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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 305 | Die Misere der Klimapolitik Jacques Sémelin: Säubern und Vernichten

Jacques Sémelin: Säubern und Vernichten

Die politische Dimension von Massakern und Völkermorden. Aus dem Französischen von Thomas Laugstien. Hamburger Edition, Hamburg 2007. 456 S., 40 Euro.

Rezension: Gegen die Macht des Vernichtens

Die organisierte Vernichtung von Menschen hat viele Namen: Genozid, Massaker, ethnische Säuberung. Das beklemmende Entsetzen über die "Verbrechen an der Menschlichkeit" macht es schwierig, das Geschehene zu begreifen. Erinnerungsarbeit konzentriert sich primär darauf, die Leiden der Opfer unvergessen zu machen. Den Erinnenden gleitet ein phrasenhaftes "Wie-konnte-das-geschehen?" über die Lippen, das Betroffenheit und Abscheu signalisiert, jedoch nur selten wirkliches Nachfragen impliziert. Viel eher als nach einer "Erklärung" für das von den Tätern praktizierte Massakrieren von ZivilistInnen zu suchen, wird ihr mörderisches Tun als irrational und barbarisch abgeurteilt, als Unfassbares in ein scheinbar jenseitiges Reich der Abgründe wegdefiniert. Das ist in Anbetracht der Gräuel und des Schreckens verständlich. Hilfreich ist es nicht.

Um das "Unbegreifliche" zu ergründen, lohnt es sich durchaus, die Logik der Täter einmal in den Mittelpunkt zu stellen. Genau diesen Schritt unternimmt der Historiker Jacques Sémelin in seinem Buch Säubern und Vernichten. Insbesondere wendet er sich gegen die Behauptung, dass Völkermord und auf Vernichtung zielende Massaker unbegreiflich und irrational seien. Doch welchen Sinn und welche Bedeutung verleihen die Schlächter ihrem Handeln?

Die Frage mag irritieren. Warum sollte man sich mit der Logik der Schlächter überhaupt befassen? Sémelins überzeugendste Antwort ist eine, die sich gegen die Zwangsläufigkeit von Vernichtungseskalationen richtet: weil zu jedem beliebigen Zeitpunkt der massenhaften Vernichtung, deren Dynamik schon lange vor dem ersten Morden beginnt, jeder einzelne Schlächter, Befehlsgeber, Mitwisser und Befehlsausführer auch hätte ganz anders entscheiden können.

Beispiele dafür gibt es genügend. Und dennoch wurde diese Option von nur wenigen, zu wenigen gewählt. Von Unwissenheit kann nie die Rede sein - auch das zeigt Sémelin. Warum also ließen so viele die eigene Angst reifen, bekamen ihre Feigheit nicht in den Griff, warum legitimierten sie wider besseren Wissens durch verleumderische Selbstlügen ihr Tun? Sémelin hat sich vorgenommen, die Entstehung und Erzeugung der entschuldigend vorgebrachten Angst der Mörder, Befehlsausführer und MitwisserInnen systematisch zu durchleuchten. Er will der vermeintlichen Irrationalität ihres Handelns psychologisch auf den Grund gehen und die Erkenntnisse mit politischen und soziohistorischen Ursachenanalysen verknüpfen.
Dabei will Sémelin das Grauen nicht vollständig erklären, schon gar nicht verständnisvoll entschuldigen. Entsetzen bleibt Entsetzen, Morden bleibt grauenvoll. Dennoch überzeugt der Gedanke, mit Hilfe verschiedener historischer, politischer, sozialwissenschaftlicher und psychologischer Perspektiven die Dynamik der Entstehung von Massakern zu erkennen und möglicherweise vor ihrer Eskalation zu durchbrechen.

Sémelin wagt es, zum Zwecke der Erforschung der dem Massaker vorausgehenden Entwicklungen drei Vernichtungsdynamiken gegenüberzustellen - den Holocaust, den Genozid an den Tutsi und die Massaker im ehemaligen Jugoslawien. Immer auf der Suche nach der jeweiligen wahnhaften Rationalität werden in dem sehr bedachtsam angestellten "Vergleich" gelegentlich konvergierende, meist jedoch differierende Verläufe beschrieben.

In jedem Fall steht am Anfang die Essentialisierung eines Fremden, dessen Anderssein verabsolutiert wird. Er wird für irgendwelche Missstände verantwortlich und durch gezielte Propaganda zum Feind gemacht. Als Reaktion auf die eigene Angst vor dem Feinde, die oft von nur einer Handvoll Kampflustiger bewusst provoziert wird, entsteht Hass. Ein Sicherheitsdilemma wird inszeniert, schließlich ein ultimatives "Wir-oder-Die" beschwört. Das aus dem oft über Jahre produzierten Reinheitsbedürfnis einer "Volkgemeinschaft" abgeleitete Säuberungsgebot kulminiert in einer in jedem Falle alternativlosen "Lösung".

Mit den Ideologien, die den Massenmorden vorausgingen, haben sich viele beschäftigt. Der Verdienst von Sémelin liegt hauptsächlich darin, ständig den Einzelnen in seinen Möglichkeiten und seinem Denken gegenüber den kollektiven Prozessen der Erzeugung von Angst, Hass, "wahnsinniger" Rationalität und dem Handeln gegen besseres Wissen abzugrenzen. Er fragt danach, wie das individuelle Denken und das gesellschaftliche Handeln jeweils "funktionierten", wie Irritationen ausgeräumt, KomplizInnen geschaffen und Gruppendynamiken in Gang gesetzt wurden. Weder Gruppenzwang noch diktatorische Befehlsmacht reichen alleine aus, um den Mechanismus des Mordens in Gang zu setzten. Die massenförmige Gewaltdynamik ist komplexer. Sémelin fragt danach, welche Form der Mobilmachung dazu beitrug, den Massenmord vorzubereiten, welche Rolle der internationalen Politik zukommt, wie kollektive Gleichgültigkeit entsteht und in aktive Mitwirkung mündet, unter welchen politischen und sozialen Konstellationen eine abstrakte Idee in die grausame Tat umschlägt.

Wie Darfur gezeigt hat, ist das von der internationalen Gemeinschaft gefällte Urteil, ob es sich im konkreten Fall um einen "Genozid" handelt oder nicht, eine politische und eine juristische Entscheidung. Ein Genozid verpflichtet völkerrechtlich zum Einschreiten, insofern ist dieser juristische Begriff immer auch Spielball und Konfliktgegenstand der Politik. Aus diesem Grunde plädiert Sémelin dafür, zu rechtlichen und normativen Definitionen auf Distanz zu gehen - und konzentriert sich stattdessen auf den Begriff des Massakers. Sein Versuch einer Morphologie der Massaker, die er in unterwerfende, ausrottende und aufständische Vernichtungspraktiken unterscheidet, sind jedoch einem wissenschaftlichen Erkenntnis- und Ergebniszwang verpflichtet, der fehl am Platze scheint.

Zwar will Sémelin mit seiner Morphologie verhindern, dass so genannte genozidale Kriege oder ethnische Säuberungen aus dem Blick geraten. Doch wird er dem eigenen Komplexitätsanspruch nicht mehr gerecht, wenn inflationär nur noch einzelne Gewaltdynamiken herangezogen werden. Von Pol Pot über den Gulag, vom Holocaust über die Ukraine bis zum Dschihad, dienen die Beispiele immer nur zur Einordnung in eine der drei Vernichtungskategorien. Insofern bleibt abzuwarten, ob die von Sémelin geplante digitale Enzyklopädie der Massengewalt (www.massviolence.org) es vermeidet, die einzelnen Orte und Geschehnisse zu bloßen Versatzstücken auseinander zu definieren.


Martina Backes

305 | Die Misere der Klimapolitik
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