsetzung gender- und gesundheitspolitischer Programme geprägt und bahnte sich als "Post-Kairo-Konsens" seinen Weg in die biopolitischen Institutionen auf internationaler und nationaler Ebene. Minutiös arbeitet Schultz die Kontinuitäten und Diskontinuitäten heraus, die den Post-Kairo-Bevölkerungsdiskurs zu einem dominanten biopolitischen Projekt haben werden lassen. Für eine Revitalisierung feministischer Debatten besonders interessant ist ihr Fokus auf den Beitrag, den ehemals feministische Diskurse und Akteurinnen dazu leisteten.

Als Kontinuität extrapoliert Schultz eine nach wie vor "neomalthusianische Grundanordnung", die Bevölkerungszahlen mit aktuellen Debatten um ökologische Entwicklungsrisiken, Sicherheit und Migration verbindet. Es sind jedoch die Diskontinuitäten, welche das Post-Kairo-Projekt legitimieren, Anschlussstellen für feministische Diskurse liefern und nicht zuletzt auch erklären, warum für bestimmte Gruppen und in bestimmten Regionen - beispielsweise für Akademikerinnen in Deutschland - tendenziell pronatalistische Politiken verfolgt werden. Das zentrale Stichwort ist hier die Ausdifferenzierung des Bevölkerungsproblems: "Während der Bevölkerungsdiskurs vor Kairo erst alle bäuerlichen Bevölkerungen, dann alle Familien, dann alle Frauen der ‚Dritten Welt' als (potenzielle) Überbevölkerung angerufen hatte, tendiert die demografische Wissensproduktion nach Kairo stärker dazu, verschiedene Zielgruppen (‚Risikogruppen'), vor allem Jugendliche in bestimmten Ländern oder bestimmte ländliche Bevölkerungen zu spezifizieren. Dies ermöglicht die Einbindung pronatatalistischer Politiken in bestimmten Ländern in eine grundsätzlich antinatalistische Ausrichtung."

Eine weitere Diskontinuität beschreibt Susanne Schultz als Verknüpfung makrodemographischer biopolitischer Strategien mit dem Prinzip der individuellen Entscheidungsfreiheit. Die Verantwortung für demografische Ziele wird also auf die Ebene des Individuums, genauer der Frauen, verlagert. Bei dieser Reorganisation des Verhältnisses zwischen Makro- und Mikroebene spielten feministische Diskurse und genderpolitische Akteurinnen eine zentrale Rolle. Und hier findet sich auch die Antwort auf Susanne Schultz' Ausgangsfrage: Der antinatalistische bias des Post-Kairo-Konsens, resümiert sie, artikuliere sich "über die Konzepte des empowerment, der (reproduktiven) Rechte (und Gesundheit)". Damit werden "ehemals zentrale Forderungen der antibevölkerungspolitischen Frauengesundheitsbewegung im Rahmen eines hegemonialen biopolitischen Projektes reformuliert".

Stefanie Kron

297 | Planspiel Bevölkerungspolitik
Cover Vergrößern