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Joseph Croitoru: Hamas

Der islamische Kampf um Palästina, C.H. Beck, München 2007. 254 S., 19,90 Euro

Rezension: Der Aufstieg der Hamas

Die Hamas hat sich nach heftigen und brutalen Kämpfen im Gazastreifen an die Macht geputscht. Auslöser des Bruderkrieges zwischen ihr und der säkularen Fatah war der Streit um die Kontrolle der Sicherheitsdienste. Präsident Mahmud Abbas hat mittlerweile die von der Hamas geführte Regierung abgesetzt. Umgekehrt gebietet die Hamas nun über ein eigenes Territorium.

Joseph Croitoru, in Haifa geborener Autor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat ein Buch über die Geschichte der Hamas vorgelegt, das zwar die jüngsten Ereignisse nicht mehr erfassen, aber den Weg an die Macht verständlich machen kann. Hamas ist die Abkürzung für harakat al-muqawama al-islamiya, zu deutsch "Islamische Widerstandsbewegung". Gleichzeitig bedeutet das Wort hamas "Eifer".
Die Hamas wurde zu Beginn der ersten Intifada im Dezember 1987 von Scheich Ahmed Jassins Muslimbrüdern gegründet. Sie war von Anfang an militant und verfolgte das Ziel, ein islamisches Palästina vom Mittelmeer bis zum Jordan zu errichten. In sozialer Hinsicht war sie eher konservativ als revolutionär, eine auf religiöse Erziehung und Sozialarbeit konzentrierte Wohlfahrtsorganisation, gleichzeitig aber auch eine einflussreiche Massenprotestpartei.

Die Hamas ist, wie Croitoru zeigt, ähnlich wie die libanesische Hizbullah eine spezifische Variante des politischen Islam. Anders als beispielsweise Al-Qaida ist sie nicht auf der
Suche nach einer neuen Ummah, einer Weltgemeinschaft der Muslime, obgleich sie sich auch auf eine solche zu berufen weiß. Die Hamas verkörpert vielmehr einen nationalistischen Islamismus, wenn nicht gar einen islamistischen Nationalismus. Jenseits aller Ideologien achtet die Hamas aber wie andere Organisationen auch streng auf ihre partikularistischen Interessen. Die palästinensischen Islamisten sind nicht einfach nur Eiferer, sondern auch erfolgreiche Strategen, die großen Rückhalt in der Gesellschaft genießen.

Die Geschichte der Hamas begann nicht erst 1987, sondern ist Teil der Geschichte des islamischen Kampfes um Palästina. Croitoru untersucht, welche Phänomene des heute Sichtbaren in der Vergangenheit bereits angelegt sind. Er analysiert in fünf Kapiteln die langen Linien dieses Kampfes, streng entwicklungsgeschichtlich und an den Ereignissen orientiert. Erstens sieht er die Ursprünge von Hamas bei den ägyptischen Muslimbrüdern in den 1920er Jahren, wo das flexibel angelegte ideologische Konzept der doppelten Loyalitäten zu Islam und Nation entwickelt wurde. Zweitens schildert er die Etablierung der Muslimbrüder in Palästina nach 1948, vor allem ihren gesellschaftlichen Aufstieg und ihren Weg zur stärksten Kraft im Gazastreifen während der israelischen Besatzung nach 1967.

Drittens konzentriert Croitoru sich auf die Geburt der Hamas aus dem Geiste der Intifada, als die Islamisten begannen, eine Parallelwelt zur PLO aufzubauen und in heftige, immer wieder blutige Konkurrenz zu ihr zu treten. Viertens analysiert Croitoru die Zeit nach den israelisch-palästinensischen Verhandlungen von Oslo ab Anfang der 1990er Jahre, in der die Hamas den Friedensprozess zu sabotieren versuchte und mit bewaffnetem Kampf sowie Terror gegen Zivilisten mittels Selbstmordattentaten Aufmerksamkeit erregte.

Hier vollzog sich die bis heute fortwährende Trennung zwischen politischer Arbeit und militärischer Aktion und die Anlehnung an die syrisch-iranische Allianz der radikalen Gegner Israels (also lange vor der Ära des heutigen iranischen Präsidenten Ahmadinedschad). Immer mehr rückten das Ziel und die Möglichkeit in den Vordergrund, das palästinensische Autonomieregime der PLO zu stürzen. Hamas baute den Wohltätigkeitssektor aus, erreichte damit Zehntausende und legte den Grundstein für eine Islamisierung der palästinensischen Gesellschaft. Nach dem Tod Arafats begann schließlich das fünfte, in die Gegenwart reichende Kapitel: der demokratische Weg an die Macht mittels Wahlen, der allerdings keineswegs den Verzicht auf Gewalt bedeutete, weshalb die Aktivisten der Hamas sich weigerten, ihre Waffen abzugeben und umgekehrt Anspruch auf den Sicherheitsapparat erhoben.

Croitoru hat ein äußerst kenntnisreiches Porträt dieser nationalistisch-islamistischen Bewegung gezeichnet. Es ist jedoch eher politikgeschichtlich und politikwissenschaftlich angelegt; die gesellschaftliche Verankerung der Bewegung wird zwar immer wieder betont, allerdings nur selten beschrieben - wie etwa im Falle des sozialen Netzes, das die Hamas in Nablus zu knüpfen vermochte. Croitorus Schilderung ist unprätentiös, distanziert und akribisch. Der Autor hat beispielsweise sämtliche Flugschriften und Kommuniqués von Hamas und der PLO-nahen Vereinigten Nationalen Führung während der ersten Intifada einer neuen vergleichenden Lektüre im Lichte des jüngsten Konfliktes unterzogen - eine bemerkenswerte und durchaus lohnende Fleißarbeit.

Er ist zudem im Urteil vorsichtig und ausgewogen. Gerade diese Nüchternheit bewirkt, dass Croitorus Befund - die völlige Neuausrichtung der palästinensischen Außenpolitik, die Abkehr vom Westen und Hinwendung zu den radikalen Kräften der islamischen Welt wie etwa dem Iran - einer Warnung gleichkommt. Die Hamas scheint in der Verbindung mit der Hizbullah und der potentiellen Atommacht Iran eine wirkliche Bedrohung für Israel und der säkularen Segmente der palästinensischen Gesellschaft geworden zu sein. Mit militärischen Mitteln allein ist ihr allerdings nicht beizukommen.

Hätte Croitoru noch ein sechstes Kapitel über den aktuellen Putsch in Gaza und seine Folgen schreiben müssen, hätte er vermutlich gleichwohl nicht die dunkelsten Farben gewählt. Denn im Moment bahnt sich eine Wiederannäherung zwischen der israelischen Regierung und der PLO an. Auf eine Neubelebung des Friedensprozesses darf man vielleicht nicht gleich hoffen. Croitoru hat jedoch darauf hingewiesen, dass vor dem Scheitern des Osloer Friedensprozesses die palästinensische Autonomiebehörde und Israel bei der Terrorbekämpfung eng zusammengearbeitet hatten. Die Hamas konnte in dieser Zeit kaum etwas ausrichten. Ein "Hamastan" in Gaza wäre dann zwar der vorläufige Höhepunkt, aber möglicherweise zugleich ein Wendepunkt in der Geschichte des islamischen Kampfes um Palästina.

Jörg Später

302 | Internationaler Dokumentarfilm
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