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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 306 | Nationalstaat und Panafrikanismus Mechthild Leutner/ Klaus Mühlhahn (Hg.): Kolonialkrieg in China

Mechthild Leutner/ Klaus Mühlhahn (Hg.): Kolonialkrieg in China

Die Niederschlagung der Boxerbewegung 1900-1901. Ch. Links Verlag, Berlin 2007. 272 Seiten, 24,90 Euro.

Rezension: Boxer gegen Kolonialisten

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts stand das chinesische Kaiserreich unter erheblichem inneren wie äußeren Druck. Naturkatastrophen führten in Nordchina zu Hungersnöten und forderten Millionen von Toten. Die Unfähigkeit der Regierung zur Krisenregulation, die Verelendung der ländlichen Bevölkerung sowie Banden und Selbstschutzmilizen stellten die soziale Ordnung zunehmend in Frage. Gleichzeitig wurde China zur Zielscheibe imperialistischer Mächte aus Europa, den USA, Russland und Japan. Zur Durchdringung des Riesenreiches verlegten sich die untereinander konkurrierenden Imperialmächte auf eine Strategie der Erpressung, um an wirtschaftliche Konzessionen, politische Sonderrechte und einzelne gut abgesicherte Stützpunkte zu gelangen. Wichtiger Hebel zur Destabilisierung waren die christlichen Missionen, die mit rechtlicher Immunität ausgestattet wurden. So lieferten zahlreiche "Missionszwischenfälle" immer wieder den Vorwand für internationale Interventionen verschiedener Eskalationsstufen, im Falle Deutschlands sogar der militärischen Inbesitznahme des "Pachtgebietes Kiautschou" 1897.

In dem von Mechthild Leutner und Klaus Mühlhahn herausgegebenen Sammelband Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung der Boxerbewegung 1900-1901 wird beleuchtet, wie sich unter diesen Bedingungen in Nordchina ab 1898 eine soziale Aufstandsbewegung ausbreitete. Aufgrund ihrer Kampfkunstkultivierung wurden die Yihequan (Vereinigte Fäuste für Gerechtigkeit) bald als "Boxer" bezeichnet. "Innerhalb sehr kurzer Zeit mobilisierten sie 400.000 bis 500.000 Bauern, die am Kampf teilnahmen, Kirchen niederbrannten und AusländerInnen töteten, Gleise herausrissen, ausländische Waren zerstörten und gegen die Truppen der alliierten Mächte einen Kampf auf Leben und Tod begannen", schreibt Sun Lixin, einer der drei chinesischen von insgesamt 16 AutorInnen.
In den Beiträgen wird mit Bedacht das Spannungsverhältnis aufgezeigt, in dem sich die Boxer bewegten: selbstorganisierte Protestbewegung und antiimperialistischer Abwehrkampf auf der einen Seite, religiöser Fanatismus, Verschwörungstheorien, Beschwörungszeremonien und ebenso pauschale wie mörderische Fremdenfeindlichkeit auf der anderen Seite. Diese Zwiespältigkeit sollte im Nachhinein Ausgangspunkt für völlig gegensätzliche Interpretationen der "Boxer" werden, die von scharfer Ablehnung durch prowestliche ReformerInnen in China bis zur glühenden Verehrung durch die Roten Garden der maoistischen Kulturrevolution reichen sollten.

Der politische Siedepunkt der Boxerbewegung wurde mit der Belagerung des Gesandtschaftsviertels in Peking Mitte des Jahres 1900 erreicht. Ein Bündnis aus acht imperialistischen Mächten, an dessen Spitze sich das Deutsche Kaiserreich zu setzen versuchte, marschierte daraufhin in China ein und führte einen offenen Kolonialkrieg auch gegen die kaiserliche Armee. Er endete mit der Unterwerfung Chinas und der Aufbürdung enormer finanzieller und politischer Lasten. Mit dieser so genannten "Strafexpedition" führte das junge Deutsche Reich seinen ersten 'richtigen Krieg' (von lokal begrenzten militärischen Auseinandersetzungen in den deutschen Kolonien abgesehen). Die Militärs zielten um jeden Preis auf Praxiserfahrungen und Orden ab. Sie suchten Schlachten, auch als es nichts mehr zu bekämpfen gab. Die AutorInnen weisen anhand verschiedenster Quellen nach, mit welcher Hemmungslosigkeit dabei vorgegangen wurde. Die mit ihrer Hauptstreitmacht 'zu spät' gekommenen Deutschen plünderten, brandschatzten und mordeten, "was das Zeug hielt".

Dieses Vorgehen war durch Kaiser Wilhelm II. geradezu eingefordert worden. In seiner "Hunnenrede" bei der Verabschiedung des Ostasiatischen Korps in Bremerhaven hatte er den viel zitierten Ausspruch getan: "Pardon wird nicht gegeben, Gefangene nicht gemacht". Reden wie diese verfehlten ihre Wirkung bei den Soldaten nicht und wurden in der deutschen Öffentlichkeit weitgehend gerechtfertigt. Mit Ausnahme der SPD und anderer linker Kräfte, die teilweise scharfe Kritik übten, produzierten die meisten Deutschen chinesenfeindliche Klischees und sahen sich in der Rolle der Zivilisierten.

Die HerausgeberInnen begründen im Vorwort, warum sie im Titel den Begriff "Kolonialkrieg" benutzen und nicht häufig verwendete Bezeichnungen wie Boxer-Aufstand,
-Rebellion oder -Expedition. Sie wollen damit den kolonialen Kontext der Ereignisse in den Vordergrund stellen und einen Vergleich mit anderen Kolonialkriegen ermöglichen. Letzteres bleibt leider aus. Dabei gäbe es möglicherweise Parallelen zum Maji-Maji-Krieg in Deutschostafrika wenige Jahre später. Die dortigen Aufständischen glaubten, durch ein heiliges Wasser und rituelle Praktiken unverwundbar zu werden. Dieser Glaube stellte sich zunächst als ebenso mobilisierend wie im Folgenden verhängnisvoll heraus. Bei den "Boxern" hatte der Glaube, durch Geister und ritualisiertes Kampfkunsttraining unverwundbar zu werden, ein ähnliches Ergebnis.

Ebenso wenig werden in dem Band Paul von Lettow-Vorbeck und Lothar von Trotha behandelt. Diese beiden Offiziere der China-"Strafexpedition" waren berüchtigte Protagonisten späterer Kolonialkriege und hätten einen biographischen Verbindungspunkt darstellen können. Schließlich wäre ergänzend zum Beitrag von Heike Frick über "Die Boxer im kulturellen Gedächtnis Chinas" ein Blick auf die heutige deutsche Erinnerungskultur spannend gewesen.

Ungeachtet dieser offenen Fragen bietet das Buch eine große Themenpalette und gute Detailstudien, etwa zum Widerstand gegen den deutschen Eisenbahnbau, zur umstrittenen Frage, wer eigentlich für den Tod des deutschen Gesandten Clemens von Ketteler verantwortlich war, zur internationalen Plünderung Pekings, zu den schauerlichen Feldpostbriefen deutscher Soldaten oder zur Sühnemission des Prinzen Chun nach Deutschland. Zudem ist der Band mit gut ausgewählten und reichhaltigen Illustrationen ausgestattet - lediglich die Umschlaggestaltung mit einem kolonialen Sammelbild wirkt etwas apologetisch.

Heiko Wegmann

306 | Nationalstaat und Panafrikanismus
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