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Editorial

Früher war alles besser

1968? Dutschke, Langhans, Obermaier? Gähn! Mag irgendjemand noch die alten Geschichten hören, gleich ob sie als selbstverliebte Anekdoten gealterter VeteranInnen oder als geifernde Anklage ihres Kampfes daher kommen? Wir jedenfalls nicht. Und so haben wir es bis zu dieser Ausgabe des Jahrganges 2008 geschafft, die Ziffernfolge "1968" zu vermeiden.

Doch nun können wir nicht mehr anders. Denn vor vierzig Jahren, im Herbst 1968, erblickte eine studentische "Aktion Dritte Welt" das Licht der Welt, die Sie bis heute unter anderem mit dieser Zeitschrift beglückt. Verzeihen Sie uns deshalb, wenn wir jetzt ein wenig über die guten alten Zeiten schwärmen. Etwa über den aufklärerischen Impetus der damaligen StudentInnen, deren Anspruch es war, ein "erschreckendes wie beschämendes Informationsdefizit zu stopfen", nämlich über die Welternährungskrise, die neokoloniale Ausbeutung der Dritte-Welt-Länder sowie die vornehmlich deutschen Interessen dienende Entwicklungspolitik. Das ist immer noch zeitgemäß, finden wir.

Die studentische Initiative, aus der bald das informationszentrum 3.welt hervorging, stieß in der hochpolitisierten westdeutschen Öffentlichkeit auf sensationelles Interesse. Im Oktober 1968 veröffentlichte die Wochenzeitung Die ZEIT einen "Sonderdruck für Aktion Dritte Welt" mit Beiträgen, die die StudentInnen ausgesucht hatten. Von solchen Medienpartnern können wir heute nur träumen... genauso wie vom Publikumszuspruch, den im November 1968 eine Podiumsdiskussion in der Freiburger Stadthalle fand. Ernst Bloch, Günter Grass, Erhard Eppler, Walter Leisler Kiep, Bahman Nirumand und Jürgen Horlemann diskutierten vor über 4.000 ZuschauerInnen über die Lage der Dritten Welt und die Notwendigkeit einer gerechten Entwicklungspolitik. Politische Unterstützung blieb angesichts solcher Aufmerksamkeit nicht aus, selbst die FDP wollte mit der Aktion Dritte Welt kooperieren. Hochfliegende Pläne wurden geschmiedet, man dachte gar an bundesweite Expansion: In mindestens acht anderen westdeutschen Universitätsstädten wurde nach Freiburger Vorbild eine "Aktion Dritte Welt", teils auch ein iz3w gegründet.

Soviel Erfolg rief Kritik auf den Plan. Der Freiburger SDS griff die seinerzeit reformistisch ausgerichtete Aktion Dritte Welt scharf an und bezeichnete sie als "Propagandawerkzeug der imperialistisch ausgerichteten deutschen Entwicklungspolitik". MitarbeiterInnen der ADW wandten sich ihrerseits gegen die "Revolutionseuphorie" und die "Guerillaromantik" der radikalen StudentInnen. Eine weitsichtige Position, wie sich in den 1970ern herausstellen sollte. Ironischerweise radikalisierte sich die Aktion Dritte Welt erst in Richtung Kapitalismuskritik, nachdem viele SDSlerInnen auf ihrem Marsch in die Institutionen gutdotierte Posten erobert hatten ...

Es gibt noch etwas, das früher besser war: die finanzielle Lage. 1969 berichtete die Aktion Dritte Welt, dass sie "großzügige Unterstützung finanzieller Art von öffentlichen Institutionen erhalten hat, die erfreulicherweise an keine politischen Bedingungen irgendwelcher Art gebunden war". Paradiesische Zustände! Heute ist die öffentliche Förderung auf bescheidene Beträge geschrumpft, Besserung ist nicht in Sicht. Die politische Unabhängigkeit der Aktion Dritte Welt und damit des iz3w ist hingegen geblieben, und zwar aufgrund der Aboeinnahmen und der vielen Spenden. Dafür ein herzliches Dankeschön!

Leider steht dem iz3w aber erneut ein existenzbedrohendes Defizit bevor. Die Abokampagne im letzten Jahr hat uns zwar viele neue AbonnentInnen, viele Spenden und viel Zuspruch beschert. Aber trotz radikalem Sparkurs reicht das nicht aus, die entfallene öffentliche Unterstützung zu kompensieren. Dabei würden wir unsere vielfältigen Aktivitäten gerne fortsetzen: Die vorliegende Zeitschrift, das internationalistische Archiv, die aufklärerische Bildungsarbeit, das tourismuskritische Projekt FernWeh, die vergangenheitspolitische Initiative www.freiburg-postkolonial.de und vieles mehr.

Deshalb möchten wir Ihnen ganz emphatisch zurufen: Schafft ein, zwei, drei, viele Neuabos! Spenden sind machbar, Frau Nachbar! Hoch das informationszentrum 3.welt!

die redaktion

PS: Wer jetzt ein Neuabo abschließt, bekommt eine attraktive Aboprämie (siehe S. 36).
Wer spenden möchte, kann dies zum Beispiel mit dem beigefügten Überweisungsvordruck tun.
Bis zu einem Betrag von 200.- Euro akzeptiert das Finanzamt einen Kontoauszug als
Nachweis für die Steuererklärung. Auf Wunsch sowie bei höheren Beträgen stellen wir gerne
eine Zuwendungsbestätigung aus.

PPS: Bei der Frankfurter Buchmesse können Sie uns persönlich kennenlernen. Und zwar am
Gemeinschaftsstand der Assoziation Linker Verlage (aLiVe), Halle 3.1. Standnr. A 170-176 und A-187.

PPPS: Das mit der FDP ist uns heute echt peinlich... nicht alles war damals gut

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