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Kriegsende ohne Frieden | In Sri Lanka wird militärisch aufgerüstet

von Fabian Kröger

Vor zwei Monaten erklärte die Regierung von Sri Lanka den über 30-jährigen Bürgerkrieg für beendet. Die tamilischen Rebellen der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) wurden nach monatelangen Luft- und Artillerieangriffen vernichtend geschlagen, ihr Chef Vellupillai Prabhakaran getötet. Es war vor allem die tamilische Zivilbevölkerung, die für diesen Sieg einen hohen Preis bezahlen musste: Mitarbeiter der Vereinten Nationen schätzten, in den ersten vier Monaten des Jahres 2009 habe es 7.000 Tote gegeben. Kurz nach Kriegsende sickerte die Zahl von weiteren 20.000 Toten durch: Von Ende April bis zum Kriegsende am 19. Mai seien jeden Tag 1.000 Zivilisten getötet worden, schrieb die Times unter Berufung auf UN-InformantInnen, Berichte von AugenzeugInnen und Fotos der mit Bombenkratern übersäten Zeltstädte an der Küste. Die Armee hatte dort eine No-Fire-Zone für die Flüchtenden eingerichtet, bombardierte dann aber genau diese Zone immer wieder.
Doch auch die Tamil Tigers begingen Verbrechen an Tamilen. AugenzeugInnen berichteten, dass die Rebellen auf tamilische ZivilistInnen schossen, als sie versuchten, aus dem Kriegsgebiet zu flüchten. Minderjährige wurden für den Kampf zwangsrekrutiert und an der Front verheizt. Die Rebellen beschossen nicht nur die vorrückenden Truppen, sie benutzten auch die tamilische Zivilbevölkerung – die sie eigentlich zu vertreten vorgeben – als menschlicher Schutzschild. Dennoch rechtfertigt dies nicht die Tötung von Tausenden von Zivilisten durch das Militär. Zwischen Januar und Mai wurden Zehntausende Zivilisten regelrecht abgeschlachtet.
Der Einsatz schwerer Waffen in dicht bevölkerten Gebieten ist ein Kriegsverbrechen nach Artikel 3 der Genfer Konvention von 1949. Im Human Rights Council der Vereinten Nationen scheiterte Ende Mai der Versuch, die von beiden Seiten begangenen Kriegsverbrechen zu untersuchen. Sri Lanka schmetterte den Vorstoß Europas mit Hilfe starker Verbündeter wie Indien, China und Pakistan ab. Ohne die Aufklärung von Kriegsverbrechen gibt es aber kaum eine stabile Grundlage für ein friedliches Zusammenleben.

Im Camp gefangen
Hinzu kommen Menschenrechtsverletzungen, die im Kontext des Flüchtlingselends begangen werden: Zu den dringendsten Aufgaben gehört die Rücksiedlung der Vertriebenen im Nordosten Sri Lankas. Fast die gesamte Bevölkerung von zwei Distrikten des Landes wurde nach der Flucht aus dem Gebiet der Tamil Tigers in 40 Camps eingesperrt, die von der Armee kontrolliert werden. Die meisten Flüchtlinge sind Fischer und Farmer, die sich noch vor einigen Monaten selbst versorgen konnten – der Krieg hat sie zu Hilfsempfängern gemacht. Die humanitären Verhältnisse für diese 300.000 landesintern vertriebenen Personen (IDPs) sind haarsträubend. Die Versorgung mit Unterkünften, Nahrung und Medikamenten ist unzureichend, oft gibt es nur eine Toilette für 100 Personen. In Zelten, die für fünf Personen ausgelegt sind, müssen 15 Flüchtlinge unterkommen. Viele Kinder sind unterernährt. Hinzu kommen Krankheiten wie Pocken, Leberentzündungen und Durchfall. Allein in der Manik Farm, mit 220.000 Personen das größte IDP-Camp weltweit, sterben laut Informationen von Hilfsorganisationen jede Woche 1.400 Personen an Infektionen.
Die Lagerinsassen sind der Armeewillkür ausgeliefert – insbesondere für Frauen ist die Situation fürchterlich. So verschwinden viele der 14- bis 17-jährigen Mädchen mit LTTE-typischen Kurzhaarschnitten spurlos, berichten srilankische MenschenrechtlerInnen. Andere Quellen berichten von Vergewaltigungen und Prostitutionsringen in den Camps. In einem Fall verschwanden 800 Personen spurlos, nachdem sie in Bussen abtransportiert wurden. Vielen großen Hilfsorganisationen sind diese Fälle bekannt, sie machen sie aber nicht publik, um nicht des Landes verwiesen zu werden.

Keine Zugeständnisse
Was in den Camps passiert, wird im Ausland aufmerksam verfolgt. Die Situation in den Camps gilt als eine Art Gradmesser dafür, wie die Regierung die Minderheiten in Zukunft zu behandeln gedenkt. Die Marginalisierung der Tamilen wurzelt in der britischen Kolonialzeit und entfaltete sich nach der Unabhängigkeit 1948. Obwohl Sri Lanka ein multi-ethnischer Staat ist, wurde dies von der singhalesischen Mehrheit nie anerkannt. So werden Nicht-Singhalesen bis heute bei Ausbildung und Arbeitssuche diskriminiert. Der Status der Tamilen als vollwertige BürgerInnen Sri Lankas bleibt auch nach dem Sieg über die LTTE prekär – sie stehen weiterhin unter Generalverdacht. So finden in bestimmten Stadtteilen der Hauptstadt Colombo wöchentliche Hausdurchsuchungen statt.
Symptomatisch für die andauernde Frontstellung des singhalesisch dominierten Staates gegenüber den Tamilen sind die überall im Land angebrachten Plakate, auf denen der Armee für den Sieg gedankt wird. Erstens sind sie nur in Sinhala, nicht in Tamil verfasst. Zweitens steht darauf nicht etwa, die Bevölkerung des Landes danke den Soldaten, sondern »unsere Rasse« – gemeint sind die Singhalesen. Die Tamilen, also jene Gruppe, von der die Regierung behauptet, sie befreit zu haben, wird hingegen nicht angesprochen.

314 | Zentralasien postsowjetisch
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