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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 297 | Planspiel Bevölkerungspolitik János Riesz: Léopold Sédar Senghor und der afrikanische Aufbruch

János Riesz: Léopold Sédar Senghor und der afrikanische Aufbruch

Essay. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2006, 349 S., 24,90 Euro.

Rezension: Der afrikanische Aufbruch

Am 9. Oktober wäre Léopold Sédar Senghor hundert Jahre alt geworden. Der vor fünf Jahren gestorbene senegalesische Dichter und Politiker hat als erster Afrikaner in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Das war 1968, und die Preisverleihung war begleitet von lauten Studentenprotesten. In deren Mittelpunkt stand die Politik Senghors: Als Präsident Senegals hatte er damals die Opposition wenig demokratisch ausgespielt.

Der Bayreuther Afroromanist János Riesz hat weniger dem politischen als vielmehr dem poetischen Werk Senghors, das in einer seltenen Breite in deutscher Übersetzung vorliegt, ein überaus interessantes Buch gewidmet: Léopold Sédar Senghor und der afrikanische Aufbruch im 20. Jahrhundert. Gleich vorneweg: Riesz ging es nicht um eine klassische und vollständige Biografie Senghors. Stattdessen handelt es sich um eine zeitpolitische Abhandlung, um einen geistesgeschichtlichen Essay.

Senghor zählte zu den Vordenkern der so genannten Negritude. Diese Geistesströmung entstand in den 1930er Jahren in Paris. Ihr Ziel war die Aufwertung der Gesamtheit der kulturellen Werte der schwarzen Welt. Mit dieser schwarzen Welt war nicht nur Afrika gemeint, sondern auch die afrikanische Diaspora vor allem in den USA und in der Karibik. Riesz' Buch leistet ganz hervorragend eine Einbettung von Senghors Negritude-Theorie in den Zusammenhang auch US-amerikanischer Befreiungsideologien. Die Negritude war eben nicht nur ein afrikanisches Phänomen, isoliert von der "Ersten Welt", sondern vielmehr verknüpft und verankert in einer breiten Tradition, die noch über die Negritude hinaus wirkte. Auch Albert Camus und Jean-Paul Sartre zählen zu den Wegbereitern und Weggefährten Senghors. Riesz arbeitet dies umsichtig heraus, indem er sich einem in Deutschland noch unbekannten Teil von Senghors Werk widmet: dem essayistisch-theoretischen Schaffen des Senegalesen. Wer lediglich den hymnischen, pathetischen Gestus von Senghors Poesie kennt - sämtliche Gedichte erschienen schon 1963 auf Deutsch -, der wird erstaunt sein von der unmissverständlichen und klaren Rationalität in seinen Essays.

Anschaulich schildert Riesz die Phase des Aufbruchs afrikanischer Intellektueller. Er zeigt, wie Senghor versuchte, seine Auffassung von einer zusammengehörigen schwarzen Kultur auch politisch manifest werden zu lassen. Und als sich diese Vision eines Panafrikanismus, einer westafrikanischen Föderation, nicht realisieren ließ, da strebte Senghor nach einer Kulturgemeinschaft im Konstrukt der so genannten Frankophonie, des weltweiten Verbunds französischsprachiger Länder.

Riesz stellt die Gedankenwelt Senghors ausgezeichnet dar. Er beleuchtet sie von ihren intellektuellen Wurzeln bis zu ihren ideologischen Folgen. Er zeigt, wie sich das Denken eines Menschen unter sich ändernden politischen Vorzeichen wandelt - der Zweite Weltkrieg, die afrikanischen Unabhängigkeiten -, und illustriert damit die Entwicklung des Dichters, Denkers und Politikers. Der Band, in Erzählstil geschrieben, ist wunderschön zu lesen und illustriert mit einer Zeittafel und ausgewählten Fotografien. Leider kommen die politische Seite Senghors und sein späteres Wirken als Präsident Senegals zu kurz, also jene Phase, die einst zu den Frankfurter Protesten 1968 geführt hatte. Dieser Abschnitt aus Senghors Leben sollte Riesz ein weiteres Buch wert sein.

Manfred Loimeier

297 | Planspiel Bevölkerungspolitik
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