Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 303 | Die Politik der Indigenität Editorial

Editorial

The other real story

Zu den schönen Seiten redaktioneller Arbeit gehört es, den bunten Blätterwald der internationalen Medien zu durchforsten. Neulich blieben wir am New African hängen. Auf der Titelseite prangte Simbabwes Präsident Robert Mugabe. Beim Umblättern stutzten wir. Als "Cover Story" präsentierte das renommierte panafrikanische Magazin eine Rede von Mugabe, in der dieser gegen Intimfeind Tony Blair und andere KritikerInnen vom Leder zieht. Wo bleibt da die gebotene journalistische Distanz? Auch im darauf folgenden Interview mit Simbabwes Zentralbankchef Gideon Gono fanden wir sie nicht. Der New African-Chefredakteur lieferte lediglich die Stichworte, mit denen Gono die simbabwesche Wirtschaftspolitik loben und den westlichen Einfluss geißeln konnte.

Irritiert blätterten wir zum umfangreichen Themenschwerpunkt weiter. Die Überschrift versprach uns "The real story" über Simbabwes Wirtschaft. Die liegt derzeit am Boden, massive Preissteigerungen sorgten für große Unruhe in der Bevölkerung. Mugabe steht unter Druck. Und da hatte er oder einer seiner Untergebenen eine brillante Idee: Zwei vom Informationsministerium bezahlte Supplements im New African mit Dutzenden Beiträgen, in denen das Bild Simbabwes zurechtgerückt wird. Einzelne KritikerInnen kommen darin zwar zu Wort, aber nur, um anschließend widerlegt zu werden.

Ein interessantes Modell, um den ramponierten Ruf aufzupolieren. Unsere Fantasie schoss ins Kraut: Könnte nicht auch der nordkoreanische Staatschef Kim Jong II in der Far Eastern Economic Review 75 Seiten mieten, um der Weltöffentlichkeit zu zeigen, dass die Regale in Nordkoreas Läden entgegen westlicher Propaganda sehr wohl mit Waren gefüllt sind? Oder wie wäre es, wenn Innenminister Schäuble den halben SPIEGEL füllt, um seine umstrittenen Pläne zur Terrorbekämpfung zu rechtfertigen?

Kaum vorstellbar, es gäbe einen Aufschrei der Entrüstung. Im Falle von Mugabe blieb dieser Aufschrei allerdings aus. Ihm gelang es, einen nicht unerheblichen Teil der LeserInnen des New African hinter sich zu scharen, wie die Leserbriefe zum "Supplement" bezeugen. Mugabe versteht es, panafrikanische, antikoloniale und antiimperialistische Diskurse zu verschmelzen. Das arme Simbabwe, das um seine Unabhängigkeit ringt, wird von finsteren Mächten des Westens drangsaliert, allen voran Blair, Bush und IWF. An Simbabwe solle das gleiche Exempel statuiert werden wie seinerzeit am sozialistischen Chile unter Allende. Die simbabweschen Oppositionellen sind für Mugabe bloße "Agenten des Imperialismus".

In Afrika ist man über Mugabe sehr geteilter Meinung (siehe S. 4). Zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen ihn können sich die afrikanischen Staatschefs nicht durchringen. Im Gegenteil, Mugabe hat Fürsprecher wie Südafrikas Präsident Thabo Mbeki: "Der Kampf gegen Simbabwe ist ein Kampf gegen uns alle", verkündet der und fügt an: "Jede Regierung, die als stark wahrgenommen wird und den Imperialisten Widerstand leistet, wird zur Zielscheibe."

Aus Europa bekommt Mugabe derzeit auch noch Rückenwind, nicht zuletzt aus Deutschland. Auslöser ist der im Dezember in Lissabon stattfindende EU-Afrika-Gipfel. Der Streit über die Teilnahme Mugabes stärkt dessen Position. Der britische Premierminister Gordon Brown kündigte eine "Politik des leeren Stuhls" an. Soll heißen, er will Lissabon boykottieren, sollte Mugabe kommen. Mit dem Führer eines Gangsterregimes", der für Folter und Einschüchterung politischer Gegner verantwortlich ist, will sich Brown nicht an einen Tisch setzen. Für Mugabe ein Beweis für die Fortdauer kolonialer Arroganz.Prompt haben einige afrikanische Minister ihrerseits angekündigt, das Treffen zu boykottieren, wenn Mugabe ausgeladen wird. Darunter auch Thabo Mbeki. Auf Südafrika will die EU aber nicht verzichten. Südafrika ist Ausrichter der kommenden Fußballweltmeisterschaft, an der auch westliche Tourismusunternehmen verdienen. Und das Land ist Meisterschüler europäischer Entwicklungsvorstellungen, sei es in punkto guter Regierungsführung oder als Wirtschaftspartner.

Also redete die deutsche Bundeskanzlerin auf ihrer jüngsten Afrikareise Mbeki gut zu. Eigentlich wollte sie ihn zu strengerem Vorgehen gegen Mugabe anhalten. Konkrete Forderungen richtete sie aber nicht an ihn. Stattdessen versicherte Merkel, dass sie mit der Anwesenheit Mugabes in Lissabon kein Problem habe. Es könne zwar nicht angehen, dass Mugabe über das Verhältnis zwischen Europa und Afrika bestimme, so die Kanzlerin. Genau das sei aber der Fall, wenn Mugabe ausgeladen werde.

Ob Mugabe nun nach Lissabon kommen darf oder nicht - einen ideologischen Sieg erringt er in beiden Fällen. Käme er, müsste die EU ihre eigenen politischen Sanktionen gegen Simbabwe, die Mugabe seit sieben Jahren die Einreise in die EU verbieten, selber aufweichen. Käme er nicht, kommt es zu einer Solidarisierung der afrikanischen Staatschefs. Und wenn Frau Merkel sagt, dass "Afrika seine Zukunft selber in die Hand" nehmen soll, spielt sie Mugabe ungewollt einen Ball zu. Schließlich baut sein populistischer Stimmenfang darauf, dass sich Afrika von niemandem etwas vorschreiben lassen müsse.

die redaktion

303 | Die Politik der Indigenität
Cover Vergrößern