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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 314 | Zentralasien postsowjetisch Berthold Molden / David Mayer (Hg.): Vielstimmige Vergangenheiten

Berthold Molden / David Mayer (Hg.): Vielstimmige Vergangenheiten

Geschichtspolitik in Lateinamerika. Reihe: Atención! Jahrbuch des Österreichischen Lateinamerika-Instituts (Band 12) Wien 2009. 296 Seiten, 24,90 Euro. Salomón Lerner Febres/ Josef Sayer (Hg.): Wider das Vergessen, Yuyanapaq. Bericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission Peru. Ostfildern 2008. 208 Seiten, 16,90 Euro.

Vergangenheitspolitik in Lateinamerika

Ein Verständnis von Geschichtspolitik, das sich auf die politische Instrumentalisierung von Geschichte durch politische AkteurInnen beschränkt, würde dem diesjährigen Jahrbuch des Österreichischen Lateinamerika-Instituts nicht gerecht werden. Vielmehr verwendet der Sammelband Vielstimmige Vergangenheiten – Geschichtspolitik in Lateinamerika einen bewusst offen gehaltenen Begriff, der sich als analytische Kategorie durch das Buch zieht und sich nicht auf eine Akteursebene beschränkt: »Es gibt kein Denken, Sprechen und Schreiben über Geschichte, das nicht auch einen gewissen Anteil an Geschichtspolitik aufwiese.« In diesem Sinne wird gar nicht erst versucht, ein klar definiertes Feld abzustecken, sondern stattdessen die heterogenen Möglichkeiten, sich dem Thema anzunähern, in der Themenvielfalt der Aufsätze widergespiegelt. Die Herausgeber formulieren als übergreifende Fragestellung der deutschen, englischen und spanischen Beiträge: »Wer spricht über Geschichte in welchem sozialen Kontext, mit welchen Mitteln und zu welchem Zweck?«
Im zweiten Teil des Sammelbandes wenden sich die einzelnen Beiträge auch verschiedenen AkteurInnen zu, werfen die Frage nach ihrer Bedeutung in geschichtspolitischen Kontroversen auf und versuchen diese zu entmarginalisieren. Jens Kastners Aufsatz »Zeitgenössische Kunst als erinnerungspolitisches Medium in Lateinamerika« etwa thematisiert theoretisch und anhand von Beispielen aus Mexiko, Guatemala und Argentinien, wie Kunst in die Konstituierungsprozesse kollektiver Vergangenheit involviert ist. Auch der Beitrag von Stefanie Kron (»Am Rande erzählt. Geschichtspolitiken im Kontext von transnationaler Migration, Exil und Diaspora«) wendet sich einer Gruppe marginalisierter Akteurinnen zu. Anhand einer Genderanalyse von Erzählungen der Rückkehr guatemaltekischer Kriegsflüchtlinge aus dem mexikanischen Exil verdeutlicht sie, wie alternative historische Konstruktionen (counter narratives) politische Subjekte hervorbringen können.
Obgleich länderspezifische Beispiele präsentiert werden, sind diese kaum in einen rein nationalen Kontext gebettet. Mittels ihrer länderübergreifenden Perspektive wird offensichtlich, dass die Herausgeber ein transnationales Verständnis von Geschichtspolitik nahe legen möchten. Dass sich dieses nicht einmal auf den geographischen Raum »Lateinamerika« beschränken muss, zeigt der Artikel von Stephan Scheuzger über transnationale Expertennetzwerke von Wahrheitskommissionen. Ein Sammelband, der über starren Kategorisierungen steht und weitreichende Flexibilität fordert.
Auch der Bericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission Perus, Wider das Vergessen, Yuyanapaq, der sich mit der intensiven Gewalt in den 1980er und 1990er Jahren beschäftigt, beschränkt sich nicht auf einen Blickwinkel. Die maoistische Organisation »Leuchtender Pfad« (Sendero Luminoso) setzte mit dem ersten Gewaltakt 1980 in Ayacucho einen Prozess in Gang, in dessen Verlauf die Regierung den Streitkräften die Führungsrolle im Kampf gegen die ‚Subversion’ überließ. Es kam zu einer Militarisierung des Konfliktes, der sich vom südlichen Teil der zentralen Anden auf ganz Peru ausdehnte. Opfer der Gewalt war größtenteils die ländliche quechuasprachige Zivilbevölkerung, deren Grundrechte nicht gesichert wurden. Bewaffnete, politische und gesellschaftliche AkteurInnen, Opfer, Schauplätze, verübte Verbrechen, psychische Auswirkungen auf die Bevölkerung – der Wahrheits- und Versöhnungskommission ist es gelungen, die Vielschichtigkeit des Konfliktes zu vermitteln. Ein Gesamtplan zur Wiedergutmachung und zur Versöhnung rundet den Bericht ab.
Wünschenswert wäre jedoch eine explizite Selbstreflexion der Kommissionsmitglieder gewesen, umso mehr, da diese im Gegensatz zu den Wahrheitskommissionen anderer lateinamerikanischer Länder internationale SpezialistInnen nicht direkt beteiligte. Ein einfaches »Ihre Mitglieder waren von der Regierung völlig unabhängig« stellt bei einem derart tief greifenden Thema keine ausreichende Auseinandersetzung dar.

Carola Haug

314 | Zentralasien postsowjetisch
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