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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 310 | Die Politik des Hungers Es ist angerichtet. Vorerst behält die Hungerpolitik die Oberhand über Strategien gegen den Hunger

Es ist angerichtet. Vorerst behält die Hungerpolitik die Oberhand über Strategien gegen den Hunger

Seit fünfzig Jahren werden Konzepte ausprobiert, um die Ernährung der Weltbevölkerung zu sichern. Der Hunger hat aber erheblich zugenommen. Abgesehen von politischer Gewalt und Kriegen, die vielerorts für Nahrungskrisen mitverantwortlich sind, hat eine falsche Agrarpolitik die Misere erst verursacht. Gelernt wird daraus allerdings kaum.

von Martina Backes

Mitte der 1980er Jahre wurden Elendsbilder von den Hungerkatastrophen in afrikanischen Ländern über die Bildschirme gejagt. Verantwortlich war, laut schneller Analysen, eine zweijährige Dürreperiode. Das Ganze sei ein klarer Fall von rückständiger Wirtschaftsweise, die den Launen der Natur nicht gewachsen sei. Doch schon bald lieferten Lloyd Timberlake und Paul Harrison genauere Analysen. Timberlake zeigte 1985 in African Crisis und Harrison 1987 in The Greening of Africa, dass die Dürre längst vorhandene Krisen zum Eskalieren gebracht hatte. Die Ursachen waren keineswegs nur hausgemacht: Die Schuldenfalle (die jährliche Zuwachsrate des Schuldenbergs in Subsahara-Afrika betrug zeitweise 25 Prozent), eine daraufhin politisch verordnete Exportlandwirtschaft (die Tilgungsraten für Schulden verdreifachten sich und mussten mit Devisen aus Exporten finanziert werden) sowie die rasch folgenden Umwelt- und Armutskrisen hatten dem Hunger überhaupt erst zum Durchbruch verholfen. Damit machten die beiden Autoren falsche Entwicklungskonzepte und globale politische Interessen für den Hunger verantwortlich.

Auf verschiedene Analysen folgten verschiedene Gegenkonzepte. In den folgenden Jahren feierte die Grüne Revolution (1) auch in Afrika ihren großen Durchbruch. Flankiert wurde sie von Exportorientierung und Handelsliberalisierung. Dagegen setzten alternative Strategien auf lokale Selbstheilungskräfte. Ecofarming und standortgerechter Landbau sollten die kleinbäuerliche Wirtschaftsweise zur Versorgungsgrundlage des Kontinents erstarken lassen. Der Faire Handel sollte eine auf Selbstermächtigung und gerechte Entlohnung basierende Ökonomie zwischen Nord und Süd ermöglichen. Während sich mit der agrarindustriellen Nahrungsmittelproduktion und dem freien Handel die Lage noch verschlimmerte, konnten die Gegenkonzepte bestenfalls in kleinen Nischen eine bessere Welt schaffen.

Heute sehen die großen Linien so aus: Transnationale Konzerne und große Entwicklungsagenturen, die auf die Kombination von Freihandel und industrieller Landwirtschaft setzen, picken sich aus den alternativen Konzepten die Rosinen wie etwa Kleinkredite heraus. Im Zuge der jetzigen Ernährungskrisen hoffen sie auf einen Innovationsschub. Auf der anderen Seite hat sich die internationalistische Kritik am großindustriellen Agrarmodell hoch spezialisiert. Die Mehrzahl ihrer AkteurInnen setzen sich heute für die Abschaffung des Hungers einer ausgewählten, meist ländlichen Klientel ein. Der kritische Überblick über die Hungerdynamiken hat darunter gelitten.

 

Hilfe für satte Gewinne

Dass Produktionssteigerungen durch agroindustrielle Komplexe nicht die Lösung, sondern Teil des Problems sind, lehrt bereits ein Blick in die Geschichte. In Europa wuchsen seit den 1970 Jahren Zuckerhalden, Milchseen und Butterberge, die USA inszenierten sich dank überlaufender Getreidespeicher als Brotkorb für die Hungernden der Welt. KritikerInnen entlarvten die subventionierte Nahrungsmittelhilfe als Bahnbrecher für den Export eines kapitalintensiven Agrarsektors: während billige Nahrungsmittel aus der agroindustriellen Produktion, forciert durch den im Süden erzwungenen Abbau von Zöllen und Einfuhrbeschränkungen, dort die Märkte eroberten, wurde die tropische Landwirtschaft unrentabel. Philippinische Bäuerinnen und Bauern blieben auf ihrem Reis und kolumbianische ViehzüchterInnen auf ihrer Milch sitzen, während Exportförderprogramme des US-Landwirtschaftministeriums amerikanischen Reis auf philippinische Märkte brachten und Nestlé Milchpulver in Kolumbien verteilte. (2)

Entwicklungsprogramme schlugen in dieselbe Kerbe. Sie drängten Länder wie Kenia, Ghana und die Philippinen auf die Übernahme des kapital- und ressourcenintensiven Agrarmodells. Eine wirksame und dauerhafte Übernahmegarantie schien hier der Freihandel zu gewähren. Unterstützt wurde dieses Kombipaket zur Sicherung der Welternährung durch die Welternährungsorganisation FAO und ein Netz von 15 internationalen Agrarforschungsinstituten. Die Rechnung ging insbesondere für jene agroindustriellen Konzerne auf, die in der Wertschöpfungskette der Nahrungsmittelproduktion die Kontrolle der Produktionsmittel (Düngemittel, Pestizide, Saatgut und Landmaschinen sowie Landbesitz) auf sich konzentrierten oder den Transport der Agrarrohstoffe, ihre Veredelung sowie den Vertrieb in Supermarktketten monopolisierten.

 

Small is beautiful...

Doch machte diese Produktionsweise nicht nur mit Rekordernten Schlagzeilen, sondern auch durch ökologische Verwüstung. Nach einer ersten Welle öffentlicher Kritik (»Jute statt Plastik«) befürchteten die Grünen RevolutionärInnen Wachstums- und Akzeptanzgrenzen. Um Profite dauerhaft zu steigern, wurde in den 1990er Jahren das in Verruf geratene Modell großer Monokulturen diversifiziert und neue Tätigkeitsfelder erschlossen, ohne die alten aufzugeben. Wieder konnten die Konzerne sich auf ihre Helfer verlassen: EntwicklungsexpertInnen aller Lager dockten an das kritisch intendierte Konzept regional angepasster Landbewirtschaftung an. (3) Mit der Entdeckung der KleinbäuerInnen, die als HüterInnen angepassten Wissens rehabilitiert und zur Basis der nationalen Eigenversorgung hochstilisiert wurden, machten sich Entwicklungsprogramme auf, die Produktionsmittel dieser zuvor konkurrenzunfähig gemachten LandwirtInnen zu vereinnahmen.

Wurde mit den frühen Liberalisierungsrezepten der Abbau von Unterstützungsprogrammen für KleinbäuerInnen forciert, so wurde seit den 1990ern vermehrt die Förderung der Kleinen groß geschrieben. Allerdings entscheiden bis heute nicht die Bauern und Bäuerinnen, sondern Weltbank, USAID und EuropeAid über Formen und Ziele der Strukturhilfe. Kleinkredite, ohne die ein Großteil der ländlichen Bevölkerung nicht mehr aus der Armut aussteigen kann, erwiesen sich für viele inzwischen als Schuldenfalle. Zu den staatlichen Schulden kommen nun die privaten. Während der Anbau von Zucker, Kakao und Kaffee seit dem Kolonialismus als exportorientierte Plantagenwirtschaft die besten Böden okkupierte und die Arbeitskraft der Landbevölkerung verheizte, geschieht die Einbindung der Kleinbauern und -bäuerinnen in globale Wertschöpfungsketten nun über die Förderung von hochwertigen Agrarprodukten. Ob kenianische Rosen oder ruandische Buschbohnen: ständig erschließt die Agrarindustrie neue Verwertungsfelder.

 

... Kontrolle ist besser

Was zuvor von den Entwicklungsfinanzierern über Kreditkonditionen auf nationaler Ebene erzwungen wurde, nämlich die Umstellung von einer regionalen Versorgungswirtschaft auf agroindustrielle Erzeugung für den Fernexport, dringt nun im Gewand der Förderung der Schwachen bis in die letzten Refugien der Gesellschaft ein. Ein Beispiel dafür ist die neu gegründete Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika (AGRA). Einer ihrer Schwerpunkte ist ein satellitenbasiertes elektronisches Marktinformationssystem. Dieses Erfassungs- und Kontrollinstrument soll ein feinmaschiges Netz über den Kontinent spannen. Sicher ist, dass die Agrarmultis aus dem so generierten Wissen über Nahrungsmittelerzeugung und -verbreitung mehr Nutzen ziehen können als die hungernde Bevölkerung.

Auch das eine Milliarde Euro schwere Ernährungssicherungspaket der EU für die nächsten drei Jahre will den Zugang marginalisierter Regionen zu Produktionsmitteln verbessert, mittels Kleinkrediten. Der damit verbundene Aufbau eines Vermarktungsnetzes für Saatgut und Düngemittel vergrößert aber zugleich die Gefahr, die bis dato ignorierten oder marktunfähig gemachten LandwirtInnen ihrer Produktionsmittel zu entledigen. Denn der rechtliche Rahmen für die Erzeugung und den Handel von Nahrungsmitteln ist längst im Sinne der Anbieter von Dünger und Saatgut sowie der Abnehmer von Nahrungsrohstoffen geregelt: Produkte wurden standardisiert, Land wurde privatisiert, Saatgut patentiert, die Nachbaufähigkeit von Mais, Soja oder Hirse eingeschränkt oder durch Zertifizierungsstandards der privaten Saatgutindustrie zugespielt. Die Gesamtheit dieser Spielregeln entwertet die Fähigkeit vieler LandwirtInnen, Nahrung zu produzieren, indem ihr kollektives Wissen privatisiert und ihr Handeln illegalisiert wird.

In Kenia funktioniert das beispielsweise so: Die Regierung verabschiedete ein Gesetz, das ganz nach europäischem Vorbild Qualitätsprüfungen für die HerstellerInnen von Lebensmitteln einführt. Auch lokale ErzeugerInnen von Nahrungsmitteln haben nun umgerechnet 50 Euro für alles zu zahlen, was sie im kleinen Nachbarladen verkaufen wollen. Wer sich die Gebühren für die Prüfmarke der Qualitätssicherung nicht leisten kann, darf nicht vermarkten. Die Strafen bei Nichteinhaltung dürften hart ausfallen. Die ländliche Bevölkerung mit ihren bislang ganz eigenmächtigen Strategien der Nahrungsbeschaffung wird so noch verwundbarer.

 

Verzettelt im Detail

Gegenüber der Synergie von Freihandel, rechtlicher Verregelung und transnationaler Agrarindustrie liegt ein Schwachpunkt vieler Gegenkonzepte darin, sich an den einzelnen Ursachen des Hungers zu verzetteln. Fairer Handel, VerbraucherInnenschutz, Menschenrechtslobbyismus und Globalisierungskritik: sie alle weisen in ihren Ansätzen Blindstellen auf, die sich zu einer gemeinsamen Schwäche verdichten.

Nehmen wir den Fairen Handel. Sein Erfolgskonzept, das unlängst auch bei Lidl Einzug halten durfte, hat zunehmend den Nebeneffekt einer entpolitisierenden Wirkung. Mit Bildern glücklicher ErntepflückerInnen auf der Verpackung der Fairprodukte wird das Bedürfnis kaufkräftiger KonsumentInnen bedient, an eine naturharmonische Lebensweise ihrer ProduzentInnen zu glauben, die das Gute bewahren, während der böse Zwischenhandel ausgeschaltet scheint. Dies ist nur ein Mosaiksteinchen von vielen, die eine umfassende herrschaftskritische Sicht auf den globalen Agrarindustriekomplex behindern.

Ein weiteres ist der pauschale Widerwille gegen jede Form der Technisierung, weshalb die Bauern und Bäuerinnen auf den Spendenaufrufen der großen Hilfswerke noch immer dem Ackergaul hinterherlaufen. Der romantische Blick auf hilfsbedürftige kleine Bauern und Bäuerinnen idealisiert immer wieder das mühsame Leben auf dem Lande oder essentialisiert die Rolle der Frauen als ErnährerInnen. Umgekehrt sorgten die Vorbehalte gegen diese ökokonservativen Konzepte für einen Rückzug aus der Kritik an den falschen Produktionsbedingungen des Agrarregimes. Die Missbilligung patriarchaler Strukturen auf dem Lande und der harten physischen Arbeit mündet gelegentlich sogar im Stigma der ‚Idiotie des Landlebens’. Diese Perspektive verkennt ihrerseits, dass gerade die Lohnarbeit in den Städten immer prekärer wird und sich viele SlumbewoherInnen zurück aufs Land sehnen.

Der Verbraucherschutz-Ansatz hat es geschafft, das Interesse der KonsumentInnen in den Industrieländern vornehmlich auf die eigene Gesundheit zu richten. Über Skandale wie BSE, verseuchte Babynahrung oder gentechnische Verunreinigungen werden sie an die Schwächen der agroindustriellen Nahrungsmittelerzeugung erinnert. Diejenigen, die sich vor der eigenen Haustüre aus Müllcontainern versorgen, oder die alten, armen und papierlosen Menschen mit ihrer rationierten »Versorgung« haben hingegen keine skandalisierungsfähige Lobby. Auch das ist ein Grund dafür, warum die globale und soziale Dimension des Hungerproblems erst einmal von der Bildfläche verschwand.

Die VerfechterInnen des Menschenrechtes auf angemessene Nahrung versuchen das zu ändern. Ihr Einsatz für die Einklagbarkeit dieses Rechtes erzielt im Einzelfall beachtliche Erfolge. Doch ihre ebenso kleinteiligen wie mühsamen Klagen verzetteln sich immer mehr an Exportsubventionen, Schutzzöllen und dergleichen »Ungerechtigkeiten«. Ihre Protestaktionen werden zwar gehört, und gelegentlich greifen staatliche AkteurInnen zu lokal wirksamen Gegenmaßnahmen. Doch der Streit darum, wer Zölle und Subventionen, Abnahmegarantieren und Exportförderungen erheben darf und wer nicht, absorbiert enorme Energien. Eine weitere Schwäche dieser Lobbyarbeit ist der Fokus auf gerechte Erzeugerpreise. Die bevorzugten Schützlinge sind Kleinbauern und -bäuerinnen, schließlich machen sie fast 80 Prozent der Hungernden weltweit aus. Für die wachsende Zahl der städtischen Armen sind »gerechte« Erzeugerpreise jedoch keine Lösung.

Der Effekt all dieser Spezialdebatten: Der Blick auf die Ursachen und Auswirkungen von Hunger bleibt in den letzten Jahren Konjunkturen unterworfen, ohne die Verdichtung von Gewalt-, Ausbeutungs- und Abhängigkeitsverhältnissen in der Landwirtschaft als Gesamtheit zu erfassen. Symptom des auf offensichtliche Krisen fixierten Blicks ist eine nach Bösewichten suchende moralische Entrüstung, heute über die Spekulanten, gestern über die Lidls und Müllers, und am nächsten Tag über die aufsteigenden Mittelklassen, die in den Schwellenländern durch ihre Lust auf Fleisch die Krise beschleunigen.

Recht ohnmächtig schauen die Gegenkonzepte, die sich an der Frage des richtigen und falschen Produzierens und Handelns abarbeiten, auf die soziale Dimension der globalen Ernährungskrise. Letztere zeigt sich in der Situation der landlosen LandarbeiterInnen und mittellosen StädterInnen. Die lauten Hungerrevolten in den Metropolen von über 30 Ländern, die 170.000 stillen Selbstmorde indischer LandarbeiterInnen in den letzten fünf Jahren und die Morde an AktivistInnen der Landlosenbewegung verweisen auf diese Dimension.

 

Stadt und Land entrechtet

Es wird immer soziale Gruppen geben, die ihre eigene Versorgung nicht realisieren können, weil der Markt für sie keine Teilnahmemöglichkeit vorsieht. Umso härter trifft es sie, wenn sozialen Sicherungssystemen, ob staatlicher oder anderer Herkunft, aufgrund ihrer Marktuntauglichkeit die Existenzberechtigung entzogen wird. So lag es nicht zuletzt an der schlechten Ausstattung des in Indien lange gelobten Public Distribution Systems, dass der Hunger nicht mehr aufzuhalten war. Dieses Netz aus landesweit 489.000 subventionierten Läden, das die Ärmsten der Armen mit günstigen Lebensmitteln versorgen soll und als wichtiges Element indischer Ernährungspolitik gepriesen wurde, verkaufte zuletzt stellenweise gerade mal ein Viertel der Getreidemengen, die es offiziell hätte umverteilen sollen (der Rest wanderte auf den freien Markt). Prompt empfahl die Weltbank 2004, ein solches System »sei nicht länger tragbar«. Vor zwei Monaten lieferte sie dazu eine Kosten-Nutzen-Analyse. Hinter dem Effizienzcheck verbirgt sich das Ziel der Verschlankung öffentlicher Ausgaben. Aus der Perspektive der AgrarökonomInnen muss sich auch der Hunger der Marginalisierten rechnen.

Zu Hunger führt auch die Vertreibung von Menschen, die keine Rechtstitel auf den von ihnen bewirtschafteten Boden vorweisen können. Viele von ihnen arbeiten dennoch in der Landwirtschaft. Die Ausbeutung migrantischer Landarbeit betrifft als Strukturmerkmal der agrarindustriellen Produktion mittlerweile eine halbe Milliarde Menschen. Dazu gehören indonesische ErntehelferInnen in malaiischen Palmölplantagen, westafrikanische Hilfskräfte in andalusischen Gewächshäusern, ukrainische SpargelstecherInnen in Polen und polnische ErdbeerpflückerInnen in deutschen Biolandbetrieben. Viele können ihre eigene Ernährung nicht bezahlen, andere tätigen – wenn sie es vermögen – Rücküberweisungen an ihre verarmten Familien und federn damit das Leid ab, das durch die neoliberale Politik in ihren Ländern verursacht wurde.

Derweil werden die »hungerleidenden Massen« als Bedrohung für den Wohlstand der Industrieländer wahrgenommen. Die nicht zuletzt vor diesem Szenario freigesetzten Gelder für Ernährungsprogramme werden als humanitäre Geste verantwortlicher Geber ausgegeben. Suppenküchen und Nothilfepakete sind zwar leider unverzichtbar, doch sie sind auch die Kehrseite der Medaille agrarkapitalistischer Akkumulation. Mit den derzeit geschnürten Hilfspaketen der internationalen Gemeinschaft werden nämlich gerade jene AkteurInnen hofiert, die diese Gewaltverhältnisse mit zu verantworten haben.

 

 

Anmerkungen:

(1)
Während der so genannten Grünen Revolution der Landwirtschaft ab den 1960ern wurden Ertragssteigerungen durch den Einsatz von künstlicher Bewässerung, Pestiziden, Düngemitteln, Hochertragssorten und Monokulturen realisiert. Dadurch wurde die Regenerationskraft der Böden zerstört, die Wasserreserven angezapft, Land privatisiert, Wald gerodet und Arten vernichtet.

(2)
Zuerst wurden in Kolumbien die Milchpreise durch den Import des vom Schweizer Konzern Nestlé hergestellten Milchpulvers in den Keller getrieben. Dann schloss Nestlé mit den kolumbianischen Milchbauern Abnahmeverträge. Um diese einhalten zu können, mussten sie in die Kühl- und Transportsysteme sowie größere Viehbestände investieren. Bald schon zog Nestlé nach Venezuela weiter. Die kolumbianischen Milchbauern hatten sich und die Umwelt ruiniert, ohne Milch verkaufen zu können.

(3)
Vgl. AgrarBündnis e.V. (Hg) (2008): Der kritische Agrarbericht, München.

 

 

Martina Backes ist Mitarbeiterin im iz3w.

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