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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 301 | Kunst, Politik und Subversion Peter Waldbauer: Lexikon der antisemitischen Klischees

Peter Waldbauer: Lexikon der antisemitischen Klischees

Antijüdische Vorurteile und ihre historische Entstehung. Mankau Verlag, Murnau 2007. 193 Seiten, 12,95 Euro

Rezension: Grenzen der Aufklärung

Über sechzig Jahre nach der Ermordung von etwa sechs Millionen europäischen Jüdinnen und Juden ist der Antisemitismus noch lange nicht von der Bildfläche verschwunden. Im Gegenteil, die antijüdischen Klischees leben weiter und tauchen sogar in neuen Kontexten auf, etwa wenn sich arabische Medien Bildern wie dem des "Ritualmordes" bedienen, die eigentlich dem christlichen Antijudaismus entstammen.

Derartige Vorurteile zu widerlegen und ihre Hintergründe aufzuzeigen, hat sich Peter Waldbauer in seinem Lexikon der antisemitischen Klischees zur Aufgabe gemacht. Dabei gelingt es dem ehemaligen Börsenmakler einerseits überzeugend, viele antisemitische Gedankengebäude zum Einsturz zu bringen und Vorurteile gezielt und sachlich mit statistischen Werten zu widerlegen - insbesondere in Bezug auf die Zwangssituation der Jüdinnen und Juden in den mittelalterlichen Herrschaftsverhältnissen.

Andererseits greifen manche seiner Erklärungen zu kurz oder reproduzieren Klischees. Die Behauptung, Karikaturen hässlicher Juden mit "breiter Nase, großen Ohrläppchen [...], fleischigen Lippen und dunklen, lockigen Haaren" hätten in der Regel aschkenasische Juden "zum Vorbild", wohingegen sephardische Juden "schlanker, eleganter, feingliedrig" seien, ist das genaue Gegenteil einer Demontage der Rassenlehre. Hier zeigen sich deutlich die Grenzen des Ansatzes, einer durch und durch vernunftwidrigen Ideologie mit ‚vernünftigen' Argumenten beizukommen.

Waldbauer setzt oftmals neue, positive Vorurteile den alten negativen entgegen. Formulierungen wie "Söhne jüdischer Eltern strebten mehr als andere danach zu studieren" oder sie seien "viel fleißiger" gewesen, sind jedoch alles andere als unproblematisch und viel zu verallgemeinernd. Und ob sich die von einer "jüdischen Weltverschwörung" überzeugten AntisemitInnen durch die heute noch zu besichtigenden Konzentrationslager von der Existenz der Shoah überzeugen lässt, wie Waldbauer zu hoffen scheint, darf bezweifelt werden. Für AntisemitInnen stellen diese historischen Zeugnisse nicht mehr als die potemkinschen Dörfer der Besatzungsmächte dar.

Aber um die "klassischen" AntisemitInnen in Form von Neonazis oder um IslamistInnen scheint es Waldbauer auch weniger zu gehen. Das Buch, so liest man zwischen den Zeilen, will vor allem auch einige Vorstellungen der Globalisierungskritik, etwa über Börsenspekulanten, widerlegen. Bei diesem sehr berechtigten Vorhaben lässt Waldbauer sich allerdings gelegentlich zu Aussagen hinreißen, die eher eine Rechtfertigung kapitalistischer Strukturen als eine Kritik des Antisemitismus darstellen.

Trotz aller Kritikpunkte ist das "Lexikon der antisemitischen Klischees" ein informatives Nachschlagewerk - nicht nur für SozialarbeiterInnen.

Philip Aubreville

301 | Kunst, Politik und Subversion
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