Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 310 | Die Politik des Hungers Cajo Brendel: Die Revolution ist keine Parteisache

Cajo Brendel: Die Revolution ist keine Parteisache

Ausgewählt und herausgegeben von Andreas Hollender, Christian Frings und Claire Merkord. Unrast Verlag, Münster 2008. 320 Seiten, 18,- Euro.

Die Revolution ist keine Parteisache

Der im vergangenen Jahr verstorbene Cajo Brendel war der letzte große Vertreter der holländischen Schule des Marxismus. Diese heute allgemein als Rätekommunismus bekannte, dissidente Strömung der Arbeiterbewegung ist vor allem durch die beiden niederländischen Theoretiker Anton Pannekoek und Herman Gorter begründet worden. Cajo Brendels Denken ist folglich auch durch die Theorien dieser Beiden maßgeblich geprägt worden. Noch im hohen Alter reiste Brendel umher und pries unerschütterlich die Ideen des Rätekommunismus. Nun ist im Unrast-Verlag, als Band 2 in der Reihe Dissidenten der Arbeiterbewegung, eine Sammlung von Texten von und über Cajo Brendel erschienen.

Neben Nachrufen und persönlichen Erinnerungen von Wegbegleitern wie Henri Simon, Geert und Dik van der Meulen sowie Marcel van der Linden finden sich einige kleinere autobiographische Texte von Cajo Brendel. Den Schwerpunkt bilden aber, natürlich, die politischen Texte. Diese zentrieren sich, und dies macht zugleich die Essenz des Rätekommunismus aus, um zwei Punkte: Einerseits die Kritik an den etatistischen Strömungen der Arbeiterbewegung, sei es nun sozialdemokratischer, leninistischer oder maoistischer Spielart, und anderseits die Betonung der autonomen Kämpfe der Arbeiterklasse, jenseits von Gewerkschaft und Partei.

Als Beispiele für die Kritik am Etatismus sind etwa die Texte "N. Lenin als Stratege der bürgerlichen Revolution" und die "Thesen über die chinesische Revolution" abgedruckt, in denen Brendel ausführt, dass die Umwälzungen in Russland und China nur die historisch notwendigen Voraussetzungen für die kapitalistische Entwicklung dieser unterentwickelten Länder schufen. Die Kommunisten dort waren also nur die unfreiwilligen Wegbereiter des Kapitalismus. Demgegenüber stellt Cajo Brendel die Kämpfe der Arbeiterklasse in den Metropolen, in denen sich die Kämpfenden selbsttätig die Organe ihres Kampfes schaffen, die schon auf die Organisation der befreiten Gesellschaft hindeuten: die Räte. Diese Organisationsform bedeutet die umfassende Selbstverwaltung und Selbstbestimmung aller Lebensbereiche durch diejenigen, die davon betroffen sind. Also die Verwaltung der Fabriken durch die ArbeiterInnen, die Stadtteile durch ihre BewohnerInnen usw.

Diese antiautoritären Überlegungen, die fatale Entwicklungen wie im "Realexistierenden Sozialismus" vermeiden sollten, waren die historische Leistung des Rätekommunismus. Seine Schwächen bringt Marcel van der Linden zur Sprache: "Cajos Weltbild war [...] recht mechanistisch. Der Marxismus habe klare Gesetze für die menschliche Geschichte formuliert, denen niemand, mit welcher kollektiver Kraftanstrengung auch immer, entkommen kann. Die Folge dieser Einseitigkeit war, dass seine Analysen niemals überraschten. Wer sein theoretisches Muster kannte, konnte Cajos Standpunkte zu zahllosen Fragen voraussagen. Nicht zufällig wies er regelmäßig darauf hin, dass sich seine Auffassungen seit den späten dreißiger Jahren nicht mehr geändert hätten."

Phänomene wie die Herausbildung des Wohlfahrtstaates und die Entstehung der Kulturindustrie sind von den Rätekommunisten nicht mehr in den Blick genommen worden. Auch zum Verständnis des Nationalsozialismus konnten sie nichts Substantielles beitragen. Es blieb anderen dissidenten Strömungen, wie der Kritischen Theorie oder den Situationisten, vorbehalten, dafür Erklärungsansätze zu bieten. Trotzdem bleiben die rätekommunistische Kritik an Staat, Parteien und Gewerkschaften und das Beharren auf einer basisdemokratischen Alternative die Grundlage für jeden ernsthaften Versuch, die Gesellschaft der Freien und Gleichen zu errichten. In diesem Sinne bietet das Buch wertvolle Grundlagen.

Anton Harper

310 | Die Politik des Hungers
Cover Vergrößern