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Editorial

Wüste Pläne

In nur sechs Stunden soll allein auf die Wüstengebiete unserer Erde so viel Energie fallen, wie die Menschheit in einem Jahr verbraucht. Was läge da näher, als dieses brachliegende Potenzial zu erschließen, zu verstromen und an die Orte des Verbrauchs zu transportieren. So macht man das mit Uran und Kohle, warum also nicht mit Sonnenenergie.
Die schlauen Köpfe großer Konzerne und politischer Think Tanks in Europa schlossen aus der Erkenntnis: die in anbetracht einer drohenden Klimakatastrophe unumgängliche Energierevolution liegt quasi vor der Haustüre, direkt hinter der europäischen Grenze. In der Sahara.
Um den heutigen globalen Strombedarf zu decken, würde es reichen, drei Tausendstel der weltweit zirka 40 Millionen Quadratkilometer Wüstenfläche mit Spiegeln oder Kollektoren solarthermischer Kraftwerke auszustatten. Pro Mensch, so die Desertec Foundation, genügten etwa 20 Quadratmeter Wüste, um den Strombedarf Tag und Nacht klimaneutral zu decken. Desertec steht für ein Konsortium aus Industrie, Politik und Technikvordenkern, das mit Unterstützung seiner Königlichen Hoheit Prinz Hassan bin Talal von Jordanien sowie der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome gegründet wurde. Der Plan zeigt über 100 Kraftwerke und Hochspannungsleitungen, die sich rund um Europa spinnen. Stiftungssitz ist Berlin.
Die Nutzung von Sonnenenergie hat ihr verstaubtes Ökoimage schon lange abgeworfen und sich zum lukrativen Geschäftsfeld für »grüne« Investoren gemausert. Das hat diejenigen verärgert und enttäuscht, die glaubten, die alternative Sonne-Wind-und-Wasser-Energie könne dem rußenden Kapitalismus die Schornsteine dicht machen.

Grün umrüsten ohne am Massenkonsum zu rütteln, so war das nicht gedacht. Doch damit nicht genug. Das industrielle Muster großtechnologischer Energiewirtschaft wird von den Umweltministerien der Länder nun in kolonialer Manier beworben: »Diese Energiequellen sollen verbunden werden mit anderen regenerativen Energieerzeugern von Island bis Arabien«. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome, Max Schön, meint, »Schleswig Holstein und Marokko haben mit als erste früh erkannt, dass aus der Zusammenarbeit zwischen dem Sonnen- und dem Technologie-Gürtel der Welt der voraussichtlich größte Beitrag zur Abwendung der Klimakatastrophe resultieren kann.«
Während das weltweite Bevölkerungswachstum in vielen Szenarien als zusätzliche Bedrohung des Klimas und der Menschheit dramatisiert wird, will Desertec-EUMENA bis in 40 Jahren problemlos 10 Milliarden Menschen mit sauberer Energie versorgen können. Ein visionäres Rettungsprojekt, das unerschöpfliches Licht auf die Eine-Welt bringt, überall und für immer. »Desertec ist ein Beitrag für eine bessere Welt, für uns und unsere Nachkommen«. Der Name des Projektes verrät, wer gemeint ist: EUMENA steht für Europe, The Middle East, North Africa. Nicht zum ersten Mal ist die Region Gegenstand geografischer Großprojekte.
Bereits in den 1920er Jahren plante der Münchner Baumeister Herman Sörgel eine bessere Welt in Form eines infrastrukturell zusammenhängenden Großkontinentes namens Atlantropa. Hier sollte Europa und Afrika durch ein teilweise trocken gelegtes Mittelmeer sowie zahlreiche Wasserkraft-Stationen miteinander verbunden und die Sahara dabei begrünt werden.

Übrigens wirbt Desertec damit, dank der künftig gewonnenen Sonnenenergie Meerwasser entsalzen und damit den chronischen Wassermangel in Afrika gleich mit der Klimakatastrophe zusammen abschaffen zu können. Ein Vorposten wurde gerade in Südspanien eingeweiht, das Solarkraftwerk Andasol 1 mit 512.000 Quadratmetern (Andasol 2 und 3 sollen folgen). Die Weltbank finanziert den Bau von weiteren Solarkraftwerken in Marokko und Ägypten. Am Ende sollen ein paar hundert Kraftwerke den Eigenbedarf Nordafrikas decken und den Rest exportieren.
Ohne Netzanschluss von Oasen und Großstadtslums (über deren Finanzierung niemand redet) an die grünen Kraftwerke ist dieser Rest voraussichtlich die größere Menge. Für den Stromexport sollen afrikanische Staaten Einspeiserechte in europäische Netze erwerben dürfen – zumindest sind die weniger umstritten als Aufenthaltsrechte derjenigen, die den Folgen des Klimas zu entfliehen versuchen. Desertec hin, Wüstenstrom her. Hin mit Hilfe von 350 Milliarden Euro Investitionskosten (Merkel weiß: es profitieren hiesige Betriebe und Deutschland ist und bleibt Technologieexportweltmeister). Her dank 50 Milliarden für noch nicht existente Gleichstromhochleitungen (die beteiligten Energiekonzerne E.on und RWE wissen das als Beitrag zur Sicherung ihres Absatzmarktes zu schätzen).
Wer das finanzieren soll? Nun, verteilt auf 40 Jahre ist das gegenüber den Bankenrettungspaketen doch ein Klacks. Und schließlich gibt es ja die Erneuerbaren Energiengesetze, die über den Solarstromcent die Kosten am Ende an die Konsumenten weitergeben.
Ein Grund mehr für die iz3w-Redaktion, sich nicht an den Hamsterkäufen des Auslaufmodells Glühbirne zu beteiligen. Ob es sich lohnt, die letzen Schreibtischfunzeln auf Sparlampen umzustellen, ist allerdings noch strittig. Denn die Wolframfäden der Glühbirne verbrauchen auch nur ein Viertel der Energie der alten Kohlenstofffäden. Und während die Effizienz der Straßenlaternen seit 1920 um das Zwanzigfache stieg, nahm die Beleuchtungsdichte um das Vierhundertfache zu. Die beliebteste Sparlampen-Gegenthese: wenn es dunkel wird Feierabend machen.
die redaktion

314 | Zentralasien postsowjetisch
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