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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 301 | Kunst, Politik und Subversion Editorial Themenschwerpunkt

Editorial Themenschwerpunkt

Den Kapitalismus umstürzen ...

Liebe Leserinnen und Leser,

wir freuen uns, dass Sie heute mit dabei sind, und begrüßen Sie ganz herzlich zu unserem Themenschwerpunkt Kunst, Politik und Subversion. Der spektakulären Welt der Bilder und der perfekten Inszenierungen steht die reale Erfahrung von Unterdrückung, Ausbeutung und Unfreiheit gegenüber, ein Ausweg scheint kaum erkennbar. Regt sich Protest, wie beispielsweise gegen den G8-Gipfel, kommt der "unmittelbare Zwang" der Staatsgewalt zum Einsatz, jenseits von Protesten regieren Comedy und Langeweile. Grund genug für uns, einen Blick auf alte und neue Formen subversiver Intervention und Kritik zu werfen.

Bei diesem Thema erschien es uns angebracht, auch unsere eigenen gewohnten Bahnen zu verlassen. Der vorliegende Themenschwerpunkt ist eine Collage, die den Arbeitstitel - daher auch die Begrüßung an dieser Stelle - "Radioshow" trug. Unsere Sendung besteht aus zwei Elementen: Eine Moderation der Redaktion und Beiträge unserer "Gäste". Gemeinsam mit den Studiogästen haben wir uns, in Form von E-Mail-Interviews, mit der Frage beschäftigt, wie gesellschaftsverändernde Theorie und Praxis im Zeitalter von Medienhype und Postfordismus aussehen kann. Die Statements sind aus Antworten auf Interviewfragen entstanden und wurden von uns neu zusammengesetzt.

Die folgenden Seiten sollen Anregungen für eine Auseinandersetzung mit Kunst und Politik, Form und Inhalt, Vermittlung und Vereinnahmung geben. Diesmal allerdings nicht - wie sonst in der iz3w üblich - in fertigen Texten und Analysen, sondern als Gedankensplitter und Zeichenschnipsel.

Also: Do It Yourself!

"Wenn es etwas Lächerliches daran gibt, von der Revolution zu sprechen, dann natürlich deshalb, weil die organisierte revolutionäre Bewegung aus den modernen Ländern, in denen die Möglichkeiten zu einer entscheidenden Gesellschaftsveränderung konzentriert sind, seit langem verschwunden sind. Noch viel lächerlicher aber ist alles andere, denn es handelt sich um das Bestehende und um die verschiedenen Formen seiner Duldung."

Situationistische Internationale: Anleitung für den Kampf

Wir haben nie eine Straßentheateraktion angemeldet oder Verantwortliche genannt. Wir sind immer davon ausgegangen, dass die Straße ein öffentlicher Ort ist, den wir uns nicht nehmen oder genehmigen lassen. Wir haben bewusst mit dem bürgerlichen Freiheitsbegriff gepokert, indem wir uns als Kunst definiert haben. Das ist in meinen Augen ein subversiver Ansatz: Die VertreterInnen der Macht mit ihren eigenen Mitteln lahm zu legen. Gerade in Situationen, in denen eine hohes Maß an staatlicher Repression zu befürchten ist, wie zum Beispiel in den letzten Jahren bei den G8-Treffen, bietet Straßentheater eine Chance, sich Verhaftungen und Platzverweisen zu entziehen, indem man auf das Terrain der Kunst ausweicht, um trotzdem vor Ort eine Auseinandersetzung mit brisanten Themen möglich zu machen.
Isabella Bischoff

Die SituationistInnen wollten nicht das bürgerliche Bildungserbe bereichern und den ungelesenen Klassikern weitere hinzufügen. Sie wollten die Ideologie der versachlichten Herrschaft durchbrechen, mit ihren Schriften, wie es hieß, Öl dorthin gießen, wo Feuer ist. Man könnte frohen Herzens auf die Texte der SituationistInnen verzichten, wenn man auch die Probleme los wäre, mit denen diese sich herumschlugen - die Tatsache etwa, dass der Kapitalismus die Menschen als bloße Anhängsel der Produktion um der Produktion willen mitschleift. Und selbst das nur, wenn sie Glück haben.
Lars Quadfasel

Ergänzend zur Moderation wollen wir auch gelegentliche Einblicke in den Diskussions- und Gestaltungsprozess gewähren, dem sich diese Ausgabe verdankt. Ungefähr so:

Wolfgang: In der FH für Grafik-Design & Bildende Kunst habe ich gesehen, dass die Adbusters, welche Werbung verfremden, Studierende unglaublich ansprechen. Die Ver-bindung von Spaß und Subversion ist attraktiv. Und die Studis werden kritischer, erstellen an der FH das Grafikmagazin "Zwiebelfisch*" und drücken sich dort abseits der oder gegen die Verwertungslogik aus. Kalle Lasn, Gründer der Adbuster-Bewegung, benutzt die Mechanismen, die er in der Werbung gelernt hat, gegen die Werbung. Jetzt ist er hip.

Tine: Für mich ist der Spaß-Faktor, den Wolfgang erwähnt hat, auch wichtig. Subversion richtet sich gegen das Biedere und Ernste, auch innerhalb der Linken. Trotzdem gehört für mich die inhaltliche Ebene unbedingt mit dazu, nicht jeder Angriff auf die bestehende Ordnung ist gleich subversiv.

Winni: Es gehört zum klassischen linken Selbstverständnis, dass Weltverbesserung mit Verzicht und Leid verbunden ist. Das ist oft ausgrenzend, bierernst und moralgetränkt. Aber: Ist Vegetarismus subversiv?

301 | Kunst, Politik und Subversion
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