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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 314 | Zentralasien postsowjetisch Frigga Haug: Die Vier-in-einem-Perspektive

Frigga Haug: Die Vier-in-einem-Perspektive

Politik von Frauen für eine neue Linke. Argument, Hamburg 2008. 348 Seiten, 19,50 Euro.

Eine vernünftige Utopie

»Eine Utopie von Frauen, die eine Utopie für alle ist«, nennt die Marxistin und Feministin Frigga Haug ihr Buch Die Vier-in-einem-Perspektive. Darin fasst sie die Ergebnisse ihrer jahrzehntelangen Arbeit über Reproduktion, Erwerbsarbeit, Politik und Kultur zusammen. Haug entwickelt Perspektiven für eine Zusammenführung dieser vier Säulen im Sinne einer gerechten Politik von unten. Ihre These: Nur wenn alle vier Bereiche – Reproduktion, Erwerb, Politik und Kultur – verknüpft werden, ist Politik umfassend gestaltet. Ihr Buch ist deshalb auch konsequent in vier Teile gegliedert, die wie eine Art Wegweiser funktionieren und Theorie und Praxis zusammenführen sollen.
Frigga Haugs große Stärke ist dabei die politische Analyse von Missständen anhand persönlicher Schilderungen aus Kindheits- und Studentinnentagen. Dass Arbeitsteilung direkt mit Herrschaft und dem Geschlechterverhältnis verbunden ist, erzählt sie ganz nebenbei anhand der Märchen der Gebrüder Grimm. Und ihre Kritik an der Arbeit entfaltet sie in einer persönlichen Erinnerung an das Milchholen als Kind beim Bauern. Ironie und Humor zeichnen das gelegentlich etwas trocken daherkommende Buch aus. Es ist zum Schmunzeln, wenn sie darüber schreibt, wie sie die »Mühseligkeit der Arbeit mit der Entwicklung der Theorie von Aristoteles bis Hegel und ihre Lust mit der Wirklichkeit der Subbotniks und der Theorie des Marxismus« verband. Zur Waffe wird ihr Humor, wenn sie sich beispielsweise mit der aktuellen Debatte um Hartz IV beschäftigt.
Haug betrachtet ihre eigene (Arbeits-)Geschichte und die Entwicklung ihrer feministischen Positionen durchaus selbstkritisch. Manche der Texte sind schon über zwanzig Jahre alt, doch sie haben an Brisanz nichts verloren. Die Vorschläge zu einem Paradigmenwechsel in der Arbeitsforschung in Bezug auf beide Geschlechter sind aktueller denn je. Im Kapitel »Kulturelle Entwicklung« beschreibt Haug, wie wichtig eine Politik der Frauen von unten sowie Freiheit im Sinne von Ausbruch sind. Sätze wie »Auch sich opfern ist eine Tat« oder »Jede Unterdrückung, die nicht ausschließlich auf Zwang beruht, muss mit der Zustimmung der Unterdrückten rechnen«, sorgten in den 1980er Jahren für Furore. In Frauenfragen scheint die Geschichte auf der Stelle zu treten. Ihre Forderung, (Frauen-)Geschichte aufzuarbeiten, ist auch deshalb heute noch so bedeutungsvoll, wenn anstelle von »vernünftigen Utopien« Fragen um das Erziehungsgeld bzw. um Mutterschaft, Hausfrauisierung und Quotenregelung zum Dauerbrenner der (Real-)Politik werden.
Die Sozialwissenschaftlerin sieht Geschlechterverhältnisse als Produktionsverhältnisse – und umgekehrt. Das mag zunächst anmaßend klingen, wird aber logisch, wenn Haug anhand der Werke von Marx, Engels, Gramsci und Althusser darlegt, dass zentrale Begriffe zur Analyse der Produktionsverhältnisse – etwa der Doppelcharakter der Arbeit, Klasse und Klassenkampf – nicht geschlechtsneutral zu denken sind. Und hier ist Haug wieder bei ihren zentralen Analysekategorien angelangt: Bei Reproduktion, unbezahlter Hausarbeit und »Herrschaft nicht bloß einseitig als Tat der Oberen sowie Beherrschtwerden nicht bloß als Passivität.«

Rosaly Magg

314 | Zentralasien postsowjetisch
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