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Editorial Themenschwerpunkt

Themenschwerpunkt Namibia

"Über Nacht und ohne Zeitverschiebung geht es in eine völlig fremde, faszinierende Welt von scheinbar unendlicher Weite und atemberaubender Schönheit. Die Landschaft hinterlässt offensichtlich einen so starken Eindruck, dass es für viele ein erträumtes Ziel ist, ständig dort zu leben. Für die Dokumentation ‚Sehnsucht nach Namibia' gehen wir auf die Suche nach Menschen, die sich diesen Traum erfüllt haben". Die Sendeankündigung der 3Sat-Sehnsuchtsdoku vom Februar 2007 erklärt, dass Namibia zu den beliebtesten Reisezielen Afrikas gehöre. Der Tourismuskonzern FTI berichtet von "unglaublichen Zuwächsen", die an der gesteigerten Medienpräsenz lägen.

Tatsächlich: Nach der Debatte um den hundertsten Jahrestag des großen Kolonialkrieges im Jahr 2004 nimmt die Zahl der Reportagen und Reality-Shows zu, die dieses Land in den Mittelpunkt stellen. Von "Namibia op Platt" (Ohnsorg-Theater in Afrika) über "Wie die Wilden" (Sat1) bis zu "Das Afrika-Abenteuer" (Kabel1) reicht der Reigen. Auch der deutsche Heimatfilm "Afrika - Wohin mein Herz mich trägt" (ZDF) hat das ehemalige Deutsch-Südwest als Kulisse entdeckt.

Die Tourismusbranche vor Ort ist zu erheblichen Teilen in Händen der kleinen Minderheit von Namibia-Deutschen. So manche/r TouristIn freut sich, in Afrika deutsch reisen zu können. Deutschsprachige Buchläden verkaufen passend dazu kolonialnostalgische Literatur. Auf besondere Art davon angezogen fühlen sich deutsche Burschenschaftler. Ihre chauvinistischen "Grenzlandfahrten" führen sie nicht nur nach Ostpreußen oder Südtirol, sondern eben auch in die namibische Wüste.

Im Dezember 2006 bewegte sich etwa eine Gruppe der "Thuringia Braunschweig" auf Einladung eines Altherren und seiner Frau für vier Wochen im Lande. Dort übergaben sie Spenden der Studentenverbindung und des Pro-Apartheid-Relikts "Hilfskomitee Südliches Afrika" an deutsche Schulen. Sie protestieren damit gegen die "Zwangsöffnung" der alten deutschen Schulen "für alle Bevölkerungsgruppen". Schlimm fanden Burschenschaftler auch die drohende Enteignung der deutschen Farmer. Und noch schlimmer, dass die Ministerin Wieczorek-Zeul die Landreform gar mit Millionenbeträgen unterstütze. Die Frage nach dem Realitätsgehalt der Enteignungsdrohung kam unter den Kameraden hingegen nicht auf, und schon gar nicht wollten sie wissen, warum eine Landreform in einem von Kolonialismus, Apartheid und extremer sozialer Ungleichheit geprägten Land politische Priorität haben sollte.

Damit das Schicksal der unschuldigen Reiter in der Waterbergschlacht gegen die Herero von 1904 "nie vergessen" werde, legten die Burschenschaftler tatkräftig selber Hand an. Sie leisteten praktische Entwicklungshilfe, indem sie die bei TouristInnen beliebten Schutztruppengräber instand setzten. Denn - was für ein Skandal - die deutsche Kriegsgräberfürsorge komme in Namibia nur für die Pflege der Gräber von Gefallenen der beiden Weltkriege auf! Als Gegengift gegen die immer wieder postulierte These vom Völkermord an den Herero und Nama solle neben der Spitzhacke aber auch zum Buch gegriffen werden, und so empfehlen die Kameraden den rechtsextremen Autor Claus Nordbruch.

Anfang April gab es wieder einen Anlass zur Freude für die spendierfreudigen Altherren der Thuringia. Der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) stattete dem Staatspräsidenten Pohamba anlässlich seiner Namibia-Familienreise einen Höflichkeitsbesuch ab. Anschließend erklärte der inkognito reisende Tourist, dass die deutsche Regierung eine Entschädigungszahlung in Folge des Herero-Krieges von 1904 ablehne.

Die meisten deutschen Touristen in Namibia interessieren sich für Großwild und Natur, "Naturvölker" und Namibia-Deutsche. Der Großteil der Bevölkerung und der gesellschaftlichen Realität taucht auch in den Medien nur am Rande auf oder wird ganz ausgeblendet. In unserem Namibia-Themenschwerpunkt gehen wir dagegen aktuellen sozialen Problemen und Konflikten wie Aids, Globalisierung und Landfrage nach. Einleitend werden die vielschichtigen Auswirkungen der nationalen Versöhnungspolitik nachgezeichnet, die vor nunmehr 17 Jahren eingeschlagen wurde. So entsteht ein ganz anderes Bild vom "Land der Kontraste" (Reiseanbieter Tchibo).

die redaktion

Wir danken der Stiftung-do für die Förderung des Themenschwerpunktes

300 | Namibias langer Weg in die Unabhängigkeit
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