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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 299 | G8 und internationale Herrschaft Tom Holert, Mark Terkessidis: Fliehkraft

Tom Holert, Mark Terkessidis: Fliehkraft

Gesellschaft in Bewegung - von Migranten und Touristen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006, 288 Seiten, 8,95 Euro.

Rezension:  Für das Recht auf einen Ort


Wo berühren sich die beiden großen Mobilitätsphänomene Tourismus und Migration, wo geraten sie in Konflikt, welcher Wandel geht von ihnen aus? Seit geraumer Zeit liegen diese Fragen in der Luft, doch bisher hatte niemand gewagt, die beiden gesellschaftlichen Kräfte zusammen zu behandeln. Zu beliebig schien die offensichtlichste Gemeinsamkeit touristischer und migrantischer Mobilität: die Tatsache, dass sich Menschen bewegen, von einem Ort der Herkunft, meist über Grenzen hinweg, zu einem Ort des Aufenthalts von meist vorübergehender Dauer. Die Reisetätigkeit der Touristen wurde dabei als freiwillige Wahl und die Mobilität der Migrantinnen als vorwiegend erzwungene Flucht verstanden. Aus dieser Perspektive schien es tatsächlich wenig überzeugend, diese beiden Mobilitätsphänomene unter einem gemeinsamen Vorzeichen zu behandeln.

Dennoch wagen Tom Holert und Mark Terkessidis in ihrem Buch Fliehkraft - Gesellschaft in Bewegung, von Migranten und Touristen den verbindenden Gedankengang. Dazu begehen sie Orte, an denen sich ökonomische und soziale Räume des Tourismus und der Migration punktuell durchdringen. Viele liegen an den europäischen Außengrenzen. Die Autoren besuchten Plätze, an denen sich die Wege der MigrantInnen und TouristInnen kreuzen und wo sie zumindest teilweise die gleiche Infrastruktur nutzen - etwa Hotels, die von Kriegsflüchtlingen bewohnt werden. Es geht um die Orte des Aufenthaltes, der Durchreise, des Wartens und Abwartens, des Zeitvertreibs und des Aufbruchs. Sie sind allesamt Ausdruck eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels rund um die Kontrolle der Mobilität.

Migration und Tourismus betrachten die Autoren als "Figuren", mit deren Hilfe sie gesellschaftliche Veränderungen aufspüren wollen. Ohne zu wissen, wohin die Reise geht, folgt man gespannt den Routen der MigrantInnen, besucht Feriendörfer, in denen RückkehrerInnen isoliert von ihrer Heimat leben, streift die zum Symbol der touristischen Konsumierbarkeit europäischer Städte gewordenen "Strände" an Spree und Seine, verharrt in provisorischen Unterkünften in Kroatien, in denen heimgekehrte GastarbeiterInnen festsitzen, besucht Asylunterkünfte, in denen Zeit und Bewegung eingefroren werden.

Auf der Lesereise über Marokko, Algerien und Melilla nach Europa, nach Frankreich, Italien und Albanien, durch Kroatien und Israel, wird mehr und mehr deutlich, dass es gar nicht so sehr um das Unterwegssein geht, sondern vielmehr um die gegenteilige Perspektive, nämlich die des Ortes. "Provisorien erstarrter Bewegung" und "Räume des Abwartens" werden als machtvolle "Instrumente der Zermürbung" deutlich. Die hier zum Warten Verdammten sind weithin ohne Bürgerrechte. Andernorts entstehen gewaltige Infrastrukturen für Personen, die ohne jeglichen Bezug zum Ort in einer Ferienanlage den Winter oder ihren Lebensabend verbringen. Oder für BürgerInnen, die gar nicht präsent sind, wie im Falle eines Stadtviertels in Tanger, das aus Zweitwohnungen der in Europa lebenden MarokkanerInnen besteht.

Was, wenn dem Ort vor lauter Mobilität - sei es der eigenen BewohnerInnen oder der zur provisorischen Bleibe verurteilten MigrantInnen - die politischen Subjekte abhanden kommen? Je weniger ein Ort von sich behaupten kann, gesellschaftlich-politisch aktive und mit entsprechenden Rechten ausgestattete Subjekte aufzuweisen, desto eher wird die Kontrolle über diesen Raum, über Investitionen und die Auslese von finanzkräftigen KonsumentInnen durch Staat und Wirtschaft ausgeübt.

Insofern lenken die politischen Alltagsdebatten der staatlichen Souveräne, wenn erwünschte und unerwünschte Formen der Migration und des Tourismus unterschieden werden, in ihrem eigennützigen Pragmatismus davon ab, was es bedeutet, "wenn keine sesshafte Bevölkerung mehr den Interessen der Wirtschaft und der Politik im Wege steht". So besehen hat jede Bewegung von Individuen, ob im Rahmen privilegierter oder illegalisierter Mobilität, tatsächlich einen vergleichbaren Effekt. Aufgrund der Tatsache, dass Rechte an nationale Zugehörigkeit gebunden sind, erwächst aus der Mobilität der Gesellschaft ein "Verfall von Öffentlichkeit" am Ort.

Rechtlosigkeit und soziale (Un-)Sicherheit sind aus dieser Perspektive nicht mehr nur das Los von MigrantInnen in Europa. Rechte an den Wohnort und nicht an die Staatsangehörigkeit zu koppeln, sehen Holert und Terkessidis dann auch als entscheidend für die mobile Gesellschaft an, um dem "Ruin von Zivilität" entgegenzutreten. Das Recht auf einen Ort und auf dessen politische und kulturelle Gestaltung taucht so am Ende der Reise als das notwendige Gegenstück zur sonst geforderten Freiheit der Bewegung auf.

Martina Backes

299 | G8 und internationale Herrschaft
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