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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 303 | Die Politik der Indigenität Tom Segev: 1967

Tom Segev: 1967

Israels zweite Geburt. Siedler. München 2007. 800 Seiten, 28,80 Euro. Idith Zertal/Akiva Eldar: Die Herren des Landes. Israel und die Siedlerbewegung seit 1967. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007. 572 Seiten, 28.- Euro.

Rezension: Der siebte Tag | Zwei Bücher über den Sechstagekrieg und die Folgen für Israel und Palästina

Vor gut vierzig Jahren, im Sommer 1967, besiegte die israelische Armee die Streitkräfte Ägyptens, Jordaniens und Syriens in nur sechs Tagen. In der Folge besetzte Israel das Westjordanland, Ostjerusalem, den Golan und für lange Zeit auch den Sinai und den Gazastreifen. Der so genannte Sechstagekrieg hat die Region grundlegend verändert: In seinem Windschatten wurden unter anderem der Islamismus als Erbe des panarabischen Nationalismus und die nationalreligiöse jüdische Siedlerbewegung feste Größen. Kritische Stimmen befürchten deshalb, Israel habe den Krieg am siebten Tag verloren. Dazu gehören der bekannte Publizist Tom Segev, die Historikerin Idith Zertal und der Journalist Akiva Eldar.

Segev erzählt in seinem Buch 1967 die Geschichte der zweiten Geburt Israels im und durch den Krieg, die militärischen und diplomatischen Hintergründe, vor allem aber das emotionale, politische und moralische Erdbeben, das die israelische Gesellschaft zuvor heimgesucht hatte und das den Krieg als einen Akt der Befreiung und des Neuanfangs erscheinen ließ. Eine tiefe wirtschaftliche Rezession und eine schmerzhafte Identitätskrise infolge des Zustroms jüdischer ImmigrantInnen aus arabischen Ländern, den Misrachim, und der Fremdheit zwischen ihnen und den etablierten Jüdinnen und Juden aus Europa, den Aschkenasim, hatten das Land erschüttert.

Sakralisierung des Zionismus

In Erwartung der Apokalypse begann im Juni 1967 die Kriegswoche, und voller Dankbarkeit und Euphorie endete sie. Die meisten Israelis glaubten, ein Wunder und die Armee hätten sie vor der Vernichtung gerettet. Was der Angst folgte, waren emotionaler Überschwang und Siegesrausch pur. Der siebte Tag begann. Die Mapai, die Arbeiterpartei, verlor ihr Machtmonopol, die Nationalreligiösen und die Unterprivilegierten revoltierten gegen das aschkenasische Establishment. Das aktivistische, eifernde, tatkräftige Israel schaffte sich Raum gegenüber Selbstbeherrschung und realistischem Pragmatismus der alten Eliten. Vor allem die Siedlerbewegung sakralisierte fortan den Zionismus.

Neben alltags- und sozialgeschichtlichen Perspektiven spielt die politik- und diplomatiegeschichtliche Ebene in Segevs ambitioniertem Werk eine tragende Rolle. Segev hat die Akten gekaut und zeigt, dass die Politiker und Militärs jederzeit darüber im Bilde waren, dass Israel den Krieg gewinnen würde. Ebenso deutlich werden die strukturellen, auf Interessensgegensätzen beruhenden Probleme herausgestellt, etwa zwischen Israel und Syrien der Streit ums Wasser, die entmilitarisierte Zone auf dem Golan und die Sabotageakte, gegen die Israel kein bewährtes Mittel fand. Außerdem kommen auch im Kabinett und in der Truppe ein Hexenkessel von Eitelkeiten und Nervositäten zum Vorschein. Entgegen den Legenden erweist sich der eine populäre Kriegsheld, Moshe Dayan, als ein rücksichtsloser und machtgieriger Egozentriker und der andere, Yitzchak Rabin, zuweilen als ein Nervenbündel.

Segev will zeigen, dass der Krieg vermeidbar war. Die Verletzlichkeit und Niedergeschlagenheit der Israelis, die allgemeine Depression, die psychische Krise der Gesellschaft entladen sich letztendlich in der befreienden aggressiven Flucht nach vorne. Dem politischen Establishment fehlte, so Segevs These, angesichts der gesellschaftlichen psychischen Krise die notwendige Stärke, um die Israelis von einer Entscheidung zum Krieg abzubringen. Israel war zu schwach, um den Krieg zu vermeiden, und hat bis heute unter dem großartigen Sieg zu leiden, vor allem unter dem sakralen Überschnappen, der korrumpierenden Besatzung und der Verherrlichung des Militärischen. Heute ist der Israeli in Segevs Augen ein Herr, der entweder darunter leidet, dass ihn sein Knecht nicht liebt, oder der nicht mehr in der Lage ist, sich in die Situation des Knechtes einzufühlen. Seinen hohen Ansprüchen sind im Besatzungsalltag niedere Praktiken gefolgt.

Keine Nachsicht gegen Siedler

Zertal und Eldar sehen das genauso wie Segev: In der Euphorie des Triumphes besetzte Israel nicht nur die Palästinensergebiete, sondern besiedelte, ja, kolonisierte sie. Dabei droht die Besetzung die israelische Demokratie zu zerstören und das säkulare Land in ein national-religiöses zu transformieren. Die treibende Kraft dieses unheilvollen Prozesses sind die SiedlerInnen - die Herren des Landes. Sie haben Regierungen stürzen lassen und die Fundamente der Gesellschaft mit ihrem messianischen Energieausbruch verändert.

Die blutige zweite Intifada und der Zusammenbruch des Friedensprozesses sind demnach der Preis, den BesatzerInnen und Besetzte zu zahlen haben. Der Verhandlungsprozess von Oslo ist in den Augen von Zertal und Eldar an nichts anderem mehr gescheitert als an den Siedlungen: Das Kernproblem, warum die SiedlerInnen immer wieder den Staat für ihre Belange einspannen und selbst mit einem "Siedlerhasser" wie dem "säkularen Superrationalisten" Rabin teilweise kooperieren konnten, lag in der demonstrativen Unterscheidung des Staates zwischen "sicherheitsrelevanten" Siedlungen und "illegalen" Außenposten. Mit dem Sicherheitsargument im Tornister verfolgten die Avantgarde der SiedlerInnen, der Gush Emunim, und andere Organisationen der Siedler ihre religiös-nationale Mission. Darüber hinaus fanden sie durch das Siedlerethos sogar SympathisantInnen im alten Arbeiterzionismus. Dies alles verweist auf die Grundüberlegung der AutorInnen, dass die Besatzung, nicht die Siedlungen, das eigentliche Problem darstelle, denn ohne Besatzung gäbe es auch keine Siedlungen.

Zertal und Eldar beleuchten Konflikt und Kooperation zwischen Staat und SiedlerInnen, die ineinander verschränkte Geschichte beider in den vergangenen 40 Jahren, wobei die Komplizenschaft im Landraub deutlich überwiegt. Ein historisch begründetes Anrecht auf Orte, Plätze, Gebiete einerseits und Sicherheitserfordernisse andererseits waren bereits zwei Grundsäulen des alten Zionismus, und an sie konnte die neue Bewegung immer wieder appellieren. Ihre Feindschaft, ihre Intrigen, ja ihren Krieg gegen das säkulare Israel und die PalästinenserInnen wurde dabei bereitwillig und naiv übersehen. Die politische Botschaft Zertals und Eldars ist deutlich: Mit Nachsicht kommt man gegen die Siedlerbewegung nicht an, nicht einmal mit Raffinesse und Winkelzügen. Israel muss ihnen mit Härte entgegentreten, einer Härte, die nicht einmal Rabin an den Tag legte - am Ende wurde er Opfer des jüdischen Terrorismus. Eine solche Härte wäre gleichzeitig auch eine Härte gegen sich selbst, gegen den alten zionistischen Traum der Besiedelung des ganzen historischen Israels.

Dämon der Israelis

Zertal/ Eldar geht es also vor allem darum zu zeigen, dass die SiedlerInnen der Dämon der israelischen Gesellschaft sind, das Freud'sche Unheimliche, das von Zeit zu Zeit aus dem Dunkel des Unterbewussten tritt, um der Gesellschaft die eigenen Irrationalitäten vor Augen zu führen. Gleichzeitig zeichnen die AutorInnen ein deutlich konturiertes Bild der Siedlerbewegung selbst, ihrer Organisationsstrukturen, Mentalität und Ideologie, der Praxis und Politik. Diese Passagen über die "Soldaten des Messias" sind die stärksten des Buches.

Der Gush Emunim war radikal, jung, messianisch, charismatisch, mythisch und modern zugleich, strategisch denkend und der "direkten Aktion" verpflichtet. Die SiedlerInnen präsentierten sich als die "wahren Zionisten", als mutige Antwort auf die schwierige internationale Lage, in der sich Israel nach dem Yom-Kippur-Krieg befand. Immer dann, wenn Einbußen bei den im Sechstagekrieg eingestrichenen Landgewinnen drohten, dann erwachte der Gush wie Phönix zu neuem Leben. In diesen Tagen von existentieller Bedeutung bedurfte der Messias der besonderen aktiven Hilfe seiner Gesandten. Die politische Theologie dieser religiös-politischen Sekte, das zeigen die AutorInnen, ist durchdrungen von apokalyptischen Endzeitvorstellungen.

Trotz ähnlicher politischer Stoßrichtung ist die literarische Qualität der Bücher von Segev und Zertal/Eldar unterschiedlich. Segev hat ein perspektiven- und facettenreiches, vor allem aber dramaturgisch hoch spannendes Buch über den glorreichen Pyrrhussieg von 1967 vorgelegt. Obwohl man weiß, was passieren und wie die Geschichte ausgehen wird, ist man gefesselt und möchte keine Sekunde wegschauen. Die politische, diplomatische und militärische Geschichte ist immer verzahnt mit Alltagsgeschichte(n). In einzelnen Personen und Geschichten verdichtet und exemplifiziert Segev Geschichte, und zwar nicht bemüht und konstruiert oder um der Anekdote willen, sondern unprätentiös und selbstverständlich, so dass ein größerer Zusammenhang anhand eines Erlebnisses oder einer Erfahrung verdeutlicht wird und verstanden werden kann.

Zertal und Eldar haben im Grunde zwei Bücher geschrieben, eines mit diachronen und eines mit analytischem Zugriff auf die Geschichte der Siedlerbewegung. Jedes ist informativ, detailliert und lesenswert, doch eines hätte genügt. Wiederholungen und Schleifen sind bei einer solchen Doppelstruktur unvermeidlich. Auch die Vorliebe der AutorInnen (oder des Übersetzers) für lange und verschachtelte Sätze erleichtert die Lektüre nicht gerade.

Schonungslos offen und kritisch

Auch wenn die Geschichte der Siedlerbewegung bislang unerforscht war, können die Befunde von Zertal und Eldar nicht wirklich überraschen: Die ganze Welt, mit Ausnahme einiger HardcorezionistInnen in den USA und großer Teile der israelischen Gesellschaft, ist davon überzeugt, dass die SiedlerInnen eine Last für den Frieden sind. Das Buch verleiht diesem Urteil eine seriöse Grundlage. Für Irritationen wird es allerdings nicht sorgen. Es reiht sich ein in die Phalanx israelkritischer Bücher von kritischen Israelis oder Juden, des "anderen", des guten Israels, die nicht nur in Deutschland so gerne verlegt, gelesen und gepriesen werden. Welches Unheimliche äußert sich eigentlich in der Popularität von Felicitas Langer, Amira Hass, Moshe Zuckermann oder nun Zertal, Eldar und Segev?
Es scheint so etwas wie einen israelischen Stil zu geben - schonungslos offen und kritisch gegenüber nationalen Mythen, und das, obwohl Legionen von AntisemitInnen nur darauf warten, neue Munition für ihre Ressentiments geliefert zu bekommen, am besten von Juden und Jüdinnen selbst. Das ist erstaunlich und bewundernswert. Hoffentlich tragen diese Bücher eher dazu bei, die Lage und das Los dieses Landes einer oft verständnislosen oder gar feindlich eingestellten Welt verständlicher zu machen. Damit der Frieden im Nahen Osten eine Chance hat, bräuchte es ägyptische oder syrische Segevs oder Zertals, die ebenso selbstkritisch darstellen, wie die arabischen Länder in diesen vermeidbaren Krieg verwickelt wurden, welche gesellschaftlichen Stimmungen ihm zugrunde lagen und welche Folgen er am siebten Tag gezeitigt hat.

Jörg Später ist freier Autor und Lektor.

303 | Die Politik der Indigenität
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