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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 309 | Arbeit macht das Leben schwer Dominic Johnson: Kongo. Kriege, Korruption und die Kunst des Überlebens

Dominic Johnson: Kongo. Kriege, Korruption und die Kunst des Überlebens

Brandes & Apsel, Frankfurt a. M. 2008. 212 Seiten, 19,90 Euro. Rita Schäfer: Frauen und Kriege in Afrika. Ein Beitrag zur Gender-Forschung. Brandes & Apsel, Frankfurt a. M. 2008. 520 Seiten, 39,90 Euro. Siehe auch: www.frauen-und-kriege-afrika.de

Leben im Krieg

Krieg wird üblicherweise mit Chaos, Instabilität und Ausnahmezustand in Verbindung gesetzt. Selten geht man von einer gegenteiligen Perspektive aus: Krieg als nahezu dauerhafter Zustand, als nachhaltige Organisationsform ökonomischer und auch sozialer Prozesse, die sich als stabiler erweist als der Frieden.

Das Buch des taz-Journalisten Dominic Johnson Kongo. Kriege, Korruption und die Kunst des Überlebens legt eine solche Sicht nahe. Er analysiert die Gründe für das ständige Wiederaufleben kriegerischer Gewalt und Rebellion in einem Staat, der seit der formalen Unabhängigkeit 1960 - und erst recht nach dem Fall des autokratischen Herrschers Mobutu 1997 - mehr Kriegsjahre als friedliche Zeiten durchlebte.

Die westlichen Medien waren mit bildreichen Antworten auf die Frage nach den Hintergründen der Kongo-Kriege schnell bei der Hand: Staatszerfall und Ausplünderung durch (ausländische) Konzerne, dunkle Mächte, die sich die Bodenschätze in einer Art Raubökonomie aneigneten, dazu mörderische Gewaltexzesse als Ausdruck des irgendwie vorzivilisierten Zustandes zahlreicher Ethnien, die sich im finsteren Herzen Afrikas in "selbstzerfleischenden Stammeskriegen" gegenseitig dahinrafften. Abgesehen von einigen Meldungen über den umstrittenen Militäreinsatz der UN-Mission Monuc, der kurzzeitig die Medien beschäftigte, schien der Kongo wie von einem Informationsloch verschluckt.

Mit einer detaillierten Beschreibung der Geschehnisse, beginnend mit dem Jahre 1613, als der Kongo als erstes Land Afrikas einen Botschafter im Vatikan akkreditierte, und endend mit den Kämpfen im März 2008, dringt Johnston tief in die Gesellschaft und auf die Hinterbühnen der Kriegsparteien ein. Er gewährt Einblicke, die er auf 23 Reisen in den Kongo über fast zwei Jahrzehnte gewonnen hat. Kolonialismus und Kalter Krieg, Misswirtschaft und Auslandsverschuldung, politische Eliten und rivalisierende Rebellenbewegungen, Identitätspolitik und religiöse Fundamente, internationale Diplomatie und regionale Kriegsökonomie, Kindersoldaten und Jugendmilizen, monoethnische Flüchtlingslager und politisch instrumentalisierte Nothilfe, das militärische Engagement von UN, EU, Frankreich, usw., die Rolle transnationaler Konzerne und Konzessionäre - dies sind nur einige Gegenstände der chronologischen Aufarbeitung der Ereignisse. Dabei werden nicht nur die Machtekstasen der regierenden Eliten verschiedener Epochen, sondern auch die der lumumbistischen Bewegung unter die Lupe genommen. Die fundamentalistisch-ethnischen Identitätspolitiken, derer sich die jeweiligen Kriegsführer bedienten, nimmt Johnson systematisch auseinander, ohne einer Ideologie Sympathie entgegen zu bringen.

Bald erscheinen die häufig als unfassbar bezeichneten ethnischen Vernichtungskriege und Genozide im Kongo den LeserInnen greifbar, wenn nicht geradezu schlüssig, als Konsequenz der Gewalttätigkeit des Staates, der dank Dauerpräsenz militärischer Gräueltaten bei gleichzeitig völliger Aufgabe jedweder sozialer Versorgung und Infrastruktur die Bevölkerung auslaugte, oft genug von einflussreichen Industrienationen abgesegnet. Der Aufbau lokaler Kriegsökonomien, die ständig miteinander fusionierten und wieder in neue Einheiten zerfielen, erschien trotz großer Verwundbarkeit als stabilere Systemvariante zur Sicherung des Überlebens, größer als die Hoffnung auf Papa Staat.

Eher knapp stellt Johnson dar, wie die Bevölkerung durch informellen Handel in der Willkür der Gewalt (über)lebte und welche zivilen Kräfte immer wieder friedliche Zukunftsperspektiven entwarfen. Die Übergriffe der Monuc, die Programme zur Entwaffnung von Milizen und das Versagen bei der Flüchtlingshilfe trugen leider nicht zur Stabilisierung friedlicher Ansätze im Kongo bei. Die mentale Zerrüttung weiter Teile der Jugend, die keinen Frieden und kaum eine andere Versorgungsstrategie als die der gewalttätigen Aneignung kennen gelernt hat, gehört nach wie vor zu den gesellschaftlichen Realitäten. All die beschriebenen Puzzlestücke stellen eine Gesamtstruktur der politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse im Kongo dar, die den Krieg trotz schlimmster Gräuel als vergleichsweise stabile Gesellschaftsordnung erscheinen lässt.

Eine wichtige Perspektive hat Johnson ausgelassen. Die Geschlechterverhältnisse im Kongo wurden durch die Kriegswirren in vielerlei Hinsicht erfasst. Rita Schäfer beschreibt in ihrem Buch Frauen und Kriege in Afrika, wie sich Maskulinitätskonzepte radikalisiert haben, wie die plötzliche Demobilisierung bei gleichzeitiger Perspektivlosigkeit eine Entmächtigung maskuliner Selbstbilder bewirkte, wie sexualisierte Gewalt die Rolle von Frauen in der Gesellschaft umdefinierte. Sie stellt in ihrem Überblickswerk für 15 Unabhängigkeits- und Bürgerkriege in Subsahara-Afrika erste Überlegungen zu genderspezifischen Dynamiken in der Folge von Krieg und Gewalt an. Sie thematisiert, wie Frauen die Kriege erlebten und mitführten, wie sexualisierte Gewalt verfestigt und in die psychosoziale Verfasstheit von Gesellschaften eingeschrieben wird, welcher Handlungslogik die Gewaltakteure folgen und wie Geschlechterdynamiken die Gewaltformen bestimmen.

Schäfer problematisiert damit einen blinden Fleck der Wahrnehmung auch von Nachkriegsgesellschaften, der Konflikte zwischen jungen und alten Männern, zwischen Warlords und KindersoldatInnen. Wobei die Gewaltformen, das betont die Ethnologin, keineswegs ein "afrikanisches" Phänomen seien. Konfliktbewältigungsprogramme und Versöhnungskommissionen haben diese zentralen Aspekte bisher kaum artikuliert. Ein überaus wichtiges Buch, das erhellende Einblicke in eine weithin unbeachtete Realität gibt. Wer Gewalt überwinden will, wird auf diese Sicht nicht verzichten können.

Martina Backes

309 | Arbeit macht das Leben schwer
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