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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 304 | Kriege in Afrika Medardus Brehl: Vernichtung der Herero

Medardus Brehl: Vernichtung der Herero

Diskurse der Gewalt in der deutschen Kolonialliteratur. Wilhelm Fink Verlag, München 2007. 256 Seiten, 28,80 Euro

Vernichtung als Gnadenakt

Der Kolonialkrieg in Deutsch-Südwestafrika von 1904 bis 1908 ist bis heute Gegenstand heftiger öffentlicher Auseinandersetzungen, ob in Namibia oder hierzulande. Der "Herero-Krieg" wurde bereits im damaligen deutschen Kaiserreich ausgiebig debattiert und kann als regelrechtes Diskursereignis betrachtet werden. Es erschien damals eine Flut von populär-historischen Darstellungen, Memoiren und Tagebüchern, Editionen von Feldpostbriefen bis hin zu belletristischen Texten, darunter Romane und Erzählungen, Gedichte, Jugend- und Kinderbücher, Zeitungsberichte oder Bühnenstücke. In seiner nun als Buch vorliegenden Dissertation untersucht der Literaturwissenschaftler Medardus Brehl die sprachlichen Strategien, mit denen die Vernichtung der Herero - die Nama bleiben weitgehend außen vor - in den öffentlichen Diskussionen thematisiert wurde.

Brehl befasst sich in seiner Studie nicht nur mit bekannten Werken wie dem von Gustav Frenssen (Peter Moors Fahrt nach Südwest. Ein Feldzugsbericht) oder dem Jugendbuch von Friedrich Meister (MuHérero riKárera [Nimm Dich in acht, Herero!]), sondern er hat auch viele weniger bekannte Texte aus den Jahren nach 1904 ausgegraben. Von VertreterInnen der "Tätergesellschaft" für die Mitglieder derselben aufgeschrieben, sind es Geschichtserzählungen aus der Perspektive der Sieger, die die Stimme der Opfer nicht zu Wort kommen lassen. Eine grundsätzliche Verschiedenheit von Europäern und Afrikanern konstruierend, sind die Aggressoren stets die "Anderen", die Herero. Sie werden als "wilde Bestien" dämonisiert, wohingegen die deutschen Kolonisten implizit eine defensive Position zugewiesen bekommen.

Bei der Darstellung des Krieges zwischen den deutschen Kolonialherren und den Herero wird die Vernichtung letzterer keineswegs ausgeblendet. Ganz im Gegenteil wird sie mit Argumenten legitimiert, die eine Gesetzmäßigkeit des historischen Prozesses nahe legen. Und so wird das "Verschwinden" der "Schwarzen" im Zuge solcher Kolonialkriege als Beschleunigung eines ohnehin unabwendbaren Sterbens der "Wilden", der "Völker am Rande der Geschichte" aufgefasst. Brehls Analyse der (Kolonial-)Literatur gipfelt in der erschreckenden Erkenntnis, dass wahrhaft philanthropisches Verhalten darin gesehen wurde, die Ausrottung der von der Evolution zum Untergang geweihten Völker aktiv zu betreiben. Völkermord wurde in dieser Perspektive zu moralischem Handeln stilisiert. Die Texte spiegeln aber auch den Kampf um die Etablierung und Bewahrung deutscher Identität in der Siedlungskolonie "Deutsch-Südwest" wider. Es ging darum, den Weg frei zu machen für einen "homogenen Volkskörper" in einem Territorium, das die Deutschen sich zu ihrem neuen "Lebensraum" machen wollten.

Die brillante Untersuchung von Brehl ist nicht zuletzt deshalb aktuell, weil die freigelegten Argumentationsmuster auf andere im 20. Jahrhundert begangene Genozide verweisen, etwa den Völkermord an den Armeniern oder den Holocaust. So ist das Buch ein wichtiger Beitrag zur gegenwärtig geführten Diskussion über die Frage, was der deutsche Kolonialismus mit der NS-Herrschaft und seiner Vernichtungspolitik zu tun hat.

Joachim Zeller

304 | Kriege in Afrika
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