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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 306 | Nationalstaat und Panafrikanismus Klaus J. Bade u.a. (Hg.): Enzyklopädie Migration in Europa

Klaus J. Bade u.a. (Hg.): Enzyklopädie Migration in Europa

Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Ferdinand Schöningh, Wilhelm Fink, u.a. Paderborn 2007. 1.156 Seiten, 78 Euro.

Standardwerk zu Migration in Europa

Vor zwei Jahren warf die Publizistin Necla Kelek der "öffentlich finanzierten" Migrationsforschung Versagen vor: Diese habe nicht erkannt, dass sich inmitten der freien und offenen Gesellschaft unter muslimischen MigrantInnen repressive, vor allem frauenfeindliche Parallelgesellschaften herausgebildet hätten. Zwangsehen, Ehrenmorde und ethnische Segregation seien den WissenschaftlerInnen verborgen geblieben, weil sie vom Multikulturalismus träumten. Kurzum, die Migrationsforschung habe das "Problem Islam" in Europa ignoriert.

In der Tat hat die wissenschaftliche Beschäftigung mit Migration lange Zeit andere Probleme gehabt. Angesichts der gefühlten Natürlichkeit von Nationen und Nationalstaaten, der hässlichen Fratze von Rassismus und Xenophobie und der nationalistischen Lebenslüge, Deutschland sei kein Einwanderungsland, haben MigrationsforscherInnen die historische Normalität der Wanderungen von Menschen über Grenzen und zuweilen auch von Grenzen über Menschen betont. Migration gehöre zur Conditio humana wie Essen und Schlafen, Lieben und Leiden, denn der Homo sapiens habe sich als Homo migrans über die Welt ausgebreitet.

Gleichwohl ist Keleks Kritik unbegründet und allein politisch zu erklären. Denn zum einen wird durch ein neues Problem nicht alles hinfällig, was zuvor wichtig war; zum anderen ist die Frage von Integration seit jeher eine der zentralen der Migrationsforschung gewesen. Wie beides zusammengeht, ist zu bewundern in der Enzyklopädie Migration in Europa, herausgegeben von einem deutsch-niederländischem Herausgebergremium um Klaus J. Bade. An ihm beteiligten sich weit über 200 HistorikerInnen aus ganz Europa. Die Enzyklopädie ist nicht nur ein gut handhabbares Nachschlagewerk über Wanderungsbewegungen seit dem 17. Jahrhundert, es bietet auch einen glänzenden, fast synthetisierenden Überblick über die europäische Migrationsgeschichte. Schließlich stellt es das öffentliche Sorgenthema Integration in den Mittelpunkt fast jeden Beitrags, ohne sich jedoch von einer normativen Assimilierungserwartung leiten zu lassen.

Die Konzeption ist bestechend klar: Der relativ kurze erste Teil erläutert kompakt und strukturiert die Idee des Projektes bis zu seiner Realisierung und stellt die Terminologien und Konzepte der Migrationsforschung vor. Er analysiert Wanderungssysteme, stellt Typologien der Migrationen vor und untersucht Migrationsregime von der Frühen Neuzeit an. Kurzum, er legt dar, was eine Theorie der Migration zu leisten hat. Im zweiten Teil wird anhand eines weitgehend einheitlichen Schemas die Wanderungsgeschichte der einzelnen europäischen Länder zusammengefasst. Der dritte Teil umfasst die "eigentliche" Enzyklopädie und ist nach Wanderungsgruppen gegliedert. Wenn wir zum Beispiel den Buchstaben "A" nehmen, finden wir solch heterogene Geschichten wie die der ägyptischen "Sans-Papiers" in Paris seit den 1980er Jahren, den albanischen SiedlerInnen in Italien seit der Frühen Neuzeit, die alliierten Militärangehörigen in Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, armenische Handelskolonien in Russland seit dem Spätmittelalter und außereuropäische Fußballspieler in West- und Südeuropa seit dem späten 19. Jahrhundert.

Die Integration von Muslimen nimmt den ihnen gebührenden Platz in der europäischen Migrationsgeschichte ein. Sie spielt, trotz aller gegenwärtigen Ängste, eine kleine, wenngleich sichtbare Rolle. Den Artikel über die türkischen ArbeitswanderInnen in West-, Mittel- und Nordeuropa seit Mitte der 1950er Jahre, der Necla Kelek besonders interessieren wird, hat ausgerechnet Yasemin Karakasoglu geschrieben, mit der sie sich vor zwei Jahren per öffentlichem Brief gestritten hat. Von Multikultischwärmerei ist hier aber nichts zu spüren. Karakasoglu stellt nüchtern fest, dass von einer erfolgreichen Integration pauschal genauso wenig gesprochen werden kann wie von einer missglückten. Dabei wird niemand aus seiner Verantwortung entlassen, weder Staat noch Mehrheitsgesellschaft noch Minderheit, wenngleich die Handlungsmöglichkeiten asymmetrisch sind.

Dieses Nachschlagewerk wird allein wegen seiner europäischen Dimension neue Maßstäbe setzen. Es überzeugt aber auch in redaktioneller Hinsicht: Die einzelnen Artikel folgen einem strikten Aufbau, sie sind gut geschrieben und die AutorInnen gehören in der Regel zu den führenden ihres Sujets. Es bleibt zu hoffen, dass demnächst ein ForscherInnenteam nach der europäischen die globale Dimension der Wanderungen in den Blick nimmt, und zwar nicht nur von Süd nach Nord, sondern ebenso von Süd nach Süd. Denn vermutlich 95 Prozent der gegenwärtigen Migrationen geschehen außerhalb Europas. Es ist eben immer nur eine Frage der Perspektive, wie dringlich ein Problem ist, zum Beispiel das der eindimensional erfolgten Integration der Muslime in Deutschland.

Jörg Später

306 | Nationalstaat und Panafrikanismus
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