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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 314 | Zentralasien postsowjetisch Dieter Boris et.al. (Hg.): Sozialstrukturen in Lateinamerika

Dieter Boris et.al. (Hg.): Sozialstrukturen in Lateinamerika

VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008. 339 Seiten, 29,90 Euro.

Sozialstrukturen in Lateinamerika

Der Sammelband Sozialstrukturen in Lateinamerika widmet sich einem bislang wenig beachteten Thema. Einleitend stellt Mitherausgeber Dieter Boris zwar ein steigendes Interesse an Lateinamerika fest, das er auf die Machtübernahme der »Mitte-Links-Regierungen« zurückführt. Die überwiegend politisch-ökonomischen Analysen müssten jedoch verkürzt bleiben, »da ökonomische und politische Prozesse letztlich immer von kollektiven sozialen Akteuren, die gesondert als solche herauszuarbeiten sind, getragen werden.«
Maristella Svampa schildert »Kontinuitäten und Brüche in den herrschenden Sektoren« Argentiniens seit Ende des 19. Jahrhunderts. Sie verweist auf die kulturellen Exklusionsmechanismen jener ökonomisch und politisch privilegierten Sektoren, deren kollektive Praktiken und soziale Strategien ihrem »individualistischen Diskurs« widersprächen. Beispielsweise werde durch gemeinsam ausgeübte exklusive Sportarten wie Golf oder Polo eine soziale Abgeschlossenheit ermöglicht. In den 1990er Jahren hätten die Oberschichten »in ihrem historischen Gegner, dem Peronismus, einen unverhofften Verbündeten« gefunden. Voraussetzung hierfür sei allerdings die Öffnung gegenüber den neureichen Verbündeten des Menemismus gewesen.
Gabriel Kessler und Maria Mercedes Di Virgilio beschreiben das Phänomen der »neuen Armut« in Argentinien und Lateinamerika. Hierbei werden die negativen Auswirkungen der neoliberalen Politik insbesondere auf die Mittelschichten herausgearbeitet: »Die Haushalte verbleiben zwar in ihren angestammten Vierteln der Mittelschichten und gelegentlich können sie ihren Lebensraum auch als Eigentum behalten; aber für die Verbesserung und Instandhaltung ihrer Wohnräume können sie keine weiteren Mittel aufbringen.« Die Verarmung zwinge »zur Aussparung eines Teils des sozialen Lebens.« Gleichwohl könne der Einsatz sozialen und kulturellen Kapitals Kaufkraftminderung in Teilbereichen wettmachen.
Amy Bellone Hite und Jocelyne S. Viterna analysieren die Veränderungen der Sozialstruktur im Hinblick auf die Geschlechterverhältnisse. Dabei stellen sie eine Annäherung der Klassenstrukturen zwischen Frauen und Männern bei gleichzeitiger allgemeiner Absenkung des Lebensstandards fest. Kürzungen im öffentlichen Sektor wirkten sich vor allem negativ auf Frauen aus, da dies der einzige Sektor gewesen sei, »wo Frauen in formalen Arbeitsbedingungen auch vor 1980 gut repräsentiert waren.« Die These von einer Ghettoisierung weiblicher Arbeit im Zuge neoliberaler Strukturanpassungspolitik sehen sie jedoch nicht bestätigt.
Fabiola Escárzaga zeichnet die Entwicklung indigenen Protests zwischen Autonomie und Integration in den Nationalstaat durch Partizipation bei Wahlen in Ekuador, Bolivien, Mexiko und Peru nach. In weiteren Beiträgen werden die Situation der Jugend (Cepal) oder die lokalen Auswirkungen transnationaler Migration in Zentralamerika (Katharine Andrade-Eekhoff) dargestellt, wobei auch der soziokulturelle und politische Austausch betrachtet wird. »Das Phänomen der Migration wird hier als vielschichtiger Prozess mit einer breiten Palette an translokalen Bindungen zwischen Familien, Gemeinden und Ländern verstanden.«
Der Band bietet wichtige Ergänzungen bisheriger Analysen, da die soziostrukturelle Basis politischer Akteure und sozialer Bewegungen empirisch dargelegt wird, ohne die Bedeutung kultureller, ethnischer und milieuspezifischer Entwicklungen außer Acht zu lassen. Nur ansatzweise analysiert werden hingegen die sozialen Veränderungen durch die Mitte-Links-Regierungen in Lateinamerika.

Timm Schützhofer

314 | Zentralasien postsowjetisch
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