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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 299 | G8 und internationale Herrschaft Tricia Redeker Hepner and Bettina Conrad (Ed.): Eritrean Studies Review

Tricia Redeker Hepner and Bettina Conrad (Ed.): Eritrean Studies Review

Eritrea Abroad: Critical perspectives on the global diaspora. Vol. 4, Number 2, The Red Sea Press, Inc. Trenton, (NJ) USA 2005, 267 Seiten, 25,00 US-Dollar. Magnus Treiber: Der Traum vom guten Leben. Die eritreische "warsay"-Generation im Asmara der zweiten Nachkriegszeit. LIT Verlag, Münster, 2005, 312 Seiten, 29,90 Euro.

Rezension: Zwischen Asmara und Diaspora


Der weltweit verstreuten eritreischen Diaspora widmet sich eine Ausgabe der Eritrean Studies Review. Eritrea abroad: Critical perspectives on the global diaspora unternimmt den Versuch, verschiedene Ansätze zu den unterschiedlichen Communities, ihren politischen Selbstverständnissen sowie ihren Migrationsrouten, Erwartungen und Enttäuschungen in den Ankunfts- und Transitländern vorzustellen. Die von den AuswanderInnen vorgefundenen Verhältnisse in Deutschland, den USA, Sudan und Kanada könnten unterschiedlicher nicht sein.

Gaim Kibreab stellt die Frage nach eritreischem Flüchtlingsalltag in sudanesischen Großstädten. Ihm zufolge waren es ethnifizierte Netzwerke, die das Überleben in städtischen Gebieten erst ermöglichten. Denn ein Teilaspekt der sudanesischen Flüchtlingspolitik war es, die eritreischen MigrantInnen durch strikte Zuwanderungsregelungen in ihrer Bewegungsfreiheit einzuschränken und in ländlichen Gebieten als billiges Arbeitskräftereservoir einzusetzen.

Bettina Conrad gibt Auskunft über das Innenleben der eritreischen Community in Deutschland. Angelehnt an Albert O. Hirschmans Theorie von "Exit, Voice and Loyalty" erläutert sie Bandbreite und Komplexität der politischen Aktivitäten. Vor allem die nach wie vor breite Unterstützung der regierenden Einheitspartei PFDJ durch breite Teile der Diaspora in Deutschland trotz der offensichtlichen Repressionen für die Zurückgebliebenen beschäftigt Conrad. Aber sie erkennt in den Umständen in der alten Heimat auch genügend Auslöser für oppositionelle Bewegungen hierzulande.
Victoria Bernal nähert sich den landläufigen Assoziationen beim Begriff Diaspora auf originelle Weise, indem sie "Konflikte, Community und Celebrity im virtuellen Eritrea" skizziert. Es sind die theoretischen wie historischen Ungleichzeitigkeiten und Differenzen, die die Stärke dieses Bandes ausmachen. Damit wird er zum gut lesbaren Infopool auch für jene, die sich bisher nicht mit den Gegebenheiten am Horn von Afrika befasst haben.
Der eritreischen "warsay-Generation im Asmara der zweiten Nachkriegszeit" widmet sich Magnus Treiber in seinem Buch Der Traum vom guten Leben. Treiber erkundet die Lebensbedingungen von jungen Männern und Frauen im urbanen Raum Asmara. Ihn beschäftigen die in der eritreischen Hauptstadt vorgefundenen Hoffnungen und Träume nach einer anderen, besseren Zukunft. Mit den Husseins, Robertas, Gebremeskels und Yordanos als Informanten durchforscht der Autor die Stadt und vollzieht die Schaffung ihrer sozialen Räume nach. Seine Akteure bewegen sich trotz aller widrigen Umstände selbstbewusst zwischen den zahlreichen Bars, Cafés, Restaurants und Hotels der relativ jungen Stadt - Asmara wurde in den Jahren zwischen 1920 bis 1940 von italienischen Kolonialisten als urbanes Zentrum konstruiert.

Der Autor versteht es, die Grenzen seiner ethnographischen Studie selbstkritisch einzuzeichnen. Er fragt immer wieder nach der eigenen Positionierung als weißer europäischer Wissenschaftler, ohne sich dabei selbst als bedeutend zu wähnen. Diesem Umstand ist nicht nur die Detailfreude dieser Arbeit zu verdanken, sondern auch ihr politisierter Charakter. Beispielsweise wenn Treiber den Grenzkrieg mit Äthiopien, Fluchtpläne oder städtische Prostitution junger Frauen beschreibt. Treiber verknüpft sein umfangreiches Insiderwissen mit den lebhaften Aussagen seiner InterviewpartnerInnen.

Bedingt durch den letzten Krieg mit Äthiopien (1998 - 2000), enorme staatliche Repression und verbreitete Armut liegt der Schluss nahe, dass die jungen Leute in Eritrea nicht anders können als zu verzweifeln. Doch Treiber glaubt, dass "die paradoxe Verbindung von abwechslungsarmer Eintönigkeit einerseits und Unsicherheit wie Gewalterfahrung andererseits, junge Erwachsene zu Wartenden, in ihrem Überlebenswillen jedoch nicht notwendigerweise zu Verzweifelnden" macht. Sie entwickelten stattdessen "eine fatalistische, doch unbeugsame Gelassenheit".

Jonas Berhe

299 | G8 und internationale Herrschaft
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