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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 306 | Nationalstaat und Panafrikanismus Leona Goldstein: displaced

Leona Goldstein: displaced

Flüchtlinge an Europas Grenzen. Von Loeper Literaturverlag, Karlsruhe 2008. 128 Seiten plus DVD, 29,90 Euro.

Rezension: Die vielen Gesichter der Festung Europa

Die Zahl der Asylanträge in der EU hat sich in den letzten fünf Jahren fast halbiert - nicht, weil sich weniger Menschen auf den Weg nach Europa machen, sondern weil die Mauern der Festung Europa immer höher werden. Die Fotografin Leona Goldstein zeigt in ihrem dreisprachigen Multimediaprojekt "displaced" die Gesichter der Menschen hinter den Statistiken. Auf ihren Reisen nach Marokko, Westafrika, Ukraine, Italien, Spanien sowie in Deutschland sind drei Fotoessays und zwei Dokumentarfilme entstanden. Sie zeigen die Ursachen und Wege der Migration nach Europa ebenso wie den Alltag der MigrantInnen.

Die Fotoserie "Hold the Line" (2005) nimmt westafrikanische MigrantInnen an der südlichen Schengen-Grenze in Marokko und Spanien in den Blick. Der Film "Au clair de la lune" (Burkina Faso/Côte d'Ivoire/Mali 2006) vermittelt Eindrücke von den Hintergründen der Migration. Mit Bildern von den politischen und ökonomischen Lebensbedingungen in Westafrika macht er anschaulich, warum Menschen die gefährliche Reise über Marokko nach Europa antreten, die für viele tödlich endet.

Das Fotoessay "6 m2 Rechtsstaat" (2005) und der Film "Le Heim" (Deutschland 2005) dokumentieren mit Bildern und Interviews aus dem Abschiebegefängnis Berlin-Köpenick und dem AsylbewerberInnenheim im brandenburgischen Waldsieversdorf das Leben von AsylbewerberInnen in Deutschland. "Transit Heimat" (2006/07), die dritte Fotoserie in dem Band, richtet den Blick auf eine Außengrenze der EU, die weniger Medieninteresse erfährt als die Zäune der spanischen Exklaven in Marokko: Die Ukraine ist gleichzeitig Pufferzone, in der MigrantInnen vor dem Eintritt in die EU abgehalten werden, und Herkunftsland von hunderttausenden ArbeitsmigrantInnen. "Transit Heimat" zeigt einerseits die Gefängnisse in der Ukraine, in denen MigrantInnen inhaftiert werden, andererseits das Leben ukrainischer Arbeitsmigrantinnen in Italien.

Der Fotoband kommt weitgehend ohne Text aus, die Bilder sollen ohne Erklärung wirken. Am Ende jeder Fotoserie stehen die Bildunterschriften sowie einige Zitate von MigrantInnen und Flüchtlingen. Die Fotoessays sind keine Reportagen, sie erzählen keine Geschichten, sondern werfen Schlaglichter. Mit einer Vielfalt an Stimmen und Gesichtern, Eindrücken und Momentaufnahmen zeigt "displaced" die Heterogenität der Migration in die EU. Beispielsweise Frank und Derek aus Nigeria, die seit fünf Jahren versteckt in den Wäldern und auf den Dächern in der marokkanischen Stadt Tanger leben. Halya war Lehrerin in der Ukraine und arbeitet heute für drei Euro in der Stunde als Altenpflegerin in einem italienischen Dorf. Der kongolesische Soziologe Panda lebt seit sechs Jahren in Deutschland in der ständigen Angst, dass seine Duldung nicht verlängert und er abgeschoben wird.

Bettina Engels

306 | Nationalstaat und Panafrikanismus
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