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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 310 | Die Politik des Hungers Adalet Agˆaogˆlus: Sich hinlegen und sterben

Adalet Agˆaogˆlus: Sich hinlegen und sterben

Türkische Bibliothek, Unionsverlag, Zürich 2008. 512 Seiten, 22,90 Euro.

Sezierte Kindheit | Sich hinlegen und sterben

"Ich hätte nicht gedacht, dass man mit dem Tod ringen muss, wenn man sich zum Sterben hinlegt". Dieser Satz steht auf Seite 5 des Romans Sich hinlegen und sterben. Was folgt, sind 481 Seiten über die Dozentin Aysel, die in einem Hotelzimmer innerhalb von einer Stunde und 26 Minuten ihr Leben Revue passieren lässt. Adalet Agˆaogˆlus erster, stark autobiografisch geprägter Roman erschien bereits 1973. Sie gehört zur ersten Generation der Töchter der türkischen Republik, die bildungshungrig und auf der Suche nach Freiheit sind. Nach mehreren Theaterstücken und -kritiken beschließt sie, einen Roman zu schreiben, in dem "die Republik auf den Operationstisch" gelegt und analysiert wird. Das Hotelbett wird zum Operationstisch, auf dem Aysel die offizielle Ideologie ihrer Kindheit seziert.

Adalet Agˆaogˆlus gelingt es, im stetigen Wechsel der Erzählperspektiven und -zeiten einen facettenreichen Bogen zu spannen, der dreißig Jahre republikanische Geschichte umfasst. Die Kindheit von Aysel spielt - ähnlich wie bei der Autorin - in den 1930er Jahren in der anatolischen Provinz. Persönliche Erinnerungen werden mit türkischer Zeitgeschichte und internationalen Nachrichtenfetzen verbunden. Wie stand die Türkei zum Zweiten Weltkrieg? Wie war ihr Verhältnis zu den Amerikanern? Und immer wieder die Frage: Wie lässt sich das Weltgeschehen an den Errungenschaften des großen Atatürk messen? Die Türkei Atatürks wird dabei meist wie eine "Insel des Friedens und Fortschritts inmitten eines Blocks von hundert Millionen Freunden in der Fremde" beschrieben. Der Zweite Weltkrieg wird angesichts der Atatürk-Begeisterung betrachtet: "Frieden im Land, Frieden in der Welt (...) ich will nichts wissen vom Krieg. Weil aber dieser Hitler unseren Großen Atatürk nicht gekannt hat und nicht weiß, welch ein großer Verlust sein Tod für die Welt ist, zieht er alle in ein so großes Durcheinander hinein."

Aysel selbst stammt aus einfachen Verhältnissen und ist begierig zu lernen. Durch die Hilfe des Lehrers Dündar wird sie auf eine weiterführende Schule geschickt und studiert schließlich. Ihr Interesse an Atatürks freiheitlichen Ideen beschränkt sich vor allem auf den Zugang zu Bildung für Frauen, weniger an dessen postulierter Geschlechtergleichheit. So ist "Sich hinlegen und sterben" auch kein feministischer Roman, sondern ein Bildungsroman.
Aysels Blick auf die Situation der Frauen ist von einem grundsätzlichen Widerspruch geprägt - den kemalistischen Freiheitsversprechen und den Traditionen der Familie, denen sie gerecht werden will. Eine Affäre mit dem Studenten Engin ist schlussendlich eine Art Selbstversuch, mit dem sie sich selbst beweist, dass sie eine geistig und sexuell freie türkische Frau ist. Doch dies ist nur die offizielle Version.

Rosaly Magg

310 | Die Politik des Hungers
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