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Editorial

Diese Filme bereiten uns Sorgen

Aufmerksame KinogängerInnen werden ihn bemerkt haben, den Trend zum politisch korrekten Betroffenheits-Entertainment mit Schauplatz Afrika. Der Reigen begann mit Hotel Ruanda, einem Film über den Genozid an den Tutsi und die Rettungsaktion des als »afrikanischer Oskar Schindler« bekannt gewordenen Paul Rusesabagina. Es folgte Der ewige Gärtner über die Machenschaften eines Pharmakonzerns in Kenia. Seinen vorläufigen Höhepunkt findet das »Polit-Kino mit Herz« (SPIEGEL) derzeit mit Blood Diamond, in dem vor der Kulisse des Bürgerkriegs in Sierra Leone der Handel mit Konfliktdiamanten angeprangert wird. Fortsetzung folgt ab Mitte März mit Der letzte König von Schottland, ein drastisches Porträt von Idi Amins Gewaltherrschaft in Uganda.

 

 

Es ist erfreulich, dass internationale Mainstream-Produktionen reale Probleme afrikanischer Gesellschaften aufgreifen – und noch dazu Kritik an westlichen Akteuren nicht aussparen. Heiligt nicht der Zweck die Mittel? Ein Hollywood-Film kann doch mehr Veränderung bewirken als jede gut gemeinte Dokumentation. Anne Jung von medico international, seit 1999 in der internationalen Kampagne gegen den Handel mit Konfliktdiamanten engagiert, schätzt deshalb einen Film wie Blood Diamond: »Die Erfahrung zeigt, dass dies ein wirksamer Weg ist, die Bevölkerung zur kritischen Nachfrage anzuregen und zur Änderung von Geschäftspraktiken beizutragen.« Wenn es im Abspann heißt »Please resist conflict diamonds«, lässt die Botschaft des Films an Deutlichkeit tatsächlich nichts zu wünschen übrig.

Anne Jung hebt hervor, dass Blood Diamond »seriös recherchiert« ist, etwa auf Grundlage des Abschlussberichts der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Sierra Leone. Prompt klagt der Weltmarktführer im Diamantenhandel, der Konzern De Beers: »Der Film bereitet uns Sorgen«. Die Diamantenindustrie sieht sich zu Imageanzeigen gezwungen, in denen sie sich als sauber darstellt.

Doch die Freude über diesen Erfolg mag sich nicht uneingeschränkt einstellen, zu ambivalent ist Spektakelkino wie Blood Diamond. Richtet es mit seinen Afrika-Klischees nicht auch Schaden an? Die von Leonardo Di Caprio gespielte Hauptfigur bringt mit Blick auf Bürgerkrieg und Gewalt nur ein Mantra-artiges »This is Africa!« hervor. Wenn hingegen die schwarze Nebenfigur Solomon Vandy vor einer UN-Versammlung einiges zu den Hintergründen des Krieges zu sagen hätte, dann bricht die Schlussszene ausgerechnet an dieser Stelle ab. Und was ist zu halten von der ästhetisierenden Inszenierung der Kindersoldaten, die mit Drogen zugedröhnt HipHop und Metal hören, Baseballkappen tragen und auch sonst ziemlich cool wirken – obwohl sie gerade Leichen schänden?

 

 

Die filmischen Mittel, mit denen internationale Produktionen wie Blood Diamond Öffentlichkeit schaffen, sind umstritten. Aber immerhin sind AfrikanerInnen in diesen Filmen nicht nur bloße Statisten für weiße Befindlichkeiten, wie das bei der deutschen Film- und Fernsehindustrie der Fall ist. Treffend bemerkte die taz, dass »der neue deutsche Heimatfilm« nicht mehr in den bayerischen Bergen spielt, »sondern in der Savanne Namibias, den Weiten Südafrikas oder eben zu Füßen jenes Bergmassivs, das zwischen 1885 und 1918 Teil des deutschen Kolonialreiches war«. Und so haben deutsche Fernsehsender in jüngster Zeit einen regelrechten Unterbietungswettbewerb um die dümmsten Afrika-Stereotypen ausgefochten.

Doch selbst die trivialste filmische Präsentation deutscher Sehnsuchtslandschaften kommt nicht ohne politischen Anspruch aus. Ein Auszug aus dem Plot der ARD-Produktion Traumhotel Afrika: Weil ein internationaler Konzern in der Nähe eines Luxushotels den Bau eines Golfplatzes plant, soll ein Zulu-Dorf weichen. Dagegen protestieren die mit exotischer Stammestracht ausstaffierten Zulu-Krieger unter Anleitung einer deutschen Umweltschützerin schwarzer Hautfarbe und der Tochter des ebenfalls deutschen Hoteldirektors. Nach allerhand Konfrontationen findet der Hoteldirektor eine salomonische Lösung: Das umstrittene Land wird zum Naturschutzpark mit Pflanzenlehrpfad und Zulu-Vorzeigedorf für Touristen.

Wenigstens ein aufklärerisches Element hat diese Sorte politischer Korrektheit: Sie ist gar nicht so weit weg von der Realität deutscher »Entwicklungszusammenarbeit« im südlichen Afrika. Findet jedenfalls

 

die redaktion

299 | G8 und internationale Herrschaft
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