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Boris Barth: Genozid

Völkermord im 20. Jahrhundert. Geschichte - Theorien - Kontroversen. Beck, München 2006. 271 Seiten, 14,90 Euro.

Genozid im kolonialen Blick

Der Historiker Boris Barth hat sich eine schwierige Aufgabe gestellt: einen Überblick über die Problematik des Völkermordes. Sein Buch Genozid. Völkermord im 20. Jahrhundert enthält neben einer konzeptionellen Einführung kürzere und längere Abrisse über paradigmatische Fälle, "eindeutige" und solche "mit Genozidverdacht". Abschließend versucht er, im Sinne des "demokratischen Friedens" Genozide für Demokratien auszuschließen und in der Perspektive vorbeugender Intervention Frühwarnsignale zu identifizieren. Auch aufgrund seiner breiten Literaturgrundlage sowie des Versuchs ausgreifender empirischer Unterfütterung kann das Buch nützlich sein. Barth bezieht freilich auch Stellung: vor allem zur Bestimmung von Ereignissen als "Völkermord" oder nicht und zur Problematik der Intervention. Dabei verfällt er unversehens einem kolonialen Blick.

Bei Barth kommt ein "Fall mit Genozidverdacht" im kolonialen Kontext vor: Deutsch-Südwestafrika 1904-1908. Wie in allen anderen Fällen weist er den Verdacht am Ende zurück, teils mit ebenso erstaunlichen wie fragwürdigen Argumenten. So leugnet er zwar die Vernichtungsabsicht des kommandierenden Generals von Trotha, verweist aber auf die Aufhebung des berüchtigten "Schießbefehls" "bereits nach wenigen Monaten..., allerdings war zu diesem Zeitpunkt ein großer Teil der Herero bereits tot". Die "Vernichtung der Herero" (von Nama, Damara oder San ist keine Rede - eine völlig unzulässige Auslassung) sei vor allem "nicht die Politik der deutschen Regierung gewesen"; sie wird "auf den Befehl eines einzigen Generals" reduziert. Barth übersieht, dass es keinen anderen General in der Kolonie gab und dass dieser mit einer expliziten Order nach Südwestafrika in Marsch gesetzt wurde. Dass es darüber eine ausgedehnte Korrespondenz einschließlich einer teilweise öffentlich geführten, scharfen Debatte mit dem militärisch entmachteten Gouverneur Leutwein gab, ignoriert er ebenso. All dies ist für die Frage des Völkermordes entscheidend, denn hier geht es eben nicht um den "Verlust einer hohen Zahl von Menschenleben", sondern laut UN-Konvention um die Intention der Vernichtung einer Gruppe.

Ein genaueres Durchdenken der Problematik hätte Barth auf eine problematische begriffliche Engführung aufmerksam machen können: die bei ihm durchgängige Koppelung von "Völkermord" an die Minderheitenproblematik. Herero waren in Südwestafrika zwar nicht die Mehrheit, aber sicher keine Minderheit und gewiss zahlreicher als Deutsche. Es könnte behauptet werden, dass die wenigen Völkermorde im Kolonialkontext sich gerade dadurch auszeichnen, dass die Opfer keine Minderheit waren.

Die Auseinandersetzung über den Zusammenhang des Völkermordes in "Deutsch-Südwestafrika" zum Holocaust möchte Barth in eine vergleichende Betrachtung unterschiedlicher Kolonialgräuel umbiegen. Dabei empfiehlt er, vor allem auf den "französische(n) Krieg in Algerien seit 1830" und die "zahlreichen Massaker an Unbeteiligten ... bei der Pazifizierung eines so alptraumhaften Landes" zu blicken. Hier werden jegliche begrifflichen Orientierungen, zumal die zentrale Frage der Intention, fallengelassen. Dafür schleicht sich die Unklarheit ein, von wessen Alptraum denn die Rede sein soll - anscheinend von dem der französischen Soldaten. Dies ist zwar für die Problematik des Völkermordes irrelevant, verschiebt aber die Diskussionsebene so, dass das Deutsche Reich, da "keine genozidale Diktatur", zum Völkermord nicht fähig gewesen sei.

So bleibt das Fazit, dass es in den Kolonien viel Schreckliches, aber eben keine Völkermorde gegeben habe. Diese werden von Barth geradezu monokausal auf den Zivilisationsbruch des Ersten Weltkrieges bezogen, während es doch methodologisch sinnvoller sein könnte, mehrere Verursachungsprozesse zu problematisieren, zu denen auch die Entgrenzung der Gewalt in den Kolonien und insbesondere der extreme Fall Südwestafrika gehören müssten.

Reinhart Kößler

304 | Kriege in Afrika
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