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Editorial zum Dossier

Gender und Krieg

"Sie zwangen mich zu töten - Afrikas verlorene Kinder" nennt der Droemer Verlag ein Buch über KindersoldatInnen, "Feuerherz" ein weiteres. "Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr - mein Leben als Kindersoldatin" heißt das Pendant bei Ullstein. Bücher über KindersoldatInnen gehören zu den wenigen verkäuflichen Lektüren über die schlimmsten Kriegsregionen. Die Titel packen die LeserInnen mit Bildern über Unschuld und Schuld. Schließlich gelten Kinder als besonders verwundbare Wesen, und tötende KindersoldatInnen wecken ob der Unmenschlichkeit der Verbrechen und des Verlustes ihrer Unschuld offensichtlich mehr Interesse als tötende Militärs.

Gleich nach den Kindern kommen die Frauen. Bei den Verlagsprogrammen sind exotische Geschichten von Heldinnen, meist dunkelhäutigen, zu finden, die nach einem Leben als gedemütigte Opfer beispielsweise zu Models avancierten. Über die mühsame Arbeit derer, die sich dafür einsetzten, dass Vergewaltigungen in Kriegen juristisch als Straftatbestand und Kriegsverbrechen gelten, wurde vergleichsweise wenig geschrieben. Selbst das Friedensgutachten 2009 der fünf leitenden Institute für Friedens- und Kon?iktforschung in Deutschland hat es nicht mit den Frauen: Die ersten 33 Seiten Einleitung und Stellungnahme zu Friedensstrategien kommen ohne den Begriff Gender aus, Frauen sind ein einziges Mal als Opfer von Gewalt erwähnt. Nicht nur hier ist sexualisierte Gewalt als Kriegsstrategie der einzige Tatbestand, der mit Blick auf die geschlechterstereotypen Rollen (Frauen sind grundsätzlich Opfer und die Täter immer Männer) mediale Aufmerksamkeit erlangt. Ansonsten ist die Suche nach Erklärungen für die eskalierende Dynamik in Kriegsgesellschaften blind für Geschlechterkategorien.

Die Rollen von Frauen und Männern, von Mädchen und Jungen in Kriegen sind bei weitem nicht so eindeutig wie die Wahrnehmungsmuster, die bei der Beschreibung dieser Rollen zum Tragen kommen. Frauen sind oft die ersten Leidtragenden, aber sie sind auch Täterinnen, Rekrutinnen, Kriegstreiberinnen. Das Geschlechterverhältnis beschränkt sich keineswegs darauf, dass Männer schießen und Frauen Waffen tragen oder Kranke versorgen.

Unser Dossier fragt danach, wie die Geschlechterrollen während, vor und auch nach dem Krieg in Bewegung geraten, wie sie zur Militarisierung einer Gesellschaft beitragen, welche Männlichkeitskonzepte und Frauenbilder bei der immer individuellen Entscheidung, Gewalt auszuüben oder zu unterlassen, wirksam werden.

Geschlechterkonstellationen sind bereits vor dem eigentlichen Beginn eines Krieges wirkungsmächtig. Dabei ist das Geschlechterverhältnis einerseits Kontinuitäten unterworfen: Bestimmte Muster und Rollen sowie individuelle und soziale Verhaltensweisen sind bereits vor den amtsdatierten Kriegsausbrüchen charakteristisch. Andererseits geraten eben diese Rollen in so genannten Nachkriegsgesellschaften vielfach durcheinander - Frauen und Männer übernehmen neue Aufgaben und definieren ihr Verhältnis um.

Gewiss gibt es viele für eine Kriegsgesellschaft prägende Geschlechterphänomene, die man fast überall antreffen kann. Allerdings ist jede Geschlechterdimension nur in der jeweils konkreten Situation wirksam, jede Konstellation immer auch zeit- und kontextgebunden. Aus diesem Grund stellen wir hier - neben einem Schlaglicht auf den Diskurs über die Geschlechterrollen - Einzelbeispiele vor, aus Sierra Leone, Ruanda, Guatemala, Uganda, Irak und Ost-Timor. Sie machen deutlich, dass die Geschlechterkonstellationen in Überschneidung mit anderen Kategorien wie ethnischer Zugehörigkeit, Alters- und Klassenhierarchien, Nationalismus und Traditionalismus zum Tragen kommen.


die redaktion

Das Dossier ist mit Zeichnungen bebildert, die Jochen Ehmann für den Dokumentarfilm "Woman see lot of things" angefertigt hat. Sie zeigen Erinnerungen der drei Protagonistinnen des Films an die Gewalt, die sie erlitten und begangen haben. Mehr zum Film von Meira Asher unter www.womanseelotofthings.com und in der iz3w 302, Seite 27. Den Film gibt es zum Download bei https://docalliancefilms.com/film

313 | Geschlechterrollen im Krieg
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