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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 302 | Internationaler Dokumentarfilm Mike Davis: Eine Geschichte der Autobombe

Mike Davis: Eine Geschichte der Autobombe

Aus dem Englischen von Klaus Viehmann, Verlag Assoziation A, Berlin/Hamburg 2007. 232 S., 20,00 Euro

Rezension: Bomben ins Bewusstsein

Es scheint schon Normalität geworden zu sein: Jeden Tag vermelden die Nachrichten aus Bagdad einen verheerenden Anschlag mit mehreren Toten. Die Todestechnik, die mal Reservisten, mal Gläubige, mal einfache MarktbesucherInnen in den Tod reißt oder für immer verstümmelt, ist einfach, die Herstellung simpel und im Internet abrufbar. Die Autobombe gehört genauso zu den neuen asymmetrischen Kriegen wie der Begriff "Kollateralschaden", der andeutet, dass die Herren über die großen, komplizierten Waffensysteme längst den Tod der Zivilbevölkerung einkalkulieren.

Die Autobombe ist die "Luftwaffe des kleinen Mannes". Diese Technik verdient wie jede erfolgreiche moderne Technik eine angemessene Geschichtsschreibung, meint der US-amerikanische Historiker und Soziologe Mike Davis. Auch wenn man es nicht auf den ersten Blick merkt, die Geschichte der Autobombe ist eine Fortführung seiner Bücher über die großen segregierten Städte und die Entwicklung von Slumgegenden meist an der Peripherie von großen Metropolen. Das Buch erforscht einen nicht unwichtigen Strang moderner Stadtentwicklung. Denn in von Bürgerkrieg, Besatzung, Terror und Guerillaaktivitäten betroffenen Städten verändern die Autobomben und die tatsächliche oder vermeintliche Bedrohung die Stadtlandschaft erheblich.

Wann begann der ganze Spuk? Davis geht zurück ins Jahr 1920, in dem ein Anarchist namens Buda die Verhaftung seiner Genossen Sacco und Vanzetti mit ein wenig gestohlenem Dynamit, einem Haufen Eisenschrott und einem alten Pferd rächte. Er platzierte eine Dynamitkutsche vor der Wall Street. Das Ergebnis: 40 Tote und das historisch erstmalige Aussetzen der Aktienbörse.
Dieser erste Einsatz einer unauffälligen und anonymen Wagenbombe in städtischer Umgebung war noch Kulminationspunkt der anarchistischen direkten Aktion, mittels einer "Höllenmaschine" Könige und Plutokraten in die Luft zu jagen. Und gleichzeitig überschritt der Anschlag in seiner terroristischen Wahllosigkeit und Brutalität auch diese Tradition.

In den nächsten Jahrzehnten sollte die Wagen- oder Autobombe nicht mehr zum Einsatz kommen. Erst im Jahr 1947 benutzte die rechtszionistische "Stern-Gruppe" eine solche und steuerte eine Wagenladung Sprengstoff in eine britische Polizeistation im palästinensischen Haifa. Nach Davis' Darstellung folgte dem auch eine wechselseitige Bombenkampagne, in der Palästinenser und rechtszionistische Gruppen sich vor der Staatsgründung Israels gegenseitig bekämpften und darauf sinnten, möglichst viele Opfer auf der Gegenseite zu produzieren.

Die Autobombe fand dann Einzug in den zweiten Indochinakrieg der USA gegen den Vietcong - aber sie erreichte auch das "ruhige Hinterland". Zwischen 1963 und 1966 startete der Vietcong eine heftige Bombenkampagne in amerikanischen Quartieren und gegen die US-Botschaft. Die Ted-Offensive, in der die Kämpfer der Nationalen Befreiungsarmee hohe Verluste eigener Menschenleben einkalkulierten, überblendet diese heftige Phase der Autobombenanschläge im historischen Bewusstsein. Die Offensive des Vietcong, aber vor allem der sich zum Vernichtungskrieg steigernde Feldzug der USA gegen die Befreiungsarmee, provozierte schließlich radikale US-AmerikanerInnenaus der Antikriegsbewegung, den Krieg "nach Hause zu holen".

Aus der Madisoner Antikriegsbewegung entstand die "New Year's Gang", die im August 1970 eine Ammonium-Nitrat-Benzin-Lösung benutzte, um das Army Mathemetics Research Center auf dem Campus zu sprengen. Der Anschlag gelang, sorgte für gigantischen Sachschaden und riss einen anwesenden, tragischerweise antikriegsbewegten Physikstudenten in den Tod. Der Terroranschlag isolierte die Gruppe sofort von dem breiten Anti-War-Movement in Madison.

Traurige Berühmtheit erlangte die Autobombe im libanesischen Konfessionskrieg. Beirut ist dabei vor allem zu Beginn der 1980er Jahre die Stadt, die wohl am meisten von Autobombenattentaten heimgesucht wurde. Hier bombte der israelische Mossad gegen die im Libanon operierende palästinensische PLO, aber auch Nachrichtendienste anderer Länder, vor allem gegen den syrischen Geheimdienst. Schließlich sprengten sich die aus den Slums kommenden Gotteskrieger der Hizbullah empor und vermochten die säkularen Kräfte im Kampf gegen die Besatzungsmacht Israel in den Hintergrund zu drängen.

Die weltweite Vorherrschaft islamistischer Terroristen hätte sich jedoch nicht ohne westliche Hilfe im Kalten Krieg durchsetzen können. Davis beschreibt detailliert, wie durch die CIA und den pakistanischen Geheimdienst ISI Zehntausende von islamistischen Terroristen der Mudschaheddin und anderer Dschihadisten ausgebildet wurden, um gegen das sowjetische "Reich des Bösen" (Ronald Reagan) zu kämpfen - und diese bereits darauf warteten, gegen den "dekadenten Westen" loszuziehen. Davis' Buch geht hier wohltuend über sein eigentliches Thema hinaus und gerät zu einer lehrreichen Darstellung der Folgen der Systemkonfrontation und der Stellvertreterkämpfe im Kalten Krieg.

Ein ebenfalls aufschlussreiches Kapitel widmet Davis den Bombenanschlägen ab 2003 im Irak, hinter denen er eine dreistufige Logik entdeckt: In der ersten Phase Ende 2003/ Anfang 2004 ging es um die Delegitimierung der Besatzung, indem Botschaften und das UN-Hauptquartier angegriffen wurden. In der zweiten Phase sollte der Aufbau von Einheiten eigener Sicherheitskräfte unterbunden werden - mittels Morden an zu rekrutierenden Polizisten. Schließlich zeigen Anschläge auf Schiiten-Moscheen an, dass die Protagonisten des Terrors zum konfessionellen Bürgerkrieg aufhetzen wollen.

Der auf technische Raffinesse setzende, ewig sich überflügeln wollende Sicherheitsdiskurs der Herrschenden bekommt durch Davis eine schroffe Abfuhr. Der Historiker setzt auf "soziale und ökonomische Reformen oder erweiterte Selbstbestimmung, die zu einer Abrüstung in den Köpfen führen könnte". Er zeigt jedoch auch, dass besonders die Politik der USA in eine ganz andere Richtung weist.

Davis lässt keinen Zweifel aufkommen, wie er den Einsatz von Autobomben bewertet. Für ihn ist das Töten mittels dieser Technik tendenziell ein faschistischer Akt. Nun mag man erstaunt sein über diese Generalisierung und dem Autoren eine Inflationierung des Faschismus-Begriffs vorwerfen. Doch wer sich die konstitutive Rolle der Gewalt als Mittel und Selbstzweck in der Entwicklung des italienischen Frühfaschismus vor Augen führt, dem erscheint diese Etikettierung als durchaus korrekt. Davis' Buch sollte nicht nur die antiimperialistischen VerteidigerInnen des ominösen "Widerstands" im Irak, sondern auch die linken UnterstützerInnen von Gruppierungen wie der ETA und der IRA, deren Autobomben-Einsätze Davis detailliert schildert, gehörig irritieren.

Gerhard Hanloser

302 | Internationaler Dokumentarfilm
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