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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 310 | Die Politik des Hungers Abbas Poya, Maurus Reinkowski (Hg.): Das Unbehagen in der Islamwissenschaft

Abbas Poya, Maurus Reinkowski (Hg.): Das Unbehagen in der Islamwissenschaft

Ein klassisches Fach im Schweinwerferlicht der Politik und Medien. transcript Verlag, Bielefeld 2008. 336 Seiten, 30,80 Euro.

Das Recht auf Orchideen | Das Unbehagen in der Islamwissenschaft

Als eines der unlösbaren Dilemmata des Menschen bestimmte Sigmund Freud, dass dieselben Institutionen, die das Überleben der Menschheit sichern, auch für ihre Unzufriedenheiten verantwortlich sind. Kultur kontrolliere Aggression und Gewalt, unterdrücke jedoch gleichzeitig libidinöse Leidenschaften. Die Menschen könnten ohne Kultur nicht leben, aber sie könnten in ihr nicht glücklich leben. Der Vater der Psychoanalyse ging dieser ambivalenten Conditio humana in seiner kulturtheoretischen Schrift "Das Unbehagen in der Kultur" (1929) nach.

Auch die Freiburger Islamwissenschaftler Abbas Poya und Maurus Reinkowski hat ein Unbehagen erfasst, wahrscheinlich ausgelöst durch den Umstand, dass ausgerechnet ihr Orchideenfach seit dem 11. September 2001 bevorzugtes Rekrutierungspool des Verfassungsschutzes ist. "Ein klassisches Fach im Scheinwerferlicht der Politik und der Medien" - so heißt der Untertitel des Sammelbandes Das Unbehagen in der Islamwissenschaft, in dem (mit wenigen Ausnahmen) vor allem die engagierte Generation von IslamwissenschaftlerInnen sich Gedanken über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Faches macht, die in den 1980er und 90er Jahren studiert hat.

Es ist die Post-"Orientalismus"-Generation, die Edward Saids Kritik an der westlichen Erfindung, Zurichtung und Beherrschung des "Orients" in Kultur, Wissenschaft und Politik aufgenommen und sich gleichwohl vom Said'schen Fundamentalismus emanzipiert hat. Sie weiß, wie Navid Kermani, wie absurd das "Ungetüm" Islamwissenschaft ist - man stelle sich nur das Pendant vor: ein einziges Fach, das die Religion, Kultur, Geschichte, Sprache, Literatur, Philosophie, Politik, Kunst, Wissenschaften etc. nicht nur der europäischen, sondern weltweit aller christlich geprägten Gesellschaften und Gemeinschaften zum Gegenstand hätte. Das Projekt hieße dann "Christentumwissenschaft" und würde dazu neigen, ihre Gegenstände irgendwie in einen Bezug zur Religion zu bringen. Oder sie verweigert sich, wie Reinkowski vorschlägt, der öffentlichen Erwartung, das Geheimnis des eigentlichen Orients, des Islam, zu erklären. Wer über Muslime spricht, muss nicht zwangsläufig über den Islam und den Orient reden.

Worin sich die AutorInnen des Bandes einig sind: Niemand trauert der traditionell theologischen und philologischen, mithin "orientalistischen" Ausrichtung der Islamwissenschaft nach. Und alle möchten den Anschluss an die historischen Sozialwissenschaften schaffen. Niemand will Nahoststudien, also area studies, betreiben, denn alle sehen, dass MuslimInnen auch in westlichen Gesellschaften angekommen sind. Aber angesichts der Erwartungshaltungen von Staat und Öffentlichkeit an die "Islamexperten" wünschen sich die heutigen IslamwissenschaftlerInnen ein Recht auf Orchideen, Irrelevanz und "relevante Redundanz", das heißt das Recht, auf seine Wissenschaftstraditionen zu beharren und eben nicht, auf jede Frage zum Islam eine passende Antwort zu liefern.

Das Unbehagen ist als somit weniger eines an, als in der Islamwissenschaft. Die AutorInnen dieses Bandes - etwa Birgit Schäbler, Ulrike Freitag und Ludwig Amman, aber auch Promis wie Udo Steinbach und Gudrun Krämer - können ohne die Islamwissenschaft offensichtlich nicht leben. Aber sie können in ihr nicht glücklich leben.

Jörg Später

310 | Die Politik des Hungers
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