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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 312 | Kollaborateure in der 3. Welt Christian Büschges / Guillermo Bustos / Olaf Kaltmeier (comp.): Etnicidad y poder en los países andinos

Christian Büschges / Guillermo Bustos / Olaf Kaltmeier (comp.): Etnicidad y poder en los países andinos

Corporación Editora Nacional, Quito 2007. 296 Seiten. Cornelia Klinger/ Gudrun-Axeli Knapp/ Birgit Sauer: Achsen der Ungleichheit. Zum Verhältnis von Klasse, Geschlecht und Ethnizität. Campus, Frankfurt/ New York 2007. 290 Seiten, 29,90 Euro.

Zwei Lektüren zum ethnischen Paradigma

Seit den 1980er Jahren sind indigene Vorstellungen immer weiter in das Zentrum des politischen Denkens in Lateinamerika gerückt. In Fragen der politischen Aushandlung, territorialer Kontrolle, Partizipation und Repräsentation sind indigene Organisationen vor allem im Andenraum heute nicht mehr weg zu denken.
Eines der interessantesten Bücher zu diesem Themenfeld ist der spanischsprachige Sammelband Etnicidad y poder en los países andinos, den Bielefelder Wissenschaftler gemeinsam mit der Andinen Universität Simón Bolívar in Ekuador zusammengestellt haben. Bereits der Titel (»Ethnizität und Macht in den Andenländern«) verweist auf einen kritischen Zugang. Mit einem auf Foucault zurückgehenden Machtbegriff behandeln die Texte Formen der Herrschaft und des sozialen Widerstandes, symbolische und politische Diskurse und Repräsentationen, soziale Praktiken und den »Einsatz« des Raumes. Eine weitere, die Autoren verbindende Annahme ist, dass für sie Ethnizität sozial konstruiert, historisch verortet, variabel und relational ist. Sie vertreten also einen nicht-essenzialistischen Ethnizitätsbegriff.
Eine Erkenntnis aus diesem Buch ist: Ethnizität kann nur in Verbindung mit und durch Macht existieren. Das »ethnische Paradigma«, so schreiben die Herausgeber in der Einleitung, habe die Bildung der Nationalstaaten des andinen Amerikas von Anfang an begleitet. Dies seien stets Prozesse der Ethnisierung und De-Ethnisierung gewesen, die sich in die soziale Ordnung einschrieben und immer Gegenstand politischer Aushandlung waren.
Das Buch ist in sechs Kapitel gegliedert. Kapitel I besteht aus drei Aufsätzen, die sich konzeptuell mit dem Ethnizitätsbegriff auseinandersetzen: als politische Ressource, in Verbindung mit Klasse und als »Ethnisierung von Politik«. Das zweite Kapitel beleuchtet die historische – leider nur ekuadorianische – Dimension von Gleichheit, Populärkultur, Hispanisierung der »öffentlichen Erinnerung« und Staat.
Kapitel III bietet Beiträge über Ethnizität und sozialen Protest in Bolivien, Kolumbien und Ekuador. In Kapitel IV beschäftigen sich vier Autoren mit den Erfahrungen indigener Bewegungen im Kampf um politische Inklusion und Partizipation. Diese beiden Kapitel haben große politische Aktualität. Sie stellen die Ethnisierung von Politik als Herausforderung der weißen und mestizischen Hegemonie heraus. Die Rolle der »ethnischen Selbstverwaltung« von Gemeinden wird dabei kritisch betrachtet, sie wird als Prinzip andinen Regierens im Neoliberalismus interpretiert. Im letzten Kapitel geht es um die Bedeutung religiöser Organisationen – an den Beispielen der Salesianer und der Heiligenverehrung – für indigene Bewegungen und Ethnizitätskonstruktionen in Ekuador.
Der Band bietet einen sehr guten Einblick in die Ethnizitätsdebatte und eine spannende kritisch-konstruktivistische Analyse indigener Bewegungen im Andenraum, die mit empirischen Informationen angereichert wird.
Ethnizität zu beforschen ist kompliziert. Denn es müssen auf Grundlage eines nicht-essenzialistischen Grundverständnis AkteurInnen beschrieben werden, die sich entweder selbst radikal essenzialistisch als ‚Indigene’ konstruieren oder die von anderen als solche konstruiert werden, etwa vom Staat. Das aus einem ganz anderen Forschungskontext entstandene Buch Achsen der Ungleichheit tritt auf seine eigene Weise aus diesem Dilemma heraus und ist eine gute Ergänzung zu dem Andenbuch. Seine Erkenntnisse zieht es aus den Themenfeldern Migration und Globalisierung, europäische Integration und Geschlechterforschung.
»Achsen der Ungleichheit« verschränkt den Ethnizitätsbegriff mit zwei weiteren Dimensionen von Differenz: Klasse und Geschlecht. Den Herausgeberinnen ist daran gelegen, mit dem Band die derzeitige »Öffnung von Horizonten« innerhalb der Sozialwissenschaften und die verstärkte Reflexion auf die »Sichtschatten« überkommener Gewissheiten gesellschaftlicher Wirklichkeit einzufangen. Die Nation ist für die Sozialwissenschaften dabei nicht mehr der zentrale Bezugsrahmen für soziale Ungleichheiten. Diese Relativierung von Ethnizität (sowie der anderen Dimensionen Klasse und Geschlecht) und das zueinander in Bezug setzen verhindert den essenzialisierenden Blick, kann aus dem Buch gefolgert werden.
Den Auftakt bildet der Artikel von zwei Herausgeberinnen über das Verhältnis von Klasse, Geschlecht und Ethnizität, in dem auch die Begriffe Ethnizität und »Rasse« voneinander abgegrenzt werden. Die folgenden 14 Aufsätze problematisieren vor unterschiedlichen theoretischen Hintergründen die Verwobenheit von Männlichkeit, Ethnizität und Klasse, die historische Perspektive der Herausbildung von Nation, Ethnizität, Klasse und Geschlecht. Andere Beiträge befassen sich mit räumlichen Exklusionsprozessen, mit Bevölkerungspolitik in China und Indien sowie mit ethnischen Differenzierungen und Geschlechterverhältnissen im Postfordismus.
Herausragend sind zwei Beiträge. Sabine Hark kritisiert sozialwissenschaftliche Praktiken, die mit ihren Kategorien und Klassifikationen soziale Wirklichkeit immer auch mitkonstruieren. Die »Wörter und Namen«, die die Soziologie für soziale Wirklichkeit finde, seien eingebunden in gesellschaftliche und politische Kämpfe um Sichtbarkeiten, also alles andere als neutral. Dies macht sie beispielhaft an »Überflüssige« genannten Menschen deutlich, die in Prekarität marginalisiert und stigmatisiert leben. Der soziologische Diskurs laufe Gefahr, durch solche Klassifikationen Ungleichheiten ungewollt zu befördern. Hark fordert deshalb konsequente soziologische Selbstreflexion, inwiefern sich Forschende innerhalb politisch umkämpfter Wahrnehmungsfelder befinden.
Thomas Schwinn erklärt die Ungleichheitsdimensionen Klasse, Ethnie und Geschlecht mit den Verteilungs- und Machtprozessen staatlicher, aber auch informeller Institutionen. Über sie seien die wichtigsten Machtressourcen wie Distinktionskompetenz, politische Macht und ökonomische Chancen gesteuert. Für Schwinn sind es einerseits zwar vor allem Institutionen, die Differenz sozial produzieren und über ihren Zugriff auf den Lebenslauf der Einzelnen Strukturen der Ungleichheit erzeugen. Andererseits seien gut funktionierende, formale und differenzierte Institutionen auch ein Weg, um Zuschreibungen und Diskrimminierungen zu entgehen – nur sie könnten Gleichheitswerte durchsetzen. So treffen sich Klassen-, ethnische und Geschlechterlage in jedem Individuum.

Simón Ramirez Voltaire

312 | Kollaborateure in der 3. Welt
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