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Daniel Bensaid: Eine Welt zu verändern

Bewegungen und Strategien. Hrsg. jour fixe initiative Berlin. Unrast Verlag, Münster 2006, 182 Seiten, 13.- Euro.

Rezension: Die Macht, die Partei und der Klassenkampf

Die Machtfrage stellt man nicht, indem man zu den Treffen der wichtigsten Staatsmänner der industriell führenden Staaten fährt und dort mehr oder weniger militant demonstriert. Die Machtfrage liegt jenseits des Spektakels. Und doch scheint die Bewegungslinke auf das (mediale) Spektakel angewiesen zu sein, weil sie jenseits davon kaum noch die Beine auf den Boden bekommt. Auch theoretisch hängt einiges in der Luft, und die neuesten Großentwürfe revolutionärer und subversiver Theorie sind bloß ein Spiegelbild davon, dass die existierenden Bewegungen sich nicht im Sinne einer Aufhebung und radikalen Infragestellung des Bestehenden vereinheitlichen. Das drückt sich unter anderem im Revival der Theologie in der revolutionären Theorie aus. Philosophen wie der Ex-Maoist Alain Badiou, der slowenische Theoretiker Slavoj Z?iz?ek und der italienische Modephilosoph Giorgio Agamben, alle Fürsprecher einer Neuen Linken, wälzen das Neue Testament und diskutieren Paulus als neuen Lenin. Bei den Ex-Operaisten Antonio Negri und Michael Hardt taucht als neue Figur des Militanten Franz von Assisi auf, und auch John Holloways Theorie der Befreiung beinhaltet einen Hang zur religiösen Transzendenz (zur Kritik siehe iz3w 267).

Dabei treten gerade die Letztgenannten als Erben des Marxismus auf. Marx hatte ein klares Revolutionsmodell vorgelegt: die Macht liegt bereits in entfremdeter Form vor - als Kooperation der Arbeiterklasse, die jedoch unter der Herrschaft des Kapitalismus zu fremden Zwecken und nicht entlang der eigenen Bedürfnisse organisiert ist. Die Macht steckt in der Verweigerung der Produktion - die Streikbewegung der letzten Jahrzehnte zehrte noch von dieser Erkenntnis. Dem trat eine politische Strategie zur Seite, Marx und Engels favorisierten gegen die starke anarchistische Opposition in der ersten Internationale ein Bündnis mit den bürgerlichen Kräften. Sie sprachen sich zuweilen auch für das Parteikonzept aus. Die Partei als Verkörperung der "Diktatur des Proletariats" sollte in einer Übergangsphase die Gesellschaft planen, entwickeln und organisieren. Lenin und Mao radikalisierten diese Vorstellung in Ländern, die noch nicht voll entfaltete bürgerlich-kapitalistische Verhältnisse hervorgebracht haben. Der westliche Marxismus von Karl Korsch und Amadeo Bordiga bis Anton Pannekoek kritisierte den realen Verlauf des bolschewistischen Revolutionsmodells, in dem durch eine autoritär-jakobinische Revolutionspartei die Entwicklung der Produktivkräfte durchgesetzt wird. In dieser Tradition der Kritik leninistischer Modelle stehen auch Negri/ Hardt und Holloway.

Nun hat ihnen der französische Philosoph Daniel Bensaid geantwortet, ein Aktivist der französischen Linken, der bereits 1968 ein führender Kader der jeunesse communiste révolutionnaire war. Sein Buch Eine Welt zu verändern. Bewegungen und Strategien ist im Kern eine Auseinandersetzung mit diesen beiden wichtigsten konkurrierenden Vertretern eines neuen Post-Operaismus, mit Antonio Negri auf der einen und John Holloway auf der anderen Seite. Nach Bensaid müsse eine radikale Linke auf die "Flaute der europäischen Linken, die brasilianische Erfahrung, die Schwierigkeiten der Zapatistas, das argentinische Tief, das identitäre Abdriften im Nahen Osten" reflektieren. Bereits mit dieser Gegenwartsdiagnose ist angedeutet, dass hier ein Realist spricht, der wenig gemein hat mit dem post-operaistischen Triumphalismus, der von einer mächtigen "Multitude" kündet oder aktuelle Kämpfe schlichtweg idealisiert.

Ausführlich widmet sich Bensaid den Theorien von Negri und Hardt in deren Bestseller "Empire" und kommt zu dem Ergebnis, dass ihr Begriff "Multitude" theoretisch konfus, soziologisch unpräzise, philosophisch obskur und strategisch leer sei. Besonders die von Negri/ Hardt wenig geschätzten defensiven und reaktiven Kämpfe gegen Privatisierung und für den Erhalt von Arbeitsplätzen, beispielsweise der französischen Eisenbahner im Winter 1995, dürften nicht nur als Ausdruck einer korporatistischen Nostalgie verworfen werden. Auch die von Negri propagierte Flucht und Verweigerung der Lohnarbeit sei oftmals nur eine Ideologie, mit deren Hilfe einige politisch aktive Langzeitarbeitslose ihre eigene Lebenssituation theoretisieren würden.

Gegen die diffuse Vorstellung einer Multitude von Singularitäten will Bensaid, Marx folgend, den Klassenbegriff als Einheit der Vielfalt retten. Bei aller Beachtung von "Rassen"-, Geschlechter-, nationalen und religiösen Fragen hält Bensaid am Begriff der Totalität fest. In der Tradition des westlichen Marxismus beschreibt er den Kapitalismus als totalitäre Struktur, die eine negative Einheit stiftet. Unnötig zu erwähnen, dass Bensaid deswegen von antirassistischen und geschlechterpolitischen Patchwork-Theorien und ihren Anerkennungspolitiken nicht viel hält. Doch auch libertäre Befreiungsvorstellungen finden Bensaids Gefallen nicht. Bei John Holloways Versuchen, eine Strategie zu begründen, wie man die Welt verändern kann, ohne die Macht zu übernehmen, sieht er einen dogmatischen Zweifel an allem und jedem Wirken - vor allem an der Partei und am Staat. Gerade wenn Holloway - anders als Negri - dem Totalitätsgedanken und dem Fetischcharakter des Kapitalverhältnisses als ideologischem Hindernis auf dem Weg zur Revolution eine prominente Stellung einräumt, müsste er sich mit dem Konzept einer Avantgarde auseinandersetzen, so Bensaid.
Hier kommt der gute alte Lenin wieder zu neuen Ehren, dem Bensaid ähnlich wie der Philosoph Z?iz?ek eine "unzeitgemäße Aktualität" zugesteht. Die Partei soll sich nämlich in Zeiten der Abwesenheit eines entwickelten Klassenkampfes als Repräsentant der Klasse aufbauen, immer bereit, um auf das unerwartete Ereignis zu reagieren. Dass der von Bensaid ausführlich gewürdigte Lenin allerdings seine Partei einer anderen Repräsentationsform der Klasse, nämlich den Räten, vorzog und zuweilen auch die Parteiherrschaft gegen die eine Rätemacht verlangenden Kronstädter Matrosen 1921 in Anschlag brachte, muss bei Bensaid unter den Tisch fallen. In der Kritik der libertären Befreiungstheorien von Holloway und Negri ist Bensaids Buch stark, doch entsorgt er dabei die berechtigte Kritik undogmatischer und antiautoritärer Strömungen an den Konzepten der leninistischen Parteistrategie.

Gerhard Hanloser

299 | G8 und internationale Herrschaft
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