Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 303 | Die Politik der Indigenität Kitsch und Tuch | Der Widerschein des Islamismus in den Gender Studies

Kitsch und Tuch | Der Widerschein des Islamismus in den Gender Studies

von Andreas Benl

‚Der Islam' und ‚der Orient' üben eine große Faszination auf ‚westliche' KulturwissenschaftlerInnen aus. Damit einher gehen oft kulturrelativistische Deutungen, etwa des Schleiers. Die AutorInnen der viel rezipierten Gender-Studie "Verschleierte Wirklichkeit" gehen sogar noch weiter: unter vermeintlich feministischen Vorzeichen verharmlosen sie islamisch begründete Frauenunterdrückung und dämonisieren den Westen


Ein "unverzichtbares Standardwerk" zu den Debatten über Kopftuch und Islam haben die Autorinnen Christina von Braun und Bettina Mathes mit ihrem Buch "Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen" laut Klappentext abgeliefert. Sie wollen zeigen, "daß sich in der Sichtweise auf die ‚andere' Welt mehr, als wir zugeben wollen, das Selbstverständnis des Westens offenbart."
Ein Blick auf Islam und Islamismus via einer Analyse vor allem deutscher und europäischer Reden über ‚den Orient' also? Dagegen wäre nichts zu sagen. Wäre es doch interessant zu erfahren, wo jenseits von Begriffen wie ‚Appeasement' die Faszination des Islam als Gemeinschaftsideologie in metropolitanen nichtislamischen Gesellschaften liegt. Braun und Mathes' Werk offenbart jedoch unfreiwillig in erster Linie etwas über das Selbstverständnis der westlichen Gender Studies.

Konsequent dichotom

Zunächst geht es den Autorinnen scheinbar nur um die Rückkopplungen zwischen islamischen und westlichen Gesellschaften, was die Geschlechterordnung betrifft. Zwangsheirat, Ehrenmorde und Genitalverstümmelung hätten einerseits wenig mit dem Islam zu tun. Andererseits sage ihre Thematisierung in Europa und den USA mehr über die westlichen Gesellschaften aus, als über den Islam selbst. Braun und Mathes wollen ‚nur' darauf verweisen, "daß die Probleme, die wir an der Muslimin zu erkennen glauben, nicht nur mit dem Islam, sondern auch mit der westlichen, christlich geprägten Kultur zu tun haben." Doch in dem Moment, wo sich die Frage stellt, was eigentlich mit der Aufrechnung "der Gewalt des westlichen voyeuristischen Blicks" gegen die Gewaltpraktiken islamischen Ursprungs für die Thematisierung von Frauenunterdrückung gewonnen sein soll, gehen Braun und Mathes einen Schritt weiter.

Den postmodernen ‚linguistic turn' konsequent zu Ende führend, setzen sie mit ihrer Kulturgeschichte bei der Entstehung des griechischen Alphabets als entsinnlichender "Kastrationsmaschine" an. Dieses habe im Gegensatz zu den hebräischen und arabischen Konsonantenalphabeten die Sprache völlig erfasst und damit die Grundlage für abstraktes und logisches Denken einerseits, für die Zerstörung oraler Überlieferung andererseits gelegt. "Dieses Konzept besagte Entkörperung: Nicht durch Zufall werden es später die ‚toten Sprachen' - Altgriechisch und Latein - sein, aus denen sich die meisten wissenschaftlichen Begriffe ableiteten. Nur über tote Sprachen lassen sich konsensfähige - ‚neutrale' - Begriffe bilden, die dem Zugriff des einzelnen und seiner Körperlichkeit / Subjektivität / Geschlechtlichkeit entzogen sind." Daraus leiten die Autorinnen eine Dichotomie von ‚westlichem' und ‚orientalischem' Denken und in der Folge sogar von ‚westlicher' und ‚orientalischer' Ökonomie und Politik ab.

‚Der Westen' ist in Brauns und Mathes' Augen das zur wissenschaftlich-technischen Rationalität säkularisierte Christentum. Ein feministischer Terminus wie ‚Männerherrschaft' kommt in den Assoziationsketten der beiden Kulturwissenschaftlerinnen hingegen nicht vor, da er für ihre Zwecke viel zu ‚einseitig' wäre - würde er doch eine ‚differenzierte' Gegenüberstellung von Orient und Okzident mit dem Ziel der Apologie des Islam in Geschichte und Gegenwart unmöglich machen. So wird die Geschichte der Aufklärung in "Verschleierte Wirklichkeit" auf eine entsinnlichende und technische Rationalität reduziert; die aus dieser Entsinnlichung resultierenden Kastrationsängste müsse die männlich dominierte Wissenschaft mit der sukzessiven Entblößung des Frauenkörpers als Symbol einer "Unterwerfung der ‚weiblichen' Natur unter ‚männliche' Vernunft" kompensieren.

Pornographisierung der Welt

Den Zusammenhang von Pornokratie und Massenvernichtung im Westen stellen Braun und Mathes in aller Drastik folgendermaßen dar: "Am 6. Juli 1946, nur fünf Tage nachdem die US-amerikanische Armee die erste einer Reihe von Atombomben zu Testzwecken auf dem Bikini-Atoll gezündet hatte, stellte der französische Modemacher (und Autokonstrukteur) Louis Réard [...] den ‚kleinsten, zweiteiligen Badeanzug der Welt' vor, den er ganz bewußt nach dem Atombombentestgebiet Bikini benannt hatte. [...] Der mit dem Bikini mehr enthüllte als verhüllte Frauenkörper diente als verführerische Inkarnation einer Massenvernichtungswaffe von bis dahin ungekannter Zerstörungskraft. Die ‚Sexbombe' im Bikini verkörperte die technologische Beherrschung der Naturkräfte sowie den Anspruch der USA und ihrer Verbündeten auf die Weltherrschaft."

Die Pornographisierung der Welt wurde aber laut Braun und Mathes nicht in einem Tag erreicht. Es sei "kein Zufall, daß die ‚zweite Geburt' des Bikinis Ende der 60er Jahre mit dem Siegeszug der Barbie-Puppe, der Erfindung der Anti-Baby-Pille (1961), der sogenannten ‚sexuellen Revolution' und der Frauenbewegung mit ihrer zentralen Forderung nach Legalisierung der Abtreibung zusammenfällt." Wollen die Autorinnen mit den Werken von Eva Herman in Konkurrenz treten? Wehmut schwingt in den Rückblicken von Braun und Mathes auf gute alte Zeiten mit, in denen "die CDU-Fraktion im Stadtrat der westfälischen Gemeinde Mettingen ein Bikini-Verbot für das städtische Schwimmbad" verhängte (1962).

Nicht die Reflexion auf das "rückläufige Moment" der Aufklärung (Horkheimer /Adorno), sondern ihre Überwindung aus dem Geiste islamisch inspirierter Kulturkritik ist das Anliegen von Braun und Mathes. Und so sind auch ihre Ausführungen über die Geschichte des Schleiers in Christentum und Islam keinesfalls relativierend gemeint. Die Autorinnen sind sich der Bedeutung des Kopftuchs für den orthodoxen wie den militanten Islam durchaus bewusst - schließlich symbolisiert es für sie selbst die islamische Differenz, die der westlichen "Blickmacht" entgegengesetzt wird.

Auch wenn diese Gegenüberstellung mit allen möglichen politisch korrekten Einschränkungen versehen wird, kehrt doch dasselbe Muster wieder: Der Westen steht für die Entschleierung und Entblößung und damit für die Pornographisierung des weiblichen Körpers, der Islam für den Schutz vor der kapitalistischen Verwertung der Frau. "Schon die ägyptische Moslembruderschaft etablierte einen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Entkleidung des westlichen Frauenkörpers [...] Der Westen mißbrauche Frauen und weibliche Sexualität, um den Profit zu maximieren; die Werbung beute die Frau im Dienste des Kapitalismus aus."

Die - freundlich formuliert - problematische islamische Haltung gegenüber weiblicher Sexualität wird von Braun und Mathes systematisch umgedeutet zum Schutzbedürfnis der Frauen vor animalischen männlichen Trieben: "Der Schleier der Frau hilft somit dem Mann, sich blind zu machen für die Reize, die vom weiblichen Körper - insbesondere vom Haar - ausgehen." Bei soviel Fürsorge kann vom Schleier nichts Schlechtes ausgehen. Im Iran haben die Autorinnen sogar eine Zwangsverschleierung entdeckt, die mit dem Schleier nichts zu tun hat: "Selbst da, wo der Schleier erzwungen wird, wie im Iran, hindert er Frauen nicht, Bildung zu erwerben und ihren Weg in akademische Berufe zu machen. Wir bestreiten nicht, daß unter islamischem Recht, der Scharia, Frauen Gewalt und Entrechtung erfahren. Aber mit dem Kopftuch, das als Symbol für diese Entrechtung herangezogen wird, hat das wenig zu tun."

Überhaupt beruhe das westliche Unbehagen gegenüber der Absonderung der Frau in islamischen Gesellschaften auf einem Missverständnis gegenüber dem dort herrschenden ganz originären Verhältnis von öffentlich und privat, Bourgeois und Citoyen. So verabredeten sich etwa Frauen in Damaskus zu Treffen in privaten Räumen, die zwar "aus westlicher Perspektive als ‚Kaffeekränzchen' erscheinen", jedoch "in einer nach Geschlechtern segregierten Gesellschaft öffentliche Funktionen erfüllen." Bei solchen Treffen entstehe "für einige Stunden ein Handlungsraum, in welchem freie und gleiche Menschen ihre Angelegenheiten verbal regeln - also das, was nach Hannah Arendt das Öffentliche ausmacht".

Nachholender Antikolonialismus

Brauns und Mathes' Begehren ist kein nostalgisches. Der Islam soll seine Mission im Hier und Jetzt erfüllen. Historische Bezüge dienen in erster Linie dazu, ihren Phantasien wissenschaftliche oder politische Autorität zu verleihen. So wird etwa begeistert Frantz Fanons Verteidigung des Schleiers in Algerien gegen den französischen Kolonialismus in den 1950er Jahren zitiert, ohne auf die tragischen Folgen zu verweisen, die sich die Algerische Nationale Befreiungsfront mit der Idee einhandelte, mit islamischer Folklore ihre staatskapitalistische Einparteienherrschaft ideologisch abzusichern - bis in den 1990er Jahren Kräfte, die einen ‚authentischeren' Bezug auf den Islam nachweisen konnten, die algerische Gesellschaft und vor allem die algerischen Frauen mit ihrem Terror überzogen.

Eine aktuelle Erklärung von 203 Abgeordneten des iranischen Parlaments, beim Nichttragen des Schleiers handele es sich um ein "koloniales Phänomen", stimmt mit dem Weltbild von Braun und Mathes vollständig überein. Und sie zitieren zustimmend Elizabeth Fox-Genovese, die sich die Frage gestellt habe, "ob ein Feminismus, der [...] unhinterfragt die Ideale des Individualismus übernimmt, nicht eines Tages damit rechnen muß, als die Bewegung betrachtet zu werden, ‚die die Drecksarbeit für den Kapitalismus getan hat, indem sie zur Erosion älterer Gemeinschaften und bürgerlicher Einrichtungen beitrug'". Aus der Logik des Kapitalismus werden bei Braun und Mathes unterschiedliche "ökonomische Logiken" von Orient und Okzident. Die Weltmarktintegration des ersteren erscheint als subjektive Machenschaft, Warenfetischismus als Kulturimperialismus, dem der traditionelle westliche Feminismus zuarbeite.

Dass islamische Länder zu den Spitzenkonsumenten von Pornographie im Internet zählen, ist kein empirischer Einspruch, den Braun und Mathes gelten lassen würden. Der westliche Dealer versorgt eben den abhängig gemachten orientalischen Junkie mit seinem Stoff: "Die Pornos werden in der Regel von den ehemaligen Kolonialmächten geliefert, so daß man die Verbreitung der Pornographie durchaus als zeitgemäße Form kolonialer Entschleierungspolitik bezeichnen könnte."

Die Trumpfkarte ihrer kulturwissenschaftlichen Islam(ismus)-Apologie stellt in den Augen der Autorinnen die Anklage gegen Frauenhandel und globalen Sextourismus dar; dringt diese doch vermeintlich zum gewalttätigen Kern des westlichen Sexismus vor, der "den Okzident zu ebenjenem Frauenverächter macht, als den er den Islam denunziert", und von dem sich islamische Gesellschaften wohltuend abhöben. Man werde sich nämlich schwer tun, "in den Reiseangeboten des Prostitutionstourismus Reiseziele im Iran, in Algerien, Syrien, Libyen, den Staaten des arabischen Golfes zu finden." Dass der Orient "für den Prostitutionstourismus heute ein schwarzer Fleck" sei, ist zwar Unsinn. In der Formulierung drückt sich aber bereits die Logik eines Kulturrelativismus aus, die kurz darauf mit brutaler Offenheit ausgesprochen wird. Denn auch im Orient gebe es natürlich Prostitution. "Aber sie ist entweder illegal und wird mit der Todesstrafe geahndet [...]. Oder sie unterliegt dem Gesetz der Kurz- oder ‚Genußehe' (Mut'a-Ehe), die eine innermuslimische Angelegenheit ist. Das heißt, der sexuelle Kommerz zwischen Orient und Okzident, die Einbeziehung der islamischen Länder in den westlichen Sextourismus funktionieren nicht. Ex oriente nix." [Hervorhebungen im Original]

Für Braun und Mathes ist es vollkommen irrelevant, ob weibliche asiatische Hausangestellte in Saudi-Arabien ein sklavenähnliches Dasein fristen, ob im Iran die Todesstrafe an sexuell abweichenden ‚Volksfeinden' vollstreckt wird oder dass es im ‚Orient' Handel mit Frauen aus osteuropäischen Ländern gibt. Solange die Kulturgrenze nicht von West nach Ost überschritten wird, bleibt all dies eine "innermuslimische Angelegenheit".

Jede Grenzverwischung muß deshalb bekämpft werden. Dies drückt sich in der Aversion der Autorinnen gegen säkulare Bewegungen und staatliche Maßnahmen zur Zurückdrängung des religiösen Einflusses auf die Gesellschaft aus, wie sie in Ländern mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung wie Ägypten, der Türkei oder dem früheren Iran existieren. Vor allem aber diffamieren Braun und Mathes jene orientalische Frauen, "die das westliche Frauenbild angenommen haben" und im Bund mit traditionellen westlichen Feministinnen "mit ihrer Ablehnung des Kopftuchs gegen die patriarchalen Strukturen des Islam und für die Durchsetzung allgemeiner Frauenrechte kämpfen". Dadurch agierten sie "als Komplizinnen eines männlich geprägten Entschleierungsdiskurses". Solche säkularen Frauen stören in der kulturalistischen Kulisse und drohen allein mit ihrer Existenz, die Phantasmen von Braun und Mathes zum Platzen zu bringen.

Vorläufer Foucault

Die größtenteils begeisterten Rezensionen von "Verschleierte Wirklichkeit" verweisen darauf, dass dieses Skandalwerk nicht nur den persönlichen Spleen der Autorinnen repräsentiert. Es ist auch keineswegs die erste Rechtfertigung des Islamismus oder anderer reaktionärer Gemeinschaftsideologien unter ‚feministischen' Vorzeichen. Braun und Mathes können lediglich für sich beanspruchen, die wohl ausführlichste Islam-Apologie im Bereich der deutschen Kulturwissenschaften/ Gender Studies verfasst zu haben.

Dass der Jargon und die Thesen von Brauns und Mathes so attraktiv sind, beruht nicht zuletzt auf der Vorarbeit eines wichtigen Vordenkers für die Cultural und Gender Studies. Michel Foucault hatte ab 1978 euphorisch über die islamische Inspiration des sich anbahnenden Umsturzes im Iran berichtet. Bereits bei ihm stellte sich die Frage, wie jemand, der die Bekämpfung des "Faschismus in uns allen" zu seinem Leitmotiv erkoren hatte, im selben Zeitraum bezugnehmend auf Khomeini von der "Kraft des mythischen Stroms [...], der zwischen einem alten, seit 15 Jahren im Exil lebenden Mann und seinem Volk fließt, das nach ihm ruft" schwadronieren konnte. Foucault stand Ende der 1970er Jahre mit seiner Sympathie für Khomeini indes keineswegs allein, sondern in einer Reihe mit westeuropäischer Alternativbewegung, deutschen Spontis1 und italienischen ‚Stadtindianern'.

Während man Foucault noch zugute halten kann, dass er die wichtigsten Texte über den Iran vor der Machtübernahme Khomeinis verfasste, schreiben Braun und Mathes im Wissen um die Folgen der Iranischen Revolution und um die seither verübten Massenverbrechen des Islamismus - auch und gerade gegen Frauen. Brauns und Mathes' Methode ist darüber hinaus ungleich gröber als die Foucaults. Mit Versatzstücken einer dekonstruktiven Kritik an den ‚großen Erzählungen' der westlichen Philosophie hantierend, entwerfen sie selbst eine große Erzählung: die von zwei Kulturen, zwei Ökonomien und zwei Geschlechterordnungen - Orient und Okzident. Über die Assoziationskette Orient - Kolonie - Frau als Kolonie gegen westlicher Rationalismus - Entleiblichung - pornographische Kompensation läßt sich dann eine Dichotomie aufbauen, in der sich ein ‚männlicher Okzident' und ein ‚weiblicher Orient' gegenüberstehen.

Dabei werden sogar Selbstmordattentäter - im Umweg über die vermeintlichen Projektionen des Westens - als "weiblich" dargestellt. Braun und Mathes zitieren ihre Kollegin Claudia Brunner, die nicht nur das Familiengedenken an ihren Großonkel Alois Brunner - der rechten Hand von Adolf Eichmann - publizistisch verwaltet, sondern auch Spezialistin für Selbstmordattentate ist: "Das Selbstmordattentat als etwas angeblich Irrationales, Chaotisches, Emotionales, Anarchisches verleitet zu Assoziationen, die sich in der kulturell konstruierten Dichotomie von männlich/ weiblich auf der sogenannten weiblichen Seite verorten lassen." So schafft frau sich selbst den Popanz, der dann wieder ‚dekonstruiert' werden kann.

Delegierte Regression

Am Ende sind sich Braun und Mathes nicht zu schade, Ernst Jüngers kulturkritischen Kitsch einer ‚Verzifferung der Gesellschaft' als "Mathematisierbarkeit der Welt" zu paraphrasieren, der sich der Orient verweigere und der dadurch "Sozialstrukturen oraler Kultur" erhalten habe. Als sei der klägliche Stand der Entwicklung der Produktivkräfte in vielen arabischen und muslimischen Ländern ein Ausfluss von Skrupeln gegenüber den Verwerfungen westlicher Naturbeherrschung und der Grad des Analphabetismus der Liebe zur oralen Überlieferung und nicht despotischer Unterdrückung geschuldet.

Über 400 Seiten orientalistischer Verschleierung der Wirklichkeit dienen zu nichts anderem, als Islamkritikerinnen wie Necla Kelek, Ayan Hirsi Ali oder Seyran Ates "Unwissenschaftlichkeit" vorzuwerfen und sich in die Querfront jener einzureihen, die gewalttätige Reaktionen auf islamkritische Zumutungen ganz gut verstehen können. (Wie wissenschaftlich Braun und Mathes arbeiten, lässt sich an der Tatsache ersehen, daß sie ihr Verständnis für die Islamistenproteste gegen die so genannten Mohammedkarikaturen mit der Mär begründen, Mohammed sei als "Schwein bzw. Schweinefresser" dargestellt worden.)

Braun und Mathes identifizieren sich im Islam der Anderen mit dessen autoritärem Potential, ohne selbst zur Tat schreiten zu wollen. Für sie gilt, was die Foucault-Kritikerin Atoussah H. 1978 formulierte: "Es scheint, daß für die westliche Linke, der es an Humanismus mangelt, der Islam begehrenswert ist (...) für andere Völker."

Es geht den Autorinnen nicht um die ‚Unterwerfung' Deutschlands oder Europas unter den Islam. Christina von Braun ist eine staatlich angestellte Ideologieproduzentin einer Gesellschaft, die auf dem Wege der ‚Ausländerintegration' von Durchrassungsdebatten zu so genannten Islamkonferenzen als flexibilisierter Fixierung von MigrantInnen auf ‚ihre' Kultur fortgeschritten ist. Souverän ist, wer über die kulturelle Identität seiner BürgerInnen entscheidet. Die Aussage der Autorinnen in der Einleitung "auch wir möchten kein Kopftuch tragen" erscheint vor diesem Hintergrund wie die höhnische Bestätigung der eigenen Identifikation mit der deutschen Souveränität - die wiederum bestimmt, wer unter dem Gesetz der Scharia leben soll und wer nicht.

Anmerkung:

1 Erschütternde Beispiele sind die Iran-Sondernummer der Zeitschrift Autonomie 5/1979 u.a. mit Artikeln von Karl-Heinz Roth und Ahlrich Meyer sowie die folgende Einlassung eines späteren Außenministers: "In Persien versuchen sich die Leute einer Entwicklung zu entziehen, an deren Anfang sie stehen; wir dagegen versuchen dasselbe vom Höhepunkt dieser Entwicklung aus. Und vom Höhepunkt dieser Entwicklung aus tritt mehr und mehr wieder etwas Wesentliches in unserem Leben in den Vordergrund, das auch in der persischen Revolution elementare Bedeutung besitzt. Ich meine die Religion und das Heilige." (Joschka Fischer: Durchs wilde Kurdistan, in: Pflasterstrand, Nr. 47/1979)

Christina von Braun, Bettina Mathes: Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen. Aufbau Verlag, Berlin 2007. 477 Seiten, 24,90 Euro.

Andreas Benl ist freier Autor und assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek.

303 | Die Politik der Indigenität
Cover Vergrößern