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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 305 | Die Misere der Klimapolitik Siebo Siems: Die deutsche Karriere kollektiver Identität

Siebo Siems: Die deutsche Karriere kollektiver Identität

Vom wissenschaftlichen Begriff zum massenmedialen Jargon. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2007. 283 S., 29,90 Euro.

Rezension: Die deutsche Identität macht Karriere

"Die Rede von einem kulturellen Konsens, der angeblich identitätsbestimmend ist, widerspricht (...) der alltäglichen Erfahrung, nach der die suggerierte Verbindlichkeit 'deutscher Sitten und Gewohnheiten' nicht existiert. (...) Ist die 'kulturelle Identität' demnach reine Fiktion? Oder eine rationale Konstruktion, mit der sich in einer bestimmten Situation Politik machen lässt?"
Diese spannenden Fragen, die in der Einleitung aufgeworfen werden, beantwortet Siebo Siems in seinem Buch leider nicht alle in derselben Deutlichkeit. Zwar bietet er in seiner Dissertation einen umfassenden Überblick über Die deutsche Karriere kollektiver Identität und über die Entwicklung des Identitätskonzepts "vom wissenschaftlichen Begriff zum massenmedialen Jargon" (Untertitel). Allerdings merkt man der Schrift deutlich an, dass sie für wissenschaftliche Zwecke verfasst wurde. Insofern ist das Buch eher für LeserInnen geeignet, die sich vertiefte Kenntnisse wünschen.

Siems zeigt, wie sich die Idee einer "kulturellen Identität" zwischen Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts als wissenschaftlicher Begriff etablierte und heute zu einem so verbreiteten Konzept geworden ist, dass es sich selbst bei KritikerInnen einer deutschen Leitkultur wieder findet. Er stellt fest, dass die Idee einer durch Herkunft und Kultur bedingten "Identität" mittlerweile den Status einer wissenschaftlich neutralen Gegebenheit erlangt hat.

Ausführlich geht Siems auf den "Vater" des Identitätskonzepts, Erik H. Erikson, ein, der in den USA der 1940er Jahre als Einwanderer Erfahrungen im melting pot machte. Erikson beobachtete dort die Erfindung der amerikanischen "Super-Identität", durch die Herkunft und Kultur wichtig und unwichtig zugleich wurden, und erklärte sich diese mit der "assimilatorische[n] Kraft fortschreitender Mechanisierung und Technisierung" - eine These, die heute mit einem Fragezeichen versehen werden müsste, spielen doch in hochindustrialisierten Ländern wie Frankreich Konflikte mit EinwandererInnen der zweiten und dritten Generation eine große Rolle.

In der Bundesrepublik wurde in den 1960er und 70er Jahren die US-amerikanische Identitätsterminologie wissenschaftlich rezipiert - vor allem durch Jürgen Habermas - und gleichzeitig popularisiert. Die zentrale Rolle kollektiver Identität für Habermas' Theoriearbeit ist laut Siems oft übersehen worden; er widmet dem Thema daher zwei ausführliche Kapitel.

In den 1980er und 90er Jahren lassen sich zwei Entwicklungen beobachten: Zum einen eine kulturalisierte Interpretation gesellschaftlicher Realität, die Kultur und Herkunft als Ursachen für Kriege und soziale Konflikte versteht. Zum anderen eine Verschärfung sozialer Ungleichheit, die zu einem höheren Bedarf an Erklärungsmustern führt. Dies begünstigt womöglich weiter die Popularisierung des Identitätskonzepts und zeigt sich auch an Kontroversen wie dem "Historikerstreit" oder der Leitkulturdebatte, die die Frage nach der ‚nationalen Identität der Deutschen' thematisierten.

Siems macht deutlich: Das Konzept einer kulturell definierten Identität ist "ein Wahrnehmungsmuster gesellschaftlicher Wirklichkeit (...), in dem massenhaft vorhandene unbewusste Bedürfnisse konformistisch organisiert werden".

Sarah Lempp

305 | Die Misere der Klimapolitik
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