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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 310 | Die Politik des Hungers Vera Chirwa: Fearless Fighter

Vera Chirwa: Fearless Fighter

An Autobiography. Zedbooks, London 2008. 216 Seiten, 12,99 £ (Paperback).

Die Löwenbändigerin - Fearless Fighter

Die 1932 geborene Menschenrechtsaktivistin Vera Chirwa war die erste schwarze Anwältin Malawis. Sie verkörpert den Kampf gegen die Kolonialisierung, gegen die Ungerechtigkeit. Ihre Geschichte steht für die Unerbittlichkeit Menschenrechte einzufordern, besonders für Frauen und für Gefangene, auch auf Kosten des eigenen Lebens oder der eigenen Familie. Ihr Mann, der Unabhängigkeitskämpfer Orton Chirwa starb 1992 im jenem Gefängnis, in dem sie selbst zwölf Jahre eingesperrt war. Vera Chirwa, die Frau, die dem gefürchteten Diktator Hastings Kamuzu Banda die Stirn bot und bis heute kämpft, hat jetzt ihre Geschichte in der packenden Autobiografie Fearless Fighter erzählt.

Es ist gerade dunkel geworden am Weihnachtsabend 1981 auf der schmalen sambischen Landstraße, auf dem der Wagen der Chirwas seinen Weg zu einem politischen Treffen auf einer Farm an der Grenze zu Malawi sucht. Plötzlich versperrt ein Auto den Weg. Ein Mann reißt die Tür auf: "Jetzt haben wir euch!" Andere kommen aus den Büschen. Sie ziehen Vera, Orton und ihren Sohn aus dem Wagen und schlagen auf sie ein, nehmen ihnen alle Wertsachen ab. Als sie Vera das Armband abreißen, bricht ihr Schultergelenk. Sie denkt, sie seien in die Hände von Räubern gefallen. Doch es ist die Geheimpolizei des malawischen Diktators Banda. Banda, der seinen Feinden droht, sie den Krokodilen zum Fraß vorzuwerfen, wird wegen seiner dunklen Stimme auch der ‚Löwe von Malawi' genannt. Ihn hatten die Chirwas herausgefordert. Zwölf Jahre würde er fortan versuchen, ihren Willen zu brechen.

Glücklicherweise wurde Vera Chirwa Willensstärke in die Wiege gelegt: Ihr Vater arbeitet als Arzt, die Mutter als Lehrerin - politisch progressive Menschen, die den Rassismus nicht widerspruchslos hinnehmen und alles tun, damit Vera eine höhere Schule besuchen kann. Unkonventionell für diese Zeit. Noch unkonventioneller ist, dass sie sich in ihren Lehrer verliebt und ihn heiratet - weil er ihr verspricht, dass sie studieren kann. Orton Chirwa imponiert ihr wegen seines Strebens, Malawi aus der kolonialen Unterdrückung der Briten zu befreien. Er wird zum Freiheitskämpfer für die Unabhängigkeit, zuerst als Anwalt während der Dekolonialisierung, dann als Justizminister in der neuen Republik. Doch obwohl er selbst die Regierungspartei gründet und den Präsidenten Banda installiert, wird er diesem schnell unbequem und muss 1964 nach zwei Mordversuchen fliehen.

Im Exil in Tansania gründet er 1977 die Untergrundbewegung MAFREMO (Malawi Freedom Movement). Das wird den Chirwas zum Verhängnis.
Vera und Orton werden des Hochverrats angeklagt, weil sie nach Malawi gekommen seien, um den Diktator zu ermorden. Kein Wort davon, dass sie aus Sambia entführt wurden. Obwohl wegen eines Kapitalverbrechens angeklagt, erhalten sie keine Anwälte und verteidigen sich selbst, gegenseitig. Ein unfairer Prozess: Ein Traditionalgericht mit Laienrichtern und einzig Zeugen der Anklage, die überwiegend Polizisten sind, spricht sie schuldig und verurteilt sie zum Tode: "Es war wie eine Inquisition. Es gab keinen Beweis für unsere Schuld." Doch nutzen sie den Prozess als politische Agitationsfläche, um den Malawis, die ihn vor dem Gerichtsgebäude verfolgen, die Wahrheit zu sagen. Sie überführen die Polizeizeugen der Lüge.

Ihr ungebrochener Wille hilft Vera durch die harten Jahre der Gefangenschaft, in denen sie körperliche und seelische Qualen erdulden muss: "Wir waren monatelang Tag und Nacht an Händen und Füßen gefesselt in Isolationshaft." Über Jahre werden ihr im Hochsicherheitsgefängnis weder Buch noch Stift, noch Kontakt zur Außenwelt erlaubt. Dass die Todesstrafe 1984 in lebenslange Haft umgewandelt wird, erfährt sie es erst viel später. Zu diesem Zeitpunkt ist ihr Mann, den sie nur noch zweimal sehen durfte, bereits tot in seiner Zelle aufgefunden worden. Die Todesursache ist bis heute nicht geklärt.

Ihre Tapferkeit lässt sie zuerst an andere denken. Als ein von Orton rausgeschmuggelter Brief das Internationale Rote Kreuz alarmiert, das 1990 eine Delegation schickt, erzählt sie nichts von der Folter aus Solidarität zu den Wärterinnen, die dafür bestraft worden wären: "Das Gefängnis als Ganzes war das Problem und nicht das Fehlverhalten einzelner Wärter."

Erst als sie am 24. Januar 1993 aus humanitären Gründen freigelassen wird, erfährt sie, "wie Amnesty International sich unermüdlich für unsere Befreiung einsetzte und die Briefe ihrer Mitglieder das Büro von Banda über Jahre überschwemmten." Doch als ihr Amnesty aus Sorge vor einem erneuten Übergriff eine Stelle in Genf anbietet, lehnt sie ab: "Ich hatte den Auftrag, die Malawis über ihre Rechte aufzuklären. Der Kampf für Gerechtigkeit führt mich durchs Leben und im Gefängnis habe ich mir geschworen, falls ich rauskommen sollte, werde ich mein Leben den Malawis widmen."

Aus dieser Überzeugung gründet sie "CARER" (Malawi Center for Advice, Research and Education on Rights), eine Rechtshilfe-Initiative, die "Paralegals" ausbildet, die wiederum auf dem Lande die Menschen über ihre Rechte aufklären - über die Verfassung, Arbeiter- und Frauenrechte. Außerdem stellt die Initiative jedem Gefangenen eine/n AnwältIn zur Seite, der oder die es sich nicht leisten konnte. Nachdem "CARER" seit ein paar Jahren nicht mehr von US AID unterstützt wird, ist diese so notwendige Instanz schwächer geworden. Die Konsequenzen sind heute bitter spürbar. Bei einem Besuch in einem der umstrittensten Gefängnisse in Malawi, dem "Maula Prison", in Lilongwe wissen die jugendlichen Häftlinge nicht einmal, dass ihnen ein/e AnwältIn zusteht. Auch das Recht auf ausreichend Nahrung, einen würdigen Schlafplatz und einen angemessenen Hygienestandard kennen sie nicht. Sie schlafen auf einer Wolldecke auf dem Betonboden, Körper an Körper, 120 Gefangene einer Großraumzelle. Auf engstem Raum gedeihen hier rasant Krankheiten wie Tuberkulose und Krätze sowie das HI-Virus.

Von der Tageszeitung Malawi Nation wird Vera 2003 zur Frau des Jahres gewählt. Da ist der Diktator bereits seit zehn Jahren nicht mehr an der Macht und seit sechs Jahren tot. Sie hat sich nicht von dem "Löwen von Malawi" einschüchtern lassen und sie hat ihn überlebt. Doch Bitterkeit ist es nicht, die Vera nach den Jahren in Gefangenschaft, dem Tod ihres Mannes und dem Zerreißen ihrer Familie erfüllt. Bei der Einweihung des Memorials für den Diktator - ein pompöser Ausdruck überflüssigen Luxus in einem der ärmsten Länder der Welt - sagte sie vor einem Jahr: "Ich habe ihm schon vor langer Zeit verziehen. Lasst Vergangene vergangen sein."

Pamo Roth

310 | Die Politik des Hungers
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