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Bamako

(Regie/ Buch: Abderrahmane Sissako, Mali/ Frankreich 2006, 118 Min.), läuft im ganzen Jahr 2007 in ausgewählten Programmkinos. Infos bei www.kairosfilm.de (D) oder www.trigon-film.org (CH).

Rezension: Das wahre Drama

Es gibt Filme, die sind so unglaublich politisch korrekt, dass kein Publikum und kein Kritiker sie wirklich schlecht finden kann. Bamako ist einer von ihnen. Der Plot von Autor und Regisseur Abderrahmane Sissako geht so: In einem Hinterhof in Malis Hauptstadt Bamako tagt ein imaginäres Gericht. Verhandelt werden die Verbrechen der westlichen Staaten gegenüber Afrika. Als Ankläger treten verschiedene ProtagonistInnen der "afrikanischen Zivilgesellschaft" auf, wie eine Schriftstellerin und eine Aktivistin. Auf der Anklagebank sitzt ein Vertreter der Weltbank, ein älterer weißer Herr. Der Reihe nach sagen Zeugen aus und berichten vom Elend in Afrika, wie etwa ein Flüchtling, der auf dem Marsch durch die Sahara mit ansehen musste, wie ein Gefährte stirbt.

Diese etwas rigide Anordnung unterbricht Sissako mit allerlei Exkursen. Er deutet die Geschichte der Sängerin Melé an, die von einem Engagement in Afrikas Musikhauptstadt Dakar träumt und dafür Mann und Tochter im Stich lässt. Er zeigt das Alltagsleben im Hinterhof und dessen BewohnerInnen, die dem Schauprozess mal mehr, mal weniger interessiert zuhören. Und er schiebt einen Film im Film ein - eine Persiflage auf einen Italowestern mit dem Titel "Tod in Timbuktu". Der schwarze Hollywoodstar Danny Glover hat darin einen Auftritt als Rächer der Erniedrigten.

All das sind zweifellos gute Zutaten für einen metapherstarken Film aus und über Afrika. Und doch hinterlässt "Bamako" einen zwiespältigen Eindruck. Obwohl Sissako keinen Agitprop im engeren Sinn anstrebt, ist die politische Botschaft, die er den ZuschauerInnen bei aller Kunstfilm-Attitüde auf's Auge drückt, ziemlich schlicht. Der Westen, sein neoliberales Modell und der Kolonialismus sind in "Bamako" an allem Elend des afrikanischen Kontinents schuld. Über Schlagworte wie "Privatisierung", "Strukturanpassung" und "G8" geht die Suche nach den Ursachen für Afrikas Armut kaum hinaus. Erwartungsgemäß sind US-Präsident Bush und Weltbankpräsident Paul Wolfowitz die Oberschurken. Die Plädoyers und die als authentisch präsentierten Zeugenaussagen im Schauprozess klingen bisweilen so, als seien sie aus einer Attac-Broschüre abgeschrieben. Ob das daran liegt, dass der Regisseur in Paris lebt?
Trotz seiner Längen, trotz der wenig überzeugenden Montage von Bruchstücken ist der Film bewegend. Er zeichnet sich durch eine geradezu existentialistische Melancholie aus. Selten wurde die Trauer und Desillusionierung der vom guten Leben Abgeschnittenen so schonungslos gezeigt wie in "Bamako". "Das wahre Drama in Afrika sind nicht die Menschen, die sterben, es sind jene, die enttäuscht sind und jegliche Hoffnung verloren haben." (Sissako). Dieses Drama in all seinen Ausdrucksformen als Film zu inszenieren und dabei auf ein versöhnlerisches Happy End zu verzichten, ist die Stärke von "Bamako".

Christian Stock

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