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Gérard Prunier: Darfur

Der "uneindeutige" Genozid. Hamburger Edition, Hamburg 2006. 274 Seiten, 25.- Euro.

Rezension: Massenmord vor aller Augen

Fand und findet in Darfur, wie die New York Times am 31. März 2004 verkündete, der "erste Genozid des 21. Jahrhunderts" statt? Debatten um das große G-Wort sind für die westliche politische Kultur von Bedeutung, wegen Auschwitz, aber auch wegen des Aufmerksamkeits- und Skandaleffekts, der von ihm ausgeht. Nicht von ungefähr interessierte sich die Weltöffentlichkeit erst für das Massenmorden in Darfur (Westsudan), als von einem Genozid die Rede war. Zuvor galt Darfur als typisch "afrikanische Krise": weit weg, abseitig, äußerst gewalttätig, in ethnische Probleme verwickelt und von keinem erkennbaren praktischen Interesse für die reichen Länder. Doch gerade die moralische Empörung über den nun festgestellten Genozid habe dazu beigetragen, den politischen Charakter des Problems zu verschleiern - glaubt Gérard Prunier, Historiker, Ostafrikaspezialist und Direktor des Centre Français d'Études Éthiopennes in Addis Abeba.

Prunier hat bereits 1995 ein frühes Standardwerk über die Vorkommnisse in Ruanda geschrieben. In seinem neuen Buch Darfur findet er die Diskussionen darüber, wie "genozidal" gemordet wurde, allerdings einigermaßen unwichtig. Er verweigert sich nicht der Debatte, aber betrachtet sie als Definitionsproblem der Außenwelt. Die DarfurerInnen erlebten das "genozidale Morden" als plötzliche Häufung dessen, was sie schon seit 20 Jahren erleiden mussten - von ethnischen "Säuberungen" auf Raten bis zum vollen Programm von Vertreibung und Mord. In diesem Sinne interpretiert Prunier auch die Eskalation der Gewalt: als Werkzeug, um den Sudan zusammenzuhalten, der von einer arabischen Minderheit beherrscht wird und eines der letzten multinationalen Reiche ist. Die massenmörderische Aufstandsbekämpfung geriet durch eine tödliche Mischung lokaler Begebenheiten wie dem Landproblem und dem Hunger und eben durch ethnische Instrumentalisierungen zu einer gewaltigen Explosion.

Nicht zum ersten Mal ist ein Ortskundiger entsetzt über die Ignoranz und Unwissenheit des Westens und den Unwillen, daran etwas zu ändern. Prunier schließt sich der Schilderung von Menschenrechtsorganisationen an, wonach die sudanesische Regierung zur Aufstandsbekämpfung die Reitermilizen der Dschandschawid im Sommer 2003 von der Leine gelassen hat. Die folgenden Gewaltexzesse sahen in den schlimmen Fällen so aus: Sie riegelten den Ort ab, plünderten die Habe der BewohnerInnen, vergewaltigten Mädchen und Frauen, stahlen die Rinder und töteten die Esel. Danach brannten sie die Häuser nieder und erschossen alle, die nicht weglaufen konnten. Kleine Kinder wurden oft einfach in die brennenden Häuser geworfen. Prunier schätzt, dass auf diese und ähnliche Weise bis Jahresanfang 2005 rund 300.000 Menschen ums Leben gekommen sind.

Obwohl er die Benennung von Taten, Tätern und Tatorten akademischen Diskussionen um Begriffe vorzieht, ist Pruniers Buch theoretisch durchaus beschlagen. Man lernt, wie ethnische Konflikte entstehen, besser: gemacht werden, und wann und warum sie eskalieren können. Bereits in der historischen Perspektive ist der Darfur-Konflikt komplexer als die Formel "AraberInnen" gegen "Schwarze" suggeriert. Zudem, so Prunier, gäbe es diesen Konflikt in dieser Form nicht ohne die Einmischung von außen - Khartum, Libyen, Tschad. Das Bild, in Darfur ständen sich "AraberInnen" und "Schwarze" gegenüber, ist somit zwar ein Klischee, aber es hat einen wahren Kern. In einem materiell, kulturell und politisch zerrütteten Land werden solche Mythen gerne geglaubt. Dabei spielen Schlüsselbegriffe wie "moralische Geographie" eine wichtige Rolle - ein Erklärungsansatz, der zeigt, wie etwa die Dürre eine Gesellschaft ethnisch spalten kann.

Prunier hat eine erfrischende Art, auf die materiell-profane Basis von kulturellen und kulturalistisch gedeuteten Konflikten hinzudeuten. Massive Steuererhöhungen und schlechte Ernten erklären für ihn mehr als die schiere Präsenz von verschiedenen Ethnien mit unterschiedlichen Kulturen. Das bedeutet nicht, dass er die Wirkungskraft einer rassisch-kulturellen Rhetorik anzweifeln würde, bloß, dass er nicht ethnische Differenzen als substantiell betrachtet, sondern vielmehr die Ethnisierung von Konflikten. Prunier bleibt allerdings nicht dabei stehen, Rassen, Ethnien etc. zu dekonstruieren, sondern er zeigt, warum das "Rassenspiel" in Darfur und der "Krieg der Vorstellungen" zwischen "AraberInnen" und "AfrikanerInnen" erfolgreich sein konnte. Er verweist auf den Zusammenbruch einer Gesellschaft als Ursache und Folge von Gewalt zugleich. Und er führt die Komplexität eines Landes vor, das nicht nur aus Tätern und Opfern besteht, die bedenkenlos bestimmten Ethnien zugeordnet werden können, wenngleich das Entsetzen und die Empörung über den Umfang und die Grausamkeit der Massaker an dem Kollektiv der "AfrikanerInnen" in jeder Zeile zu spüren ist.

Dieses Buch ist in analytischer wie in politischer Hinsicht äußerst wertvoll. Es ist in der Tat erschütternd, dass - wie Prunier anklagt - während des Jahres 2004 die genozidale Gewalt vor aller Augen stattfand, auf Befehl von Leuten, die namentlich bekannt waren und immer noch auf der internationalen Bühne empfangen wurden. Immerhin ermittelt seit 2005 der Internationale Strafgerichtshof gegen die HaupttäterInnen und Hintermänner der schlimmsten Massaker. Inzwischen ist in Den Haag sogar gegen den früheren Innenstaatssekretär und einen Milizenführer Anklage wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit erhoben worden. Vielleicht wird die Katastrophe von Dafur, der "'uneindeutige' Genozid", wie es im Untertitel heißt, nun wenigstens juristisch beleuchtet - während er noch vonstatten geht. Denn dass das Darfur-Friedensabkommen vom Mai 2005 das Papier nicht wert ist, auf dem es geschrieben wurde, und es das Morden nicht beendet hat und beenden wird, daran lässt Prunier keinen Zweifel.

Jörg Später

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