Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 304 | Kriege in Afrika Saadat Hassan Manto: "Schwarze Notizen"

Saadat Hassan Manto: "Schwarze Notizen"

Ausgewählt und übersetzt aus dem Urdu von Christina Oesterheld. Suhrkamp, Frankfurt 2006. 157 Seiten, 12,80 Euro.

Schrecken des Fundamentalismus

Am 15. August 2007 feierte Indien den 60. Jahrestag seiner Unabhängigkeit. Einen Tag zuvor, damals am 14. August 1947, hatte Mohammed Ali Jinnah das unabhängige Pakistan ausgerufen. Beide Tage gelten als Auftakt für die Entkolonialisierungswelle in Afrika und Asien. Sie lösten aber auch die blutigsten Massaker aus, die der Subkontinent bis dahin gesehen hatte. Muslime flohen von Indien nach Pakistan, Hindus und Sikhs von Pakistan nach Indien. Mindestens eine Million Menschen wurden dabei massakriert, Frauen hunderttausendfach vergewaltigt, Häuser, Dörfer und Stadtteile niedergebrannt. Während die Unabhängigkeit mit einem Nationalfeiertag begangen wird, gebe es "weder in Indien noch Pakistan ein Denkmal für die Opfer", die "wie gewöhnlich in erster Linie die Armen aus Stadt und Land waren", schreibt der britische Autor Tariq Ali in seinem Nachwort zu den Kurzgeschichten des Schriftstellers und Journalisten Saadat Hassan Manto.

Manto, der bis 1948 in Bombay lebte und dort erfolgreich als Drehbuchautor arbeitete, musste nach Pakistan fliehen, weil ihm vorgeworfen wurde, er begünstige Muslime. In seinen Schwarzen Notizen stellt Manto das Grauen nicht nur dar, er versucht es auch zu verarbeiten, mit bissigem, verzweifeltem Humor, der immer auf die Täter zielt und die Würde der Opfer wahrt. Er hält Distanz, schlägt sich weder auf die Seite der Moslems, noch auf die der Hindus. In seinen manchmal sehr knapp gehaltenen Geschichten, die schlaglichtartig eine Situation erhellen, bedient er sich einer schnörkellosen Sprache.

In seinen längeren Kurzgeschichten reißt Mantos Erzählkunst die LeserInnen mit, er lässt sie mitleiden und mitfürchten, verschafft ihnen Erleichterung und konfrontiert sie am Ende wieder mit der ausweglosen Brutalität des religiösen Fanatismus, die seine Figuren immer wieder einholt. Etwa in der Geschichte "Gurmukh Singhs Vermächtnis", in der eine alte Familienfreundschaft schließlich den Flammen des Hasses geopfert wird.

In vielen Geschichten wirft Manto einen Blick auf die von der Gesellschaft Ausgegrenzten. In "Toba Tek Singh" sind es diejenigen, die als "geisteskrank" weggesperrt werden. Zwei, drei Jahre nach der Teilung haben die Regierungen Indiens und Pakistans beschlossen, auch die Insassen ihrer "Irrenanstalten" auszutauschen. Dazu gehört Toba Tek Singh, ein Sikh, der nun nach Indien soll. An der Grenze angekommen, klettert er auf einen Baum und ruft, er wolle weder nach Pakistan noch nach Indien. In einer Welt, in der die Irrationalität regiert, lässt Manto seinen "irren" Protagonisten den einzigen vernünftigen Gedanken aussprechen, den die brutale Realität noch zulässt. Manto selbst zerbricht an dieser Realität, ertränkt seinen Schmerz im Alkohol und stirbt im Alter von 43 Jahren.

"Heute fault diese Vergangenheit weiter und scheint auch die Zukunft zu vergiften", befürchtet Ali in seinem Nachwort. Die jüngsten Ereignisse geben ihm Recht. Muslime aus dem indischen Bundesstaat Gujarat, 2002 Schauplatz von antimuslimischen Pogromen, wollen nun wieder in ihre Dörfer zurückkehren. Aber Vertreter der ansässigen Hindus stellen ihnen Bedingungen: Sie könnten nur zurückkehren, wenn sie den Hinduismus annehmen oder ihre juristischen Klagen gegen ihre Verfolger zurückziehen.

Manto hat seine Geschichten in Urdu geschrieben, was ein Grund dafür ist, dass sie so spät ins Deutsche übersetzt wurden. Denn die großen deutschen Verlage konzentrieren sich auf die englischsprachige Literatur aus Indien und Pakistan. Dabei ist das Werk von Manto schon Ende der 1990er Jahre von Salman Rushdie als "Weltliteratur" bezeichnet worden. Mantos meisterhafte Kurzgeschichten lenken die Aufmerksamkeit auf einen Teil der Geschichte des Subkontinents, die den Höhepunkt der Entfremdung zwischen Hindus und Muslimen markiert und noch nicht aufgearbeitet ist. Indem er in seinen Geschichten den Schrecken des religiösen Fundamentalismus mit aller Deutlichkeit aufzeigt, leistet er einen wichtigen Beitrag zur Verständigung.

Gerhard Klas

304 | Kriege in Afrika
Cover Vergrößern