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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 304 | Kriege in Afrika Bernd Belina, Boris Michel (Hg.): Raumproduktionen

Bernd Belina, Boris Michel (Hg.): Raumproduktionen

Beiträge der Radical Geography. Eine Zwischenbilanz. Westfälisches Dampfboot, Münster 2007. 307 Seiten, 27,90 Euro

Radikale Geographie

"Ich fordere Erstsemester oft auf, sich zu überlegen, woher ihre letzte Mahlzeit kam", schreibt der britische Geograph David Harvey in seinem Beitrag zu Bernd Belinas und Boris Michels Band über Raumproduktionen. "Wenn man alle Bestandteile zurückverfolgt, die in die Herstellung dieser Mahlzeit eingegangen sind, zeigt sich, dass sie von einer Vielzahl gesellschaftlicher Arbeiten abhängen, die an den unterschiedlichsten Orten und unter verschiedensten gesellschaftlichen Verhältnissen und Produktionsbedingungen erbracht wurden." Meisterhaft entwickelt Harvey an einfachen Beispielen seine Kritik an einem verdinglichten Raumverständnis und plädiert für einen materialistischen und herrschaftskritischen Zugang zur sozialen Produktion des gesellschaftlichen Raums.

Harveys Artikel beruht auf einem Vortrag, den er bereits 1989 hielt. Dass Harveys Artikel nicht schon früher auf Deutsch erschien, scheint typisch für diese Debatte. Zwar hat der so genannte Spatial Turn - die 'Entdeckung' des Raums für die Auseinandersetzung mit Globalisierung, Regionalisierung und der Herausbildung sozialer Unterschiede - bereits seit den 1960er Jahren ganze Generationen kritischer SozialwissenschaftlerInnen in den USA und England beeinflusst. Doch in deutschsprachigen Debatten wurde dieser Ansatz kaum rezipiert.

Nun haben Belina und Michel zehn wichtige Texte aus der angloamerikanischen Debatte übersetzt. "Raumproduktionen" ist zwar keine erschöpfende Übersicht über dieses Forschungsfeld. Hilfreich ist aber gerade für EinsteigerInnen die Einführung der beiden Herausgeber, in der sie die raumtheoretischen Debatten historisch und thematisch nachzeichnen. Daran anknüpfend gliedert sich ihr Band in einen theoretischen und in einen empirischen Teil. Hervorgehoben wird auch der Einfluss der französischen Philosophen Henri Lefebvre und Michel Foucault auf den Spatial Turn.

Die Herausgeber betonen, dass es weder Harvey noch Lefebvre oder Foucault jemals um "den Raum an sich" ging, sondern um seine Rolle für die soziale Praxis. Nicht abstrakte Theoriebildung, sondern problembezogene und empiriegeleitete kritische Sozialwissenschaft ist die treibende Kraft hinter dem Spatial Turn. Die Auswahl der Buchbeiträge reicht demgemäß von der "Privatisierten Stadt" (Cindi Katz), über "Rasse, Protest und öffentlicher Raum" (Eugene J. McCann) und "Anti-Obdachlosen-Gesetzgebung in den USA" (Don Mitchell) bis zur erwähnten Frage von Harvey: Woher kam eigentlich meine letzte Mahlzeit?

Henrik Lebuhn

304 | Kriege in Afrika
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